Zeitung Heute : „Ich vermisse nichts“ Joschka Fischer als Polit-Pensionär

Annette Binninger[Dresden]

Der gesenkte Blick, der getragene Schritt ans Pult, die gebückte Dankbarkeit des Redners, bis der Anfangsapplaus sich gelegt hat und die gebannte Stille ihm endlich das Wort überlässt.Er beherrscht ihn natürlich noch, den großen Auftritt.

Ein gelassen-machtloser Ex-Außenminister betritt da gestern Vormittag die Bühnenbretter des Dresdner Schauspielhauses. Ein bisschen weniger Polit-Schauspieler vielleicht als früher, ein bisschen mehr er selbst. Und gerade darum für viele ein etwas anderer Fischer, ein stillerer.

Bis unters Dach ausverkauft ist die Veranstaltung des Dresdner Schauspielhauses und der „Sächsischen Zeitung“ schon seit Mitte Januar. Fischer spricht über „Deutschlands Leid mit der Leitkultur“, über das gestörte Verhältnis zur eigenen Identität. Er plädiert für den umstrittenen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union, warnt vor dem Kampf der Religionen und Kulturen, mahnt zur Toleranz und Offenheit. Aber es müssten eben auch gewisse normative Prinzipien gewahrt sein, sagt der geläuterte Multikulti-Mann von einst. Er blickt kaum auf von seinem Manuskript. Er ist äußerst konzentriert, mit diesem leicht professoralen Blick über die Brille hinweg. Es ist still im Schauspielhaus. Kein Zwischenapplaus regt sich.

Und er spricht über Deutschlands „zweite Chance“, den politischen Neuanfang nach 1945. Diese zweite Chance habe Deutschland „verantwortungsvoll und bewundernswert gut genutzt“, sagt Joschka Fischer. „Wenn man denn unbedingt stolz auf sein Land sein möchte, nun denn, dann bietet sich hier eine vorzügliche Gelegenheit.“ Das sind seine Schlussworte. Minutenlanger Applaus.

Bis drei Uhr morgens hat er an seiner Rede gefeilt, erzählt er später im kleinen Kreis. „Das macht mir Spaß“, sagt er. Für so etwas habe er jetzt auch endlich Zeit. Die aktuelle Tagespolitik verfolge er natürlich weiter, auch immer wieder gerne aus der letzten Reihe im Bundestag. „Da hört man mindestens genauso gut“, sagt Fischer, der Neu-Hinterbänkler. Die Politik der neuen rot-schwarzen Bundesregierung mag er nicht bewerten, höchstens ein paar inoffizielle Worte … „Nix da“, unterbricht er sich jedoch schnell. Und grinst das Grinsen eines weisen Buddha.

„Ich vermisse nichts“, sagt der Polit-Pensionär, anscheinend einer der wenigen ohne Entzugserscheinungen. „Meine Frau hat erst gedacht, ich tue nur so, als wenn mich das gar nicht mehr alles berühren würde“, erzählt er. „Aber so lange könnte man ja gar nicht eine Fassade aufrecht halten. Ich habe einfach losgelassen. Und ich vermisse nichts.“

An ein Comeback denke er nicht. „Gefährlich wird’s erst, wenn ich mich langweile. Das war schon in der Schule so“, fügt er dann feixend hinzu. Aber Langeweile empfinde er eben nicht. Noch nicht.

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