Zeitung Heute : "Ich trete gegen mich selbst an"

Herr Böhme[seit mehr als einer Woche kriegen]

Heute startet "Talk in Berlin" offiziell. Wie gelingt der Neuanfang?

Erich Böhme wurde am 8. Februar 1930 in Frankfurt am Main geboren. 1958 ging er zum "Spiegel", um 1973 als Nachfolger von Günter Gaus Chefredakteur des Hamburger Magazins zu werden. Zur Trennung kam es 1989, nachdem Böhme in einem Kommentar geschrieben hatte: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden." Von 1990 bis 1994 war Böhme Herausgeber der "Berliner Zeitung", ab 1990 moderierte er acht Jahre lang den "Talk im Turm" bei Sat 1. Mit Heinz Eggert sitzt Böhme seit 1998 im "Grünen Salon" von n-tv. Heute startet der Moderator im gleichen Programm offiziell seinen "Talk in Berlin". Franz Müntefering (SPD), Peter Müller (CDU), Wolfgang Kubicki (FDP) und der Jurastudent Rupprecht Podszun verhandeln das Thema "Gelingt der CDU ein Neuanfang?". Thomas Eckert und Joachim Huber sprachen mit Erich Böhme über Clowns, Frauen und die Grenzen der Unterhaltung.

Herr Böhme, seit mehr als einer Woche kriegen Sie richtig Prügel. Wie geht es Ihnen?

Sie werden es nicht glauben, aber mir geht es hervorragend. Je mehr Schläge man kriegt, desto härter wird man.

Sind Sie nicht auf dem besten Weg, der Axel Schulz des deutschen Talk-Fernsehens zu werden?

Nein, der Schulz verliert ja immer. Ich dagegen sehe mich als Winner, auch wenn es mal ein blaues Auge gibt.

Was haben Sie von Haider gelernt? Muss eine Talk-Show nicht anders gemacht werden?

Eine Talk-Show kann sehr viel leisten. Die Voraussetzung ist eine Runde von Leuten, die ehrlich miteinander diskutieren wollen. Immer wenn es gegen einen gehen soll, muss die Talk-Show scheitern. In dieser Hinsicht habe in meinen Mund in Bezug auf Herrn Haider sicher zu voll genommen.

Das Prinzip Talk-Show: miteinander, nicht gegeneinander?

Die Beteiligten müssen sich unterhalten wollen. Sonst geht es nicht.

Vielleicht haben Sie ja doch alles richtig gemacht. Seit Haider bei Ihnen war, spricht ganz Deutschland nur noch über Böhme.

Wenn es der Zweck von Talk-Shows wäre, ausschließlich Quote zu machen, dann hätten Sie vielleicht Recht. Ich habe aber auch noch einen publizistischen Ansatz. Ich möchte in einem Gespräch mit an der Sache interessierten Leuten etwas herausbekommen, das die Zuschauer fesselt und dazu bringt, zu Hause weiter zu diskutieren. Das halte ich für den Sinn einer Talk-Show.

Aufklärung, gut und schön. Aber müssen Sie nicht die Menschen auch mit Gags und Tricks am Gerät halten?

Ich habe gelernt, dass Fernsehen mindestens zu 50 Prozent Zirkus ist. Und ich bin bereit, in diesem Zirkus mitzuspielen.

Als was?

Als Clown, natürlich, als was denn sonst.

Politiker fühlen sich heute in Fernsehstudios so zu Hause wie in ihren Wohnzimmern. Muss sich da das Fernsehen nicht verändern, will es sich nicht bloß benutzen lassen?

Eine Talk-Show lebt von der Zusammensetzung der Gäste, das ist der Kern ihres Erfolgs. Wenn ich immer dieselben Leute einlade, dann ist Langeweile vorprogrammiert. Es müssen Betroffene dabei sein, damit die Politiker nicht immer nur aufeinander einschlagen.

Wie müsste denn idealerweise eine Runde zum Thema CDU-Spendenaffäre zusammengesetzt sein?

Ich will heute bei "Talk in Berlin" darüber diskutieren, welche Konsequenzen die Affäre für die kommenden Wahlen haben könnte. Ich habe einen jungen Mann eingeladen, Rupprecht Podszun, 24 Jahre alt und Jura-Student, der ein Buch geschrieben hat, das in diesen Tagen erscheint: "Die verkalkte Republik". Der soll den Politikern mal den Marsch blasen. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Die Konkurrenz schläft nicht, das Jahr ist noch jung. Gehen Ihnen nicht die Gäste aus?

Wenn wir nur Generalsekretäre und Parteivorsitzende einladen wollten, dann ja. Aber es gibt genügend andere interessante Menschen.

Nennt man das nicht aus der Not eine Tugend machen?

Ich will niemandem zu nahe treten. Aber wenn Sie beinahe jeden Sonntag Herrn Westerwelle, Herrn Müntefering oder Frau Merkel zusammen zu Gast haben, dann nutzt sich das doch ein bisschen ab, so originell diese Menschen im Zweifelsfall auch sein mögen.

Der "Grüne Salon" bei n-tv läuft erfolgreich. Das Konzept war neu: Zwei Fragesteller, Heinz Eggert und Sie, sitzen einem Gast gegenüber. Jetzt recyceln Sie bei "Talk in Berlin" das Konzept von "Talk im Turm". Ist das nicht ein Rückschritt?

"Talk im Turm" hatte Erfolg. Und mich spornt dieser Erfolg an: Weil ich glaube, dass wir ihn wiederholen können.

Damals tauchten Sie als Ex-Chefredakteur des "Spiegel" beim Fernsehen auf wie Phönix aus der Asche. Heute zählen Sie zu den Altmeistern der Talk-Shows und haben die Haider-Schlappe im Rücken. Alle warten doch nur darauf, dass Sie sich blamieren.

Lass Sie doch gucken. Wenn die ihren Spaß dabei haben. Natürlich trete ich gewissermaßen gegen mich selbst an. Aber das Risiko gehe ich gern ein.

Sie kümmert das gar nicht?

Das ist mir vollkommen wurscht. Lasst mich doch untergehen! Der Erfolg meines Lebens liegt hinter mir. Heute bin ich der alte Affe, der das Tanzen wieder anfängt. Gönnt mir doch das Vergnügen. Hindern kann mich nur ein Mensch: meine Frau. Wenn sie sagt, du machst dich zum Narren der Nation, dann ist sofort Schluss.

Sind Sie nicht dabei, zum Talk-Komödianten abzurutschen? Nach der Devise, das große, ernste Theater liegt hinter mir, jetzt wird gelacht?

Was ist dagegen zu sagen, wenn gelacht wird? Ich würde Fernsehen nicht machen, wenn ich vor blinden Kameras auftreten müsste. Und wer bestimmt, was großes Theater ist und was nicht?

Was hält Sie eigentlich davon ab, am Sonntag schön am Kamin zu sitzen, die Hand Ihrer Frau zu halten, ein Gläschen Roten zu trinken und Sabine Christiansen zu gucken?

Christiansen würde ich mir nicht ansehen. Mit einer Hand bei meiner Frau und der anderen am Rotwein hätte ich keine mehr frei zum Umschalten.

Sie mögen Frau Christiansen nicht?

Doch, doch, als Mensch mag ich sie außerordentlich. Ich habe ihr, als sie anfing, sogar Ratschläge gegeben. Sie hat sie zum Teil sogar befolgt, das hat mich dann doch überrascht. Ich habe nur das Gefühl, es könnte ein anderer die Sendung besser machen.

Aber Sabine Christiansen ist erfolgreich.

Es ist immer ein Reiz, wenn eine Frau so eine Sendung macht. Das wollen wir Machos ja nie so recht glauben. Und gucken deshalb natürlich umso lieber zu.

Sie machen "Talk in Berlin" bei n-tv, einem Spartensender. Haben Sie keine Angst, dass keiner zuguckt?

Die Info-Elite wird zusehen. Schon allein wegen der Bauchbinden mit den Aktienkursen. Und ich habe nichts dagegen, wenn mir eine Elite auf die Finger guckt.

Wenn Sie schon auf die Quote pfeifen, welche Gründe gibt dann noch, weiter zu machen?

Es macht mir einfach Spaß. Glauben Sie, ich steige gramvoll und schwer beladen in den Ring? Wenn dem so wäre, würde ich mich wirklich in einem Fass voller Rotwein ertränken - oder eine Wurstbude in Paris aufmachen. Als n-tv mich fragte, ob ich eine ähnliche Sendung wie "Talk im Turm" machen wolle, habe ich nicht lange überlegt. Ich habe die Sirenengesänge gehört - und es war um mich geschehen.

Ihre Triebfedern heißen also: Spaß, Eitelkeit und journalistischer Anspruch. Sehen wir das richtig?

Genau. Treffender hätte ich es auch nicht sagen können.

Die Konkurrenz macht mobil: demnächst wird auch Roman Herzog beim Bayerischen Rundfunk talken. Was sagen Sie dazu?

Roman Herzog war ein guter Bundespräsident und ist ein hervorragender Ruheständler. Zu seiner Talk-Karriere kann ich ihm nur eines wünschen: Good luck. Er wird es brauchen.

Am 27. Februar wird in Schleswig-Holstein gewählt, aber es gibt keinen "Talk in Berlin". Hat sich keiner gefunden, der zu Ihnen kommen will?

Ich habe keine Lust auf eine dieser üblichen Politikerrunden. Sie werden mich aber trotzdem am 27. bei n-tv sehen können: als Kommentator. Freuen Sie sich auf den "Grünen Salon" am Montag. Da reden wir dann über Schleswig-Holstein.

Wer kommt denn?

Eigentlich sollte es ein Geheimnis bleiben, aber Ihnen verrate ich es: Björn Engholm. Und ich kann Ihnen sagen: Auf das Gespräch freue ich mich.

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