Zeitung Heute : „Ich wäre ein Logo, das sich permanent verändert“

Peinliche Werbung, die Ängste von Studenten und Preise als Sahnehäubchen: Ein Gespräch mit Fons Hickmann, Professor für Grafikdesign

Gerade ist die Fußballweltmeisterschaft zu Ende gegangen. 2006 haben Sie das WM-Logo als Design-Katastrophe bezeichnet und gemeinsam mit Kollegen die Aktion 11 Designer für Deutschland gestartet. War das diesjährige Logo besser?

Damals war ich sowohl als Designer als auch als Fußballfan provoziert. Als Fußballfan kann ich doch keine Zahlen und Fußbälle, die wie lachende Ecstasy-Pillen aussehen, auf dem T-Shirt tragen. Mittlerweile bin ich schmerzfrei, was das anbelangt, denn diese Fußballlogos sind nicht zu retten. Es muss so viel im Logo untergebracht werden: die Landesfarbe, der Pokal. Dabei müsste die Grundkonzeption komplett anders gemacht werden.

Wie würde das aussehen?

Man muss sich überlegen, welche Herangehensweise überhaupt noch zeitgemäß ist. Es geht dabei ja nicht mehr nur um das Logo, sondern darum, einen multimedialen Auftritt zu gestalten: Print, TV, Video, Internet, Merchandising. Das WM-Logo 2006 war nicht nur ein ästhetischer Fehlgriff, sondern wurde den Bedürfnissen medial nicht gerecht.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsmedium?

Nein, ich mache alles gerne. Wir machen sehr viel Print: Bücher, Plakate und Zeitschriften. Aber auch Webdesign. Meistens wollen die Auftraggeber bestimmte Medien umgesetzt haben, etwa eine Website oder ein Logo. Häufig kommt man schnell darauf, dass etwas ganz anderes gebraucht wird. Unser Job besteht auch darin, dies zu erkennen und zu beraten.

Was ist ihr persönliches Verständnis von Grafikdesign?

Es geht um die Verarbeitung von Codes. Grafikdesigner können diese Codes in Bildsprache, formale Sprache und Ästhetik übersetzen. Wenn sie das gut machen, besitzt es entsprechende Wirkung. Und wenn sie das bewusst machen, können sie die Wirkung auch steuern. Das muss nicht immer eine positive Wirkung sein, denn man kann durchaus versuchen etwas in eine überraschende Richtung zu kommunizieren.

Bringen Sie das auch Ihren Studenten bei? Was ist Ihnen bei der Ausbildung wichtig?

Wichtig ist, dass sie neugierig sind. Ich hoffe, dass meine Studenten offen sind Wege zu beschreiten, die sie sich ohne den Schutzraum der Uni vielleicht nicht getraut hätten. Sie sollen mutig werden, um eigene Ideen zu entwickeln, aber bereits Gelerntes auch wieder zu verwerfen.

An welchen Projekten arbeitet Ihre Klasse aktuell?

Wir produzieren gerade das Illustrierte Lexikon der Angst. Die Studenten konnten ihre eigenen oder andere Ängste zum Thema machen und sich überlegen, wie man sie kommunikativ bearbeiten kann: Wie kommt man über eine Visualisierung zu einer möglichen Verarbeitung von Angst? Ein Student etwa schrieb ein Computerprogramm, das sich wie ein parasitärer Filter über alle Websites stülpte, die er sich anschaute und die Begriffe, die ihn ihm Angst auslösen, wie Folter, Arbeitslosigkeit, Erdbeben oder Lehrer, durch für ihn positive Begriffe wie Zuneigung, Glück, Natur oder Delphine ersetzte. Eine andere Studentin schrieb Gedichte über Zahnarztwerkzeuge.

Werden diese Arbeiten beim UdK-Rundgang zu sehen sein?

Ja, wir werden Arbeiten aus verschiedenen Kursen zeigen, aber wie immer auch Plakate. Dieses Medium hat eine starke Tradition an der UdK, die ich sehr gerne übernommen habe, reicht doch hier die Geschichte der Plakatklasse etwa 100 Jahre zurück, wie wir gerade erforscht haben. Zudem haben auch in diesem Jahr einige meiner Studenten an dem renommierten Plakatwettbewerb „100 beste Plakate“ teilgenommen und dabei viele Preise gewonnen. Diese prämierten Plakate werden wir auch am Rundgang zeigen.

Nicht nur Ihre Studenten gewinnen regelmäßig Preise, sondern auch Ihr Designstudio Fons Hickmann m23 hat bereits unzählige Auszeichnungen erhalten. Was haben Sie, was andere nicht haben?

Warum wir ständig ausgezeichnet werden, weiß ich nicht. Darüber freue ich mich natürlich, aber für die Arbeit ist es nicht wichtig. Und das ist keine Koketterie. Wir haben wirklich alles gewonnen, was es gibt, und das ist auch genug. Zu Beginn können Auszeichnungen ein Multiplikator sein, deswegen fördere ich auch meine Studenten dabei. Aber man sollte niemals für Auszeichnungen arbeiten, sie sind nur ein Sahnehäubchen.

Über welche Auszeichnung haben Sie sich dennoch am meisten gefreut?

Ich freue mich immer über die Auszeichnung des Type Directors Club New York. Den erhalten wir seit zwölf Jahren jedes Jahr. International ist dieser Preis eine wichtige Sache, wie ein kleiner Oscar.

Wohin geht das Grafikdesign in den kommenden Jahren? Gibt es einen Trend?

Ich kann nicht in die Zukunft blicken. Ich sage es mal ganz vorsichtig: Es gibt ein Gefühl für das, was im Moment passiert. Ich beschreibe es als eine Art Antenne für politische und ästhetische Prozesse. Wer diese Antenne hat, entwickelt seine Arbeit weiter und diese Neuerung kann dann einen Trend auslösen. Das ist aber eine Frage des Gespürs, der Sensibilität, und kein Akt von Hellsichtigkeit.

Hat auch die Finanzkrise ästhetisch etwas bewegt?

Ja, absolut. Wir haben kurz nach der Finanzkrise beobachten können, dass vermehrt schwarze Buchstaben auf weißem Papier gedruckt wurden. Das klingt nicht sehr aufregend, ist es aber doch. Es wurde reduziert, auf Farbe und Überflüssiges verzichtet. Jetzt wird die Gestaltung wieder üppiger. Das kann man wunderbar am Zeitschriften- oder Modedesign sehen. Eine derartige Krise hat immer Auswirkungen.

Wenn Sie selbst ein Logo wären, welche Art Logo wäre das?

Ich wäre eine Art morphologisches Logo. Eines, das sich permanent verändert. Es geht nicht mehr um erstarrte Zeichen wie Kirchenkreuze oder Mercedessterne, es gilt etwas zu entwickeln, das mit der Zeit wächst, das uns Spaß macht oder betroffen, das lebt – und irgendwann auch wieder stirbt.

Das Gespräch führte Sabrina Waffenschmidt.

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