Zeitung Heute : „Ich unterliege einem Berufsverbot“

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Simon

Was gibt es Schlimmeres für einen Journalisten als nicht schreiben zu dürfen? Zum Beispiel, wenn Wahljahr ist, und es sich bei dem Journalisten um einen politischen Journalisten handelt. Peter Boenisch hat schon seit acht Monaten keine Zeile mehr veröffentlicht. Er unterliege einem „Berufsverbot“, und „das geht nun schon seit acht Monaten so“, klagte er gestern. An diesem Dienstag feierte er nicht nur seinen Hochzeitstag, das war auch der Tag, an dem die nunmehr zweite Verhandlung im Prozess Peter Boenisch versus Axel Springer Verlag stattfand.

Peter Boenisch ist der Erfinder der „Bravo“, war Chefredakteur von „Bild“ und „Welt am Sonntag“, arbeitete jahrzehntelang für den Axel Springer Verlag und war ein Vertrauter des 1985 gestorbenen Verlegers. Zuletzt war er Autor von „Bild“ und „Bild am Sonntag“, Berater des Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsrat der Verlags-AG. Bis er während der vor einem Jahr tobenden Debatte um die Straßenkämpfer- Vergangenheit von Außenminister Joschka Fischer einen Kommentar in „Bild“ geschrieben hat, in dem er Verständnis für die Gedanken und Taten der 68er-Generation zeigte, und in dem er zugleich Selbstkritik an den eigenen Gedanken und Taten in jener Zeit übte. Das passte dem Verlag gar nicht. Peter Boenisch musste sein Aufsichtsratsmandat niederlegen – um seine publizistische Unabhängigkeit zu wahren, wie er sagte. Und einige Wochen später, im Mai, stand da in der „Süddeutschen“ ein Beitrag von Boenisch, in dem er gegen die Lufthansa wetterte, die nach unliebsamer Berichterstattung in der „SZ“ die Bordexemplare der Zeitung reduziert hatte. Den Beitrag, der als Appell an die Pressefreiheit zu verstehen war, gab Boenisch damals telefonisch durch, nachdem einer der „SZ“-Verleger den „elder statesman“ darum gebeten hatte. Eben dieser Beitrag war der Anlass für die fristlose Entlassung am 7. Juni 2001. Boenisch weilte gerade in der Schweiz, als er den Anruf des damaligen Vorstandschefs Gus Fischer erhielt. Die eigentlichen Gründe der Kündigung nannte Fischer später in den Medien: Von Illoyalität, Indiskretion und Intrigen sprach er.

Gestern war davon keine Rede mehr. Weder um die Gründe noch um den Anlass der Kündigung ging es. Sondern darum, ob Boenisch überhaupt Arbeitnehmer des Springer-Verlages war, ob er also einen Arbeits- oder nur einen Dienstvertrag hatte. Ein juristisches Detail, das auch gestern nicht endgültig geklärt werden konnte. Dafür traten während der Verhandlung einige Einzelheiten zu Tage, die ein wenig Licht auf das Verhalten von Springer-Managern und die Atmosphäre in dem Zeitungshaus werfen.

Aus Boenischs Sicht lautet der Vorwurf an Springer, bei der Verhandlung von Rechtsanwalt Joachim Littig vertreten: „Sie glauben vielleicht, dass Sie in dieser Sache gut aussehen. Ich finde, Sie sehen miserabel aus.“

Nach dem Gütetermin im August 2001 haben sich die beiden Parteien gegenseitiges Wohlverhalten verordnet. Für Nichtjuristen erscheint das detaillierte Klären des Arbeits- oder Dienstverhältnisses kleinlich und im Ergebnis sinnlos. Etwa die Frage, inwiefern die Chefredakteure Boenisch gegenüber weisungsbefugt waren. Ob der Autor Boenisch nur so den Chefredakteuren täglich zur Verfügung stand oder dies aus vertraglichen Gründen musste. Ob er ein Büro mit Tisch, Stuhl und PC im Verlagshaus hatte, weil Springer das so wollte oder weil Boenisch das so wollte. Ob er sich den Urlaub genehmigen lassen musste oder sich nur so mit den Chefredakteuren abgesprochen hat.

Letztlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Springer beschäftigt Boenisch weiter. Was unwahrscheinlich ist, da der neue Vorstandschef Mathias Döpfner Boenisch nicht mehr im Haus haben wollte. Obgleich sich Boenisch vor Abschluss des Fünfjahresvertrages von dem damals noch designierten Vorstandschef zusichern ließ, dass er mit ihm zusammenarbeiten wolle. Das war ein Irrtum. Oder Springer zahlt Boenisch eine angemessene Abfindung.

Vier Fakten, die Boenisch bei der Verhandlung gestern angesprochen hat, waren für ihn bislang jedenfalls nicht dienlich: Weder, dass er mit dem Aufsichtsratschef, also Bernhard Servatius, in „freundschaftlichem Kontakt“ steht, noch dass er mit „einem der Haupteigentümer des Verlages“, also Friede Springer, befreundet ist. Auch nicht, dass Chefredakteure im Zeugenstand für ihn aussagen würden oder „,Bild’ ein Stück Heimat für mich ist“. Auch nicht, dass Boenisch „,Bild’ zwar nicht mit einem Kloster vergleichen will“, die „Bild“–Redaktion ihn jedoch, einer Kloster-Gemeinschaft ähnlich, „wie einen externen Mönch“ behandelt habe.

Letztlich werden sich die beiden Parteien wohl auf eine Abfindungszahlung einigen. Nicht erst in frühestens „acht Wochen“, wie der Springer-Anwalt vom Arbeitsgericht Berlin forderte, sondern binnen der nächsten 14 Tage. Dazu zeigten sich am Ende der gestrigen Verhandlung beide gesprächsbereit. Auch wenn es in den vergangenen acht Monaten kein Angebot dazu gab. Obgleich es laut Boenisch „genügend Gelegenheiten gegeben hätte“, war er doch „auf allen Springer-Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen worden bin“. Und obwohl alle Chefredakteure mit ihm redeten „wie in alten Zeiten“. „Kein Mensch ist zu mir gekommen“, klagte Boenisch. Auch nicht Friede Springer, die Taufpatin seiner kleinen Tochter.

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