• „Ich war lange ein Rabenvater“ Er singt an den Festtagen Kirchenlieder, brät der Familie eine Gans und inszeniert Theater wie eine Weihnachtspredigt. Wer ist das? Der böse Frank Castorf.

Zeitung Heute : „Ich war lange ein Rabenvater“ Er singt an den Festtagen Kirchenlieder, brät der Familie eine Gans und inszeniert Theater wie eine Weihnachtspredigt. Wer ist das? Der böse Frank Castorf.

Interview: Stefanie Flamm und Rüdiger Schaper Foto: Mike Wolff

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Frank Castorf, 53, zählt zu den gefragtesten Theaterregisseuren und Intendanten. Er hat die Berliner Volksbühne durch seine provozierenden KlassikerSpektakel bekannt gemacht. Am Donnerstag hat der fünffache Papa Premiere mit „Meine Schneekönigin“, einem Märchen nach Hans Christian Andersen.

Herr Castorf, Sie inszenieren zum ersten Mal ein Weihnachtsmärchen. Wollten Sie endlich mal Theater machen, das Sie auch Ihren Kindern zeigen können?

Meine Kinder sind furchtbare Ignoranten, die interessieren sich für nichts, was ihr Vater macht. Vor einem halben Jahr habe ich meine Tochter mit nach Antwerpen genommen, wo wir ein Gastspiel mit „Meister und Margarita“ hatten. Sie hat durchgehalten, immerhin.

Stramme Leistung, das Stück dauert fünf Stunden.

Danach habe ich sie gefragt, Rosa, wie fandest du es denn? „Die zweite Hälfte war besser.“ Ja, und insgesamt, wie fandest du es? „Papa, ich habe doch schon gesagt, die zweite Hälfte war besser.“

Ihre Tochter ist zwölf. Hätten Sie sich mit zwölf Jahren gerne ein Castorf-Stück angeschaut?

Ich schon. Ich habe damals auch Kafka gelesen und Marx.

Sie kokettieren.

Das mache ich immer. Aber ich behaupte ja nicht, dass ich Marx begriffen hätte. Ich habe einfach gemerkt, dass es schön sein kann, wenn man Dinge nicht ganz versteht und sich nicht damit begnügt. Zum Teil war es natürlich die reine Anmaßung, eine schicke Pose. Ich hatte schnell raus, dass diese Texte, die mich faszinierten, auch auf andere eine Anziehung ausübten. Wenn Sie als 12-Jähriger Marx zitieren, kann das sehr erotisch wirken.

Und da schenkten Sie Ihrer Tochter „Das Kapital“?

Aber sie liest es einfach nicht. Sie liest nur Harry Potter. Letzten Sommer haben wir zusammen eine Nilfahrt gemacht, und ich habe ihr diese ganzen Bücher vorgelesen. Lesen Sie mal 600 Seiten Harry Potter. Da kriegen Sie eine fusselige Zunge.

Familie war lange ein Thema, über das Sie nicht gerne sprachen. Wie viele Kinder haben Sie?

Insgesamt fünf. Ich hatte lange diese Tendenz zum Rabenvater. Ich merke erst jetzt, dass dieses Verhalten mich und andere unglücklich gemacht hat. Aber langsam wächst in mir das Bedürfnis, mich zu verändern. Ich komme gerade aus Tel Aviv und weiß, dass Wiedergutmachung eigentlich nicht funktioniert. Aber man muss es versuchen.

Weihnachten, so heißt es, ist das Fest der Versöhnung. Wie feiern Sie?

Wie alle. Mit Weihnachtsbaum, Singen, Kirche, wie es sich gehört. Es gibt natürlich einen Braten.

Wer bereitet den zu?

Meistens ich, ich mag traditionelle Gerichte. Dieses Jahr gibt es wahrscheinlich Pute oder Gans. Ich koche sehr gern, auch für mich alleine, das ist wirklich entspannend.

Sind alle Ihre Kinder in den Genuss Ihrer Kochkünste gekommen?

Zu DDR-Zeiten habe ich mich allem verweigert. Damals hatte asoziales Verhalten eine politische Dimension. Es gab damals nur eine Form der Opposition, und das war die lumpenproletarische. Wenn man nicht mitgemacht hat, konnte das sehr wirkungsvoll sein. Ich habe dieses Verhalten in mein Privatleben übernommen und sehr viele Menschen verletzt. Jetzt, mit 53, merke ich, dass es mir großen Spaß macht, Vater zu sein. Man nimmt alles andere viel gelassener. Ich verstehe Kollegen nicht mehr, die sich furchtbar darüber aufregen, wenn eine Premiere nicht ganz top war.

Kann man sagen, dass Sie, nachdem Sie Ihre Jugend im Sozialismus abgearbeitet haben, sich jetzt auf der Bühne auch der eigenen Kindheit nähern?

Auf Andersen bin ich erst gestoßen, nachdem mir eine schwedische Dramaturgin seine Autobiografie geschenkt hatte. Das ist alles ganz merkwürdig. Ich glaube, man konnte ihn zu seiner Zeit, Anfang des 19.Jahrhunderts, nicht verstehen. Andersen war ein Gesamtkunstwerk. Er hat gezeichnet, Scherenschnitte gemacht, musiziert, getanzt. Es hatte etwas Dadaistisches. Im Märchen „Der Kragen“…

…das Sie in „Meine Schneekönigin“ einbauen…

…sprechen die Dinge miteinander. Und wissen Sie, was interessant ist, mir fallen plötzlich Sachen wieder ein, die mir als Kind passiert sind. Tante Helga und Onkel Alfred zum Beispiel, die hatten wie meine Eltern ein Eisenwarengeschäft, bloß im Westen. Sie war eine vollbusige Berlinerin mit schwarzen Haaren, so ein Liz-Taylor-Typ. Wenn ich krank war, hat sie mir den Oberkörper mit Wick Vaporup eingerieben. Danach wurde ich in Watte gepackt und mit Bandagen eingeschnürt. Es hatte etwas ungemein Hexisches, Unheimliches.

Sie fingen an zu glühen.

Es war furchtbar, kratzte, aber es hat geholfen. Und solche Sachen fließen jetzt in die Inszenierung ein. Oder die Geschichte mit Onkel Paul. Er hatte in der Schönhauser Allee ein Konfektionsgeschäft. Einmal, ich war noch ganz klein, hat er mir die Hose runtergezogen und die Unterhosen gebügelt.

Er hat Ihnen die Unterhose am Körper gebügelt?

Ja, das tat verdammt weh. Ich hatte Brandblasen am Hintern und weiß bis heute nicht, warum er das gemacht hat. Der Kragen im Märchen, bei mir ist das der Schauspieler Herbert Fritsch, wird jetzt auch von einem Bügeleisen gebügelt. Das Bügeleisen, Volker Spengler spielt das, sagt: „Ich habe in meinem Leben schon so manchen Kragen gebügelt.“ Das ist sehr doppeldeutig, weil der Kragen vorher gesagt hat, „Ich bin auch nicht mehr ganz jung, aber ich möchte jetzt noch mal freien gehen.“

Klingt nicht gerade nach einem Kindermärchen.

Es gelten die üblichen Paragrafen: Kinder nur in Begleitung von Erwachsenen. Märchen, jedes Märchen, kann man auf verschiedene Arten lesen. Bei Andersen hat alles eine sexuelle Grundierung. Jede Figur ist an einem bestimmten Punkt im Märchen nackt. Alles lebt von ungeheuren Gegensätzen: Draußen ist es ganz kalt, drinnen glühend heiß. Alles ist irgendwie tiefenpsychologisch zu deuten. Man spürt in den Texten, dass Andersen seine Homosexualität nicht ausleben konnte. Seine Mutter war Trinkerin, die Familie völlig zerrüttet. Deshalb hatte er dieses starke soziale Bewusstsein, das auch seine Märchen prägt. Andersen stellt die soziale Frage. Nehmen Sie zum Beispiel das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“…

Herr Castorf! Jetzt klingt es, als würden Sie an einer Weihnachtspredigt arbeiten.

Mein Stück muss eine Weihnachtspredigt werden. Die eigene Sattheit, auch die Faulheit sind mir selbst unerträglich. Man fühlt sich so wohl in seinem lauwarmen Bad und merkt gar nicht, dass man in einem stinkenden Sumpf liegt. Man muss eine andere Aggressivität, eine andere Offenheit finden.

Und das gelingt Ihnen über die Märchen?

Auch, aber ich meine das ganz allgemein. Ich suche nach Menschen, die eine Leidenschaft haben, auch wenn es eine Sehnsucht nach etwas Überflüssigem ist. Theater ist marginal geworden, Kunst überhaupt überflüssig, aber darin besteht ihre Freiheit, und darin bestand auch Andersens Freiheit.

Die meisten deutschen Märchen sind sehr brutal. Es werden Gliedmaßen abgesäbelt, Widersacher aufgespießt. Erinnern Sie sich an Ihr erstes Märchen?

Oh ja, das war ein Schock. Meine Großmutter, eine Polin, hatte mich mitgenommen. Wir waren in der katholischen Kirche am Humanplatz, die immer noch besteht, und haben uns diesen Gruselschocker angeguckt. Angeblich war es ein Weihnachtsmärchen, aber da war ziemlich viel Tarantino drin. Es gab einen Teufel, der durch den Kamin zu den kleinen Kindern kam, ungeheuer suggestiv inszeniert mit dieser katholischen Theatralik. Ich konnte danach lange nicht mehr im Dunkeln schlafen, die Türen mussten immer offen bleiben.

Fürchten Sie nicht, dass Ihr jüngster Sohn das gleiche Trauma erleidet, wenn er sich Ihr Weihnachtsmärchen anschaut?

Bei mir ist natürlich auch immer viel Tarantino und David Lynch drin. Aber Rocko ist mit seinen dreieinhalb Jahren ein ganz wunderbarer Junge. Ihm wird es garantiert gefallen. Er spielt ja auch sonst gerne mit Monstern. Wenn ich mit ihm in Urlaub bin, hat er immer ein großes Plastikschwert dabei. Und das steckt er den Frauen unter den Rock, am liebsten kurz berockten Französinnen.

Und wie reagiert der Vater?

Der freut sich natürlich, weil er das selbst gerne machen würde. Außerdem kommt man so ganz wunderbar ins Gespräch.

Es heißt, die Volksbühne funktioniere wie eine große Familie. Manche Schauspieler arbeiten seit 20 Jahren mit Ihnen zusammen. Was ist einfacher, ein Theater zu leiten oder Kinder zu erziehen?

Also, mit Schauspielern ist es schon viel einfacher.

Warum?

Man hat die gleiche reflexive Ebene. Schauspieler wissen, was sie tun. Meine Arbeit besteht nur darin, in ihnen etwas zu reaktivieren, das im Grunde schon da ist. Am Ende machen die sowieso, was sie wollen. Man kann durch Kunst ja sehr viel abarbeiten. Jeder entwickelt eigene Fantasien. Manchmal kommt es mir so vor, als glitte ich als Regisseur in die Phase meiner eigenen Entmündigung.

Vor ein paar Jahren klang das noch anders. Theater sei Diktatur, haben Sie einmal gesagt.

Das habe ich nie gesagt, obwohl es natürlich stimmt. Theater ist objektiv diktatorisch. Es ist eine Ausgeburt des 18. Jahrhunderts, der königlichen, vordemokratischen Zeit. Aber ich habe immer gesagt, ich muss das Fürstentum abschaffen.

Sie stehen nicht in dem Ruf, bei den Proben gerne zu diskutieren.

Während der Arbeit muss man so tun, als wäre man im Recht. Aber danach hat man sofort die Pflicht, das Gegenteil zu denken. Es wäre wunderbar, wenn die Politik das endlich begreifen würde.

Politik gut, aber Ihrem drei Jahre alten Sohn können Sie schlecht etwas sagen und im nächsten Moment das Gegenteil behaupten.

Bei Kindern hat man einen ganz anderen pädagogischen Auftrag. Das Verhältnis ist singulärer. Man hat ja die totale Verantwortung für ein einzelnes Wesen und muss Strategien entwickeln, sich überlegen, wohin die Erziehung führen soll. Ich frage mich ständig, was mein Sohn weiß, was er noch nicht begreift. So verstehe ich Verantwortung.

Sind Sie streng?

Ich bin sicher nicht antiautoritär. Dazu neige ich viel zu sehr zur Hysterie. Aber mir ist wichtig, dass Rosa und Rocko angstfrei aufwachsen. Ich verwöhne sie natürlich sehr. Aber dieses deutsche Leben nah der Spalt-Tablette, diese Angst, Schmerz zu empfinden, sollen sie nicht überbewerten. Ich bin deshalb sehr froh, dass Rosa und Rocko ein Jahr in Kuba verbracht haben, wo die Menschen nun eindeutig nicht zu den Gewinnern der Globalisierung gehören. Sie konnten das Ende des Kommunismus miterleben. Da geht es nicht um Trennkost und Müsli oder was weiß ich, sondern darum, dass die Leute überhaupt was zu essen haben.

Sie haben Ihre Kinder nach Kuba geschickt, damit sie die Härten der Globalisierung kennen lernen?

Nein, so war es natürlich auch nicht. Die Mutter hatte die Idee. Außerdem ging es darum, die Kinder möglichst weit vom Vater wegzubringen. Nach Kuba fliegt man ja nicht einfach mal so, da muss man sich entscheiden. Doch im Nachhinein würde ich sagen, es war für alle Seiten gut.

Leben die beiden jetzt bei Ihnen?

Nein, ich habe sie alle zwei Wochen. Letztes Wochenende war Rocko bei mir, und das war wirklich lustig. Er wird langsam trocken, aber an diesem Tag hatte er sich noch einmal die Windeln richtig voll gemacht. Ich habe ihn gewaschen und das Fenster geöffnet, weil das so stank. Da schaut er mich ganz entgeistert an und sagt: „Papa, nicht schmeißen.“ Er dachte im Ernst, dass ich die Windel aus dem Fenster entsorgen wollte.

Wollten Sie?

Natürlich nicht, aber ich habe mich schon gefragt, ob mein Sohn nicht doch ein bisschen zu angepasst ist. So eine ganze Ladung über den Hackeschen Markt zu schleudern, das müsste einem Anarchisten eigentlich gefallen.

Fragen Sie sich, was Ihre Tochter über Sie denkt?

Im Herbst haben wir eine Kameltour über den Sinai gemacht und am 7.Oktober saßen wir in einem chinesischen Lokal, dem einzigen weit und breit, wo es Alkohol gibt. Ich wollte Bier trinken. Ich habe „Born in the USA“ gehört und Andersen gelesen. Rosa war in ein Kinderbuch vertieft. Ich schaute auf und sah immer mehr Männer, die in ihr Handy brüllten. Es war eine merkwürdige Choreografie. Rosa herrschte mich in ihrem freundlichen Ton an: „Hast du schon wieder nichts mitbekommen?“ In unserem Camp bei Nuweiba war eine Bombe hochgegangen. Wir hatten einen guten Schutzengel. Mein Alkoholismus hat uns gerettet.

Glauben Sie an Gott?

Ich glaube nicht an den persönlichen Gott der christlichen Kirchen. Aber ich glaube, dass es außerhalb von uns irgendetwas gibt, das uns geschaffen hat. Das klingt jetzt wie der Leninsche Materiebegriff, aber Sie wissen, was ich meine.

Sie kommen aus sehr behüteten, stabilen Verhältnissen. Ihre Eltern hatten ihr ganzes Leben lang einen Eisenwarenladen in der Stargarder Straße. Hatten Sie eine glückliche Kindheit?

Meine Eltern waren Kleinbürger. Sie lebten ein Leben, das ihnen selbst nicht mehr gefiel. Sie sehnten sich nach Freiheit, waren dem Funktionsdruck des Kleinbürgertums – Angst vor Enteignung und Konkurrenzdruck – aber ausgeliefert. Wenn man so ein Geschäft hat, kommt man da ganz schwer raus. Sie haben immer gesagt, übernimm bloß nicht die Firma, studiere, suche dir eine andere Freiheit.

Und Frank, der einzige Sohn des Eisenhändlers Castorf, machte was sein Vater ihm sagte: Er suchte die Freiheit.

Ich liebe meine Eltern, sie haben eine Großzügigkeit gelebt, die sie sich nicht leisten konnten. Von ihnen habe ich gelernt, dass Geld dazu da ist, durch Genuss vernichtet zu werden. Als ich klein war, hing bei uns an jedem Möbelstück ein Kuckuck.

Trotz allem hat Ihr Vater das Geschäft bis heute nicht aufgegeben.

Das ist wirklich lustig. Er ist 83 und hat um die Ecke eine neue, kleinere Firma gegründet, weil die alte sich nicht mehr trug. Er benimmt sich, als wäre er gerade 50 geworden, als ob das Leben noch einmal von Neuem anfinge. Er hat überhaupt kein Verhältnis zu seinem Alter.

Das müsste Ihnen doch gefallen – da können Sie die Volksbühne immer wieder neu aufmachen.

Manchmal wirkt es schon ein bisschen albern, aber ich fürchte, das habe ich von ihm geerbt.

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