Zeitung Heute : Ich war eine DVD

Digitale Video-Scheiben und CDs, die sich selbst zerstören, begeistern Technikfreaks – und verärgern Umweltschützer gleichermaßen

Matthias Bartsch

Was für eine Idee: die Einweg-DVD! Filmgesellschaften in Hollywood sind begeistert, britische Umweltschützer demonstrieren lautstark, und was ist in Deutschland? Unwissenheit, Ignoranz und Verwunderung. „Einweg-DVD? Das scheint ein neues Problem zu sein“, heißt es im Verbraucherschutz-Ministerium. Die Einweg-DVD wäre auch weniger ein Problem für den Verbraucher als für die Umwelt. Entsprechend ernst sieht man beim Umweltministerium die Einführung einer DVD, die wenige Stunden nach der ersten Benutzung in der Mülltonne landen soll. „Eine fürchterliche Rohstoffverschwendung“, sagt dazu Martin Waldhausen vom Bundesumweltministerium.

Die Idee einer sich selbst zerstörenden DVD oder CD ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren stellte das amerikanische Unternehmen Spectra Disc den Scheiben-Suizid der Öffentlichkeit vor. Ein spezieller Kunststoff auf der Disc wird beim Abspielen durch den Laserstrahl des Gerätes gestrafft und dadurch die Schicht zerstört, auf der die Daten gespeichert sind. Die CD oder DVD verfärbt sich bei dem Prozess blau und ist anschließend unbrauchbar. Bei der zweiten, neueren Möglichkeit wird die Disc mit speziellen Salzen beschichtet, die nach dem Herausnehmen aus der Verpackung mit der Luftfeuchtigkeit reagiert. Auch hierbei wird die feine Struktur auf der Oberfläche zerstört. Je nachdem, welche Salzmixtur zum Einsatz kommt, kann dieser Vorgang einige Minuten oder mehrere Wochen dauern.

„Eine Funghi mit Casablanca, bitte“

Die Vorteile einer Wegwerf-DVD liegen auf der Hand: Kunden müssen Filme nicht in die Videothek zurückbringen, können selbst entscheiden, wann sie sich den Film anschauen wollen. Dazu entfallen mögliche Strafgebühren, und es wäre denkbar, die DVD mit der Pizza frei Haus liefern zu lassen. Im Sinne der Videotheken kann die Einmal-Scheibe nicht sein. Doch der „Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland“ (IVD) zeigt sich gelassen. „Sicherlich könnte dies ein Problem für die Videotheken werden“, sagt Geschäftsführer Hans-Peter Lackhoff. „Aber wenn wir jede technische Neuerung, die es noch nicht auf den Markt geschafft hat, ernst nähmen, könnten wir nicht mehr ruhig arbeiten.“

Flexplay, eine zweite amerikanische Firma, die an der Technik feilt, sieht den Zukunftsmarkt ebenfalls weniger in der Filmbranche. „Die Einweg-DVD ist eine ideale Werbemöglichkeit für Audio-DVDs und natürlich dazugehörige multimediale Inhalte“, sagt Alan Blaustein, Geschäftsführer von Flexplay. Nach seinen Vorstellungen kann der Kunde sich dann die Musik gegen eine Gebühr von etwa zwei Dollar in Ruhe auf der eigenen Wohnzimmercouch anhören, bevor er sich die Scheibe endgültig kauft. Im Moment hat jedoch dazu keine der beiden Firmen Vertäge mit großen Medienkonzernen geschlossen.

Also werden die Discs hauptsächlich für Promotion-Zwecke eingesetzt. Denn ein großes Fragezeichen steht hinter dem Recycling. Dieses Problem ist Flexplay und Spectra Disc durchaus bewusst. In Studien ließen sie beispielsweise ausrechnen, wie viel Benzin durch die ausfallende Rückfahrt zur Videothek allein in den USA gespart werden könnte. Bei Flexplay kann der Verbraucher die DVDs sogar an die Firma zurückschicken. „Wenn eine Einmal-DVD eingeführt wird, dann ist in jedem Fall ein vernünftiges Recycling der Scheiben unausweichlich“, fordert Rüdiger Rosenthal vom „Bund für Umwelt- und Naturschutz“ (BUND). Aber selbst das wäre aus Sicht des Bundesumweltministeriums keine Ideallösung. „Man kann nur hoffen, dass sich diese Einweg-Scheiben nicht durchsetzen werden. Ein Einmalgebrauch ist wenig begrüßenswert“, sagt Martin Waldmann.

Aus ökologischer Sicht stellen Recyclingfirmen DVDs und CDs ein gutes Zeugnis aus. Die Polycarbonatschicht, auf der die digitalen Informationen gespeichert sind, besteht aus einer Kohlenstoffverbindung, die auch beim Verbrennen keine giftigen Stoffe wie etwa Krebs erregendes Dioxin freisetzen würde. Polycarbonat lässt sich außerdem sehr vielseitig wiederverwerten: Feuerzeughüllen, Jalousien oder Brillengestelle sind nur wenige Beispiele.

Jäger und Sammler

„Dieser Kunststoff kann hervorragend recycelt werden. Das Problem dabei sind eher die hohen Entsorgungskosten“, glaubt Cappi Frenger, Director Sales bei Deutschlands größtem DVD-Hersteller Warner Music Manufacturing Europe (WMME). Frenger sieht noch zu viele ungeklärte Fragen, die vor einer Einführung der Einweg-DVD in Deutschland stehen. „Ich glaube, dass hierzulande noch niemand solch eine DVD gesehen hat, geschweige denn irgendein Konzern daran ernsthaft interessiert ist.“

Ob sich die kurzlebige DVD durchsetzen kann, hängt am Ende vom Kunden ab. Und Cappi Frenger ist sicher: „Es gab schon viele Einwegprodukte wie die Einmalkamera, die sich am Ende nicht durchgesetzt haben. Zumindest in Deutschland sind die Leute doch eher Jäger und Sammler.“

Das Hauptproblem bei der Einführung der Einweg-DVD ist zumindest vorerst noch ungelöst: Auch die kurzlebigen DVDs können vervielfältigt werden – zum Kopieren reicht das einmalige Abspielen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben