Zeitung Heute : „Ich träume – und wache schreiend auf“

Merkwürdig, diese Briten: Setzen ihren Lordkanzler auf einen Wollsack mit Flöhen. Und schlafen im Parlament. Ruth Rendell kann das alles erklären.

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Frau Rendell, Sie sind Mitglied im House of Lords, einer ehrwürdigen politischen Einrichtung und…

…oh ja, bei uns gibt es viel Stein, viele Ornamente, viel Gold, schwere Tapeten. Es gibt sogar eine Kammer, in der die Königin immer ihre Robe anzieht, bevor sie zu uns kommt. Wir haben ein Schriftstück, auf dem die Enthauptung von Charles I. urkundlich festgehalten ist. Wir haben eine Menge Ölgemälde von einstmals wichtigen Menschen an den Wänden, eine wunderbare Bibliothek...

...und einen Club mit einer sehr guten Küche.

Ehrlich gesagt, das Essen ist nicht so gut. Ich bin Mitglied im „Refreshment Comittee“. Wir versuchen alles, um die Qualität zu verbessern. Es ist uns noch nicht gelungen. Ich würde niemals freiwillig im House of Lords essen. Aber manchmal muss ich, weil ich so lange dort bin. Der Essenssaal ist allerdings sehr schön, und die Bedienung ist wunderbar, sehr zuvorkommend. Und es gibt eine ausgezeichnete Bar.

Getränke sind frei?

Nein. Wir werden für unsere Arbeit auch nicht bezahlt. In diesem Parlament ist alles etwas anders. Wir sagen auch „Guten Morgen“, wenn es schon 14 Uhr ist. Und wenn der Lordkanzler aufsteht, müssen alle anderen sitzen. Das kann ganz schön stressig sein. Einmal musste ich mich schnell auf den Fußboden fallen lassen, weil gerade kein Stuhl in der Nähe war. Und wenn es einem nicht gelingt, sich zu setzen, dann rufen alle: „Ordnung, Ordnung“. Es ist schon lustig dort. Zum Beispiel darf man nicht zwischen dem Stuhl mit dem Wollsack drauf und dem daneben stehenden Glastisch hindurchgehen.

Pardon, für Außenstehende hört sich das ziemlich verrückt an.

Das glaube ich gern. Aber man gewöhnt sich dran.

Der Lordkanzler sitzt also immer noch auf einem Wollsack?

Ja. Der Wollsack kommt aus der Zeit Richards III. Das ist eine ganze Weile her, 13. Jahrhundert. Der Wohlstand der Insel begründete sich auf Schafe und ihrer Wolle. In dieser Zeit saß der Lordkanzler auf einem riesigen Wollsack mit einer Unmenge von Flöhen darin. Das war ein Symbol für den Reichtum Englands. Heute sind keine Flöhe mehr darin. Obwohl, wer weiß?

In den Fernsehnachrichten sind immer mal wieder schlafende Mitglieder des House of Lords zu sehen.

Manchmal wird es wirklich langweilig. Aber bevor ich einschlafe, gehe ich lieber. Man sollte sich nie hinter einen Minister setzen, wenn er redet. Dann zoomt die Kamera auf ihn und man ist mit im Bild. Einmal schlummerte ein Mitglied direkt hinter dem Minister. Der Saaldiener ging zu ihm und wies ihn darauf hin: „My Lord, der Minister wird in fünf Minuten sprechen, Sie sollten vielleicht...“ Der Mann schickte den Saaldiener einfach fort und schlief weiter.

Ist das House of Lords eigentlich gut zu heizen?

Das schon, nur die Räume der Hochgalerie nicht. Die Bibliothek ist warm. Es gibt übrigens jede Menge Mäuse dort. Zu Hause habe ich zwei Katzen, eine davon ist ein erstklassiger Jäger. Wenn ich sie mitnehmen könnte, hätte sie eine wunderbare Zeit. Sie würde uns von den Mäusen befreien, und ich würde diesen Service nicht einmal in Rechnung stellen. Man sagt ja, Katzen sind unhygienisch. Dabei ist meine Katze sehr sauber.

Bis 1999 wurden die Sitze im Oberhaus noch vererbt – unvorstellbar für Deutsche.

Es wird Veränderungen geben. Auch viele der alten Erblords, die gehen müssen, werden Peers auf Lebenszeit werden, weil sie gut und erfahren sind. Nur der Wollsack, der bleibt garantiert.

Sie leben da auf einer höflichen, antiquierten Insel mitten in einer sehr rauen Welt.

Nicht immer. Während des Irak-Kriegs gab es sehr, sehr hitzige Debatten. So eine Situation hatte ich noch nie erlebt. Ich war gegen den Krieg. Es war sehr emotionsgeladen. Freunde stellten sich gegeneinander, einige Freundschaften zerbrachen auch daran. Eine Ministerin ist zurückgetreten, weil sie nicht mit einer Regierung zusammen arbeiten wollte, die Krieg führt. Ja, doch, sehr eindrucksvoll.

Es gab noch eine andere Krise: die Kelly-Affäre. Der Waffenexperte David Kelly beging Selbstmord. Er war als Informant eines BBC-Reporters enttarnt worden. Dieser hatte der Blair-Regierung vorgeworfen, die Gefahr, die aus dem Irak drohe, „aufgebauscht“ zu haben. Ein guter Krimiplot.

Ich werde dieses Thema nicht literarisch verarbeiten. Und ich werde nicht mit Ihnen darüber reden.

Bedauerlich. Was sagen denn die Mitglieder des House of Lords zu Ihren Büchern?

Dasselbe wie alle anderen auch. Sie fragen, woher ich meine Charaktere beziehe. Sie bringen mir Bücher mit und wollen ein Autogramm für ihre Verwandten zu Weihnachten.

Weshalb veröffentlichen Sie unter zwei verschiedenen Namen?

Als Barbara Vine schreibe ich Thriller und als Ruth Rendell Kriminalromane. So einfach ist das. Ich bin jedenfalls nicht schizophren oder eine gespaltene Persönlichkeit. Manche Leute lesen beide Stilrichtungen, andere mögen das jeweils andere nicht. Mir ist das egal.

Sie schreiben andauernd über Verbrechen, träumen Sie schlecht?

Ich habe eine Phobie. Aber davon erzähle ich Ihnen nichts. Sonst werden andere womöglich darauf aufmerksam. Aber wenn ich von dieser Phobie träume, dann wache ich schreiend auf. Es ist eine sehr starke Phobie. Einen Albtraum vom House of Lords hatte ich allerdings noch nie.

Lady Rendell, Sie wurden 1997 zur Baroness ernannt. Verändert sich das Leben als Adlige?

Anfangs war es etwas schwierig. Niemand wusste, wie er mich anreden sollte. Dann blieben die meisten einfach bei Ruth. Nur im House of Parliament spricht man mich mit My Lady oder Lady Rendell an. Ich finde das in Ordnung. Blöd war nur: Ich musste auch alle meine Briefköpfe ändern und mit meinem neuen Namen „Lady Rendell Baroness of Babergh“ bedrucken lassen.

Von wie…?

Geben Sie mir einen Stift. Ich schreibe Ihnen den Namen sicherheitshalber auf.

Babergh. Wer denkt sich diese Namen aus?

Ich selbst. Babergh ist eine recht schöne Gegend in Suffolk. Ich habe dort ein Haus und zahle dort auch Steuern. Nebenbei bemerkt: nicht wenig. Ich habe mich für diesen Titel entschieden, weil ich in London sehr oft umgezogen bin, in Babergh aber noch nie. Leider kann niemand diesen Namen aussprechen oder richtig buchstabieren. Vielleicht hätte ich doch einen anderen aussuchen sollen.

Sie haben noch einen anderen Titel: Commander of the British Empire. Das klingt mächtig nach Truppen und Geschützen.

Damit hat es nichts zu tun. Das ist nichts weiter als eine Auszeichnung. Wie bei Ihnen das Bundesverdienstkreuz. Man kann bei uns Mitglied des Britischen Empires sein oder ein Commander. Ich wurde 1996 Commander. Truppen gibt es keine dazu. Nur einen Sticker, den man am Revers befestigen kann. Ich habe ihn bis jetzt weder getragen noch habe ich diesen Titel vor meinen Namen gesetzt. Ich will ja nicht ständig meine Briefköpfe ändern. Doch wir Engländer mögen diese Titel, sie sind Ausdruck unserer Traditionen. Auch wenn wir uns hin und wieder darüber amüsieren.

Können Sie Ihren Titel vererben?

Nein, nicht mehr. Mein Sohn wird niemals Lord Rendell. Er ist nicht traurig darüber.

Mit der Titelverleihung berief Sie Tony Blair 1997 auch ins House of Lords, das britische Oberhaus.

Ja, ich bin aktives Mitglied der Labour Partei und habe viel für die Partei getan. Ich habe Tony Blair nie gefragt, warum er mich ins House of Lords geholt hat. Mich hat es gefreut.

Sie haben 50 Bücher in 40 Jahren geschrieben. Sie gehen fast jeden Tag ins House of Lords und sitzen da bei Abstimmungen manchmal bis spät in die Nacht. Sie sind unglaublich diszipliniert.

Darüber denke ich nicht nach, ich mache es einfach. Ich stehe gegen sechs Uhr auf, treibe Sport, frühstücke und schreibe drei oder vier Stunden. Zum Mittag esse ich nichts. Danach gehe ich ins House of Lords und versuche, gegen halb acht Uhr am Abend wieder zu Hause zu sein. Das klappt nicht immer. Meistens bin ich erst um neun wieder da. Am Wochenende schreibe ich auch.

Es ist Ihnen aber freigestellt, dorthin zu gehen. Außerdem hat das nicht vom Volk gewählte Oberhaus nicht sehr viel Macht. Es kann nur Gesetzentwürfe aus dem Unterhaus diskutieren, ein paar Details hinzufügen oder sie für ein Jahr aufhalten.

Stimmt. Ich könnte nie wieder dort auftauchen oder nur zum Essen hingehen. Ich bin aber ein „working peer“, ich gehe vier Tage in der Woche hin.

Warum nehmen Sie diese Strapazen auf sich?

Durch meine Mitgliedschaft im House of Lords habe ich sehr interessante Menschen kennen gelernt, die besten Köpfe unseres Landes, Wissenschaftler, Astronomen, Linguisten, Bischöfe, Führungskräfte der jüdischen und der islamischen Gemeinschaft, Präsidenten von Universitäten, Experten aus jeder Richtung. Das ist für die Recherche zu meinen Büchern sehr hilfreich. Wenn ich irgendeine medizinische Frage habe, gehe ich einfach zu einem meiner Lords. Der schreibt alles auf oder erklärt es mir so lange, bis ich es verstehe.

Sie haben sich selbst einmal als links bezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Man ist entweder links oder rechts. Das ist schon so, wenn man auf die Welt kommt. Ich war immer links. Ich glaube an ein starkes Sozialsystem und an ein gutes Gesundheits- und Bildungssystem. Und an Fairness.

Daran glauben viele Konservative doch auch. In Deutschland bauen die Sozialdemokraten das Sozialsystem ab. Tony Blair und seine Partei sind in den Krieg gezogen.

Es ist viel schwieriger geworden, noch einen extremen Linken oder Rechten zu finden, wie es sie vor 50 Jahren gab. Und das ist auch gut so.

Sie sind sehr engagiert im House of Lords, setzen sich für Frauenrechte und Homosexuelle ein.

Eines meiner Ziele war ein Gesetz, das die Beschneidung der Klitoris von Frauen verbietet. Es gibt Eltern, die ihre Töchter außer Landes bringen, um sie dort beschneiden zu lassen. Besonders oft am Horn von Afrika. Wenn ein Gesetz bei uns im House of Lords verabschiedet wird, muss es noch durchs Parlament, das Unterhaus. Oder wenn eine Gesetzesvorlage von dort kommt, muss es noch zu uns. Es muss auf jeden Fall durch beide Häuser, Unter- und Oberhaus. Ganze fünf Jahre hat die Ausarbeitung dieses Gesetzes gedauert. Vor kurzem wurde es nun verabschiedet. Und Anfang dieses Jahres ist es in Kraft getreten.

Glückwunsch.

Danke. Eines meiner weiteren Ziele ist die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen. Dieses Thema hat übrigens viel mit rechts und links zu tun. Wir haben große Fortschritte in dieser Richtung gemacht. An den Schulen wird Homosexualität mittlerweile als ganz normaler Bestandteil der Sexualität gelehrt.

Im vergangenen Jahr brachte Innenminister David Blunkett einen Gesetzesentwurf im Unterhaus ein, der Briten unter 16 Jahren den Sex verbieten soll. Der Grund ist die hohe Geburtenrate unter Teenagern. Eltern wird sogar mit Gefängnisstrafe gedroht.

Wer soll das kontrollieren? Dieses Gesetz wird niemals in Kraft treten. Selbst wenn der Entwurf auf die Tagesordnung gesetzt wird, niemand wird ihn akzeptieren. Die Polizei ist schon mit Einbrüchen überfordert. Wie sollen sie dann noch so etwas wie Geschlechtsverkehr kontrollieren? Falls dieser Entwurf im House of Lords diskutiert werden sollte, stimme ich auf jeden Fall dagegen. Es wäre viel besser, wenn man sich um gute Aufklärung kümmern würde. Noch immer finden es einige Eltern merkwürdig, wenn sie ihren Kindern die Pille geben sollen. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr die Pille ans Herz legen. Aber ich habe einen Sohn, und dem habe ich andere Dinge ans Herz gelegt.

Sie haben einmal gesagt, dass man die Welt mit Literatur nicht verändern kann. Glauben Sie, dass es mit Politik möglich ist?

Nein. Ich bin in keiner starken Position. Im Kleinen vielleicht. So wie ich es beschrieben habe, ein Gesetz hier, ein anderes dort.

Große Passagen Ihres letzten Buches „Königliche Krankheit“ spielen im House of Lords. Sie beschreiben teilweise sehr seltsame Rituale. Zum Beispiel die Einführungszeremonie. Gab es auch eine, als Sie aufgenommen wurden?

Ja. Man trägt eine Robe und hat zwei Bürgen, die einen begleiten. Perücken tragen wir dabei keine. Dann unterschreibt man ein Dokument und geht zum Lordkanzler, schüttelt Hände und freut sich. Mehr passiert da nicht. Ach so, alle müssen aufstehen. Als ich eingeführt wurde, gab es zwei alte Männer, die nicht mehr von allein hoch kamen. Wir sind eben kein sehr junges Haus.

Sie schreiben auch, dass die Mitglieder des Oberhauses sich vor dem „Cloth of Estate“, einer Art Thronbehang verbeugen.

Ja, wenn wir den Saal betreten, verneigen wir uns in die Richtung des „Cloth of Estate“. Das symbolisiert die Monarchie. Ich mag diese Dinge, Sie etwa nicht?

Es klingt etwas altmodisch. Wie lange dauert es, bis man das System und die Regeln des House of Lords verstanden hat?

Mein Mann war früher als Korrespondent im House of Commons und im House of Lords. Er hat mir viel davon erzählt. Als ich dann das erste Mal ins House of Lords kam, dachte ich, ich kenne mich schon ein wenig aus. Ich habe bald festgestellt, dass ich gar nichts wusste. Aber seit 1997 habe ich viel dazugelernt. Jedes Mitglied erzählt mir ein bisschen. Zu Beginn fragt man die Leute noch nach dem Weg, später nach den Besonderheiten, und so fügt sich ein Puzzlestein zum anderen. Die beste Quelle sind die Pförtner, die sind wunderbar und wissen alles. Ich bin mir übrigens sicher, dass die meisten Briten nicht wissen, wie dieses Haus funktioniert.

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