Zeitung Heute : Ich wär so gerne Pensionär

Sie sind noch keine 30, aber sie begreifen: Lange leben ist ein Risiko. Deshalb sind sie hier – im Rentenkurs der Volkshochschule

Deike Diening

Vergangene Woche hat bei Enrico Wolf von der Deutschen Rentenversicherung eine Frau angerufen. Wie das denn jetzt mit der Witwenrente sei? „Wann ist Ihr Mann denn gestorben?“, hat er zurückgefragt. – „Vor 15 Minuten.“ Da hat auch Wolf kurz geschluckt.

Die Rente ist ein Angstmacher, und deshalb startet jetzt ein bundesweites Programm an 600 Volkshochschulen, initiiert von Bundesregierung und Deutscher Rentenversicherung. Aufklärung fürs Volk über alle Arten der Altersvorsorge. Weil doch die gesetzliche eh nicht reichen wird. Und deshalb steht Enrico Wolf am Abend eines Werktages mit optimistisch nach oben gegelten Haaren in der Volkshochschule Berlin Friedrichshain-Kreuzberg. Der Deal für die Angemeldeten: drei Abende Informationen, zehn Euro und eine Sorge weniger.

Viele hier sind noch keine 30, keiner über 50, aber sie haben begriffen: Langlebigkeit ist keine Gnade, sondern ein Risiko, das man versichern muss. Einige haben den Schock schon hinter sich, den die Prognose ihrer voraussichtlichen Rente ausgelöst hat. Drei-, vierhundert Euro, alberne Beträge, von denen das Leben nicht zu bestreiten ist. Andere haben einfach nur so Angst. 14 Teilnehmer, die hoffen, zu den etwas über 80 Prozent der Deutschen zu gehören, die ihren 65. Geburtstag erleben – auch, wenn letztlich genau das das Problem wird.

Männer in Anzügen, Frauen in spitzen Schuhen, ein Yogalehrer und Friedshofgärtner und viele kaufmännische Angestellte. Kaufmännische Angestellte haben weniger Angst vor Zahlen. Die hier sind, sind schon ganz gut informiert. Ihr Wortschatz enthält die Worte Bemessungsgrundlage, SV Brutto und Halbeinkünfteverfahren. Sie wissen, dass die heutigen Rentner zur reichsten Bevölkerungsgruppe gehören, dass das aber bei ihnen ganz anders aussehen wird: dass sie selbst vermutlich weniger herauskriegen werden, als sie eingezahlt haben.

Etwas Genaues kann auch Enrico Wolf nicht sagen über die Höhe der Rente seiner Schüler, „wer weiß, was vom Gesetzgeber bis dahin noch alles verabschiedet wird“. Verabschieden. Es wirkt hier, als hätten sich die Leute schon von der Idee der gesetzlichen Rente verabschiedet. Wolf bemüht sich jetzt sehr, zu vermitteln, dass der grundlegende Gedanke im Generationenvertrag nicht mit „herauskriegen“ zu umschreiben ist. Es handele sich bei der gesetzlichen Rente ja um eine Versicherung, nicht um eine Geldanlage, und deshalb gehe das Geld dafür drauf, Risiken abzusichern. Lange leben ist eines der Risiken, Sterben aber auch: denn dann werden die Witwen- und Waisenrenten fällig. Lücken zwischen Arbeitszeiten sind auch ein Risiko, Jahre im Ausland vermindern die Rente, Kinder erziehen auch. Es klingt jetzt irgendwie, als müsse man sich entscheiden zwischen einem Leben, das den Namen verdient, oder einer „Erwerbsbiografie“, für die es am besten ist, wenn im Leben außer Arbeit gar nichts passiert.

Enrico Wolf, der 28-jährige Rentenexperte, sagt: „Eine Rente wird es immer geben.“ Skeptisches Stöhnen. „Zum reinen Überleben wird das reichen. Und zur Not wird die Rente bis zur Sozialhilfe aufgestockt.“ Entsetztes Schweigen. Genau deswegen sind sie ja hier, weil sie auf keinen Fall in der Sozialhilfe enden wollen. „Alles Weitere hängt von den Wünschen ab, die man für das Alter hat.“ Da müsse man dann mehr tun. Riester, Immobilienfonds, Betriebsrenten, Direktversicherungen …

Doch wenn einer schon jetzt kein Geld hat, sagt Wolf, mache es auch keinen Sinn, sich jeden Monat 20 Euro abzuknapsen – da kommt nachher nicht einmal der Differenzbetrag zur Sozialhilfe heraus. Wolf erklärt die drei Säulen der Altersvorsorge in Abgrenzung zu den drei Schichten, die vor- und nachgelagerte Besteuerung, und dass man als Witwe besser nicht noch einmal heiratet, denn dann würde ja die Witwenrente wegfallen. Deutschland, ein Land der wilden Witwenehen! Aus steuerlichen Gründen! Er erklärt, warum frisch geborene West-Kinder mehr Geld wert sind als Kinder im Ostteil Berlins, jedenfalls für die Rente ihrer Mütter, ein Jahr Kindererziehung bringt im Westen 26 Euro 13 für die Rente, im Osten 22 Euro 97. Wenn das die Mütter im Prenzlauer Berg wüssten! Ein Riss von 3 Euro 16 läuft noch immer mitten durch Berlin!

Dann gibt es Hausaufgaben: ein Beratungsgespräch machen. „Aber auf keinen Fall etwas abschließen!“ Erst besser noch den Kurs beenden. – Und zehn bis 15 Jahre vor der Rente in sichere Anlageformen umschichten.

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