Zeitung Heute : „Ich war selbst einmal eine Birke“

Olga Grjasnowa studiert an der Freien Universität den Masterstudiengang Tanzwissenschaft, schreibt Theaterstücke und hat jetzt ihren Debütroman vorgelegt.

Gisela Gross
Der Buchtitel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist eine Anspielung auf die vermeintliche „Seele Russlands“. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die jenseits ihrer Heimat versucht, Wurzeln zu schlagen. Foto: Wikimedia/Paul Lenz
Der Buchtitel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist eine Anspielung auf die vermeintliche „Seele Russlands“. Der Roman...

„Ich wollte erinnern mit dem Roman“, sagt Olga Grjasnowa. Denn was zu Beginn der 1990er Jahre und damit vor gar nicht allzu langer Zeit in ihrer Heimat Aserbaidschan geschah, ist heute fast vergessen. Der Pogrom an den Armeniern in ihrer Geburtsstadt Baku – in den Medien ist er längst kein Thema mehr. Auch die Nachrichten über gewalttätige Auseinandersetzungen in Israel, wo ein Großteil von Grjasnowas Familie heute lebt, vermögen nicht mehr zu schockieren.

Olga Grjasnowa ist 27 Jahre alt. Dass sie mehr erlebt hat als viele ihrer Altersgenossen, mag einer der Gründe sein, warum ihr Romandebüt nicht den leichtfröhlichen Ton anschlägt, den man von Autoren ihrer Generation erwarten könnte. Tragisch-komisch trifft besser zu auf „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Der Titel, eine Anspielung auf Tschechows „Drei Schwestern“, ist auch eine Absage an starre Klischees von Nationen und andere Stereotypen. Damit kommt das Buch recht in einer Zeit voller Debatten um Migration und Integration – und es beleuchtet das Thema aus einem ganz anderen Blickwinkel. Olga Grjasnowa erzählt die Geschichte von Mascha, einer jungen Migrantin aus Aserbaidschan, die sie selbst sein könnte. Auf die häufigen Fragen nach den Gemeinsamkeiten mit ihrer Ich-Erzählerin antwortet sie souverän: „Ich war selbst einmal eine Birke“. So sehr die Autorin mit der Nähe ihres persönlichen Hintergrundes zur fiktiven Geschichte spielt, möchte sie Spekulationen Einhalt gebieten: „Das Buch ist nicht meine Autobiografie, sondern ein Roman mit Plots und erfundenen Figuren.“

Die fiktive Figur Mascha wird wütend, wenn sie das Wort Migrationshintergrund hört. Schlimmer ist für sie nur noch das Adjektiv postmigrantisch. Die Studentin lässt sich partout nicht in nationale oder ideologische Schubladen stecken, ist sie doch mit elf Jahren nach Deutschland emigriert, Jüdin – und Frauen wie Männern gleichermaßen zugetan. Mascha ist auch ein Gegenbild zu dem von Thilo Sarrazin propagierten Migrantenbild: Sie spricht mindestens fünf Sprachen, studiert, strebt eine Dolmetscherkarriere an. Das Dolmetschen gibt ihr Halt, denn an einem Trauma aus Kindertagen – dem Pogrom in ihrer Heimat – lässt sie nicht einmal ihren Freund Elias teilhaben. Nicht einmal, als er krank wird.

Wie ihre Protagonistin emigrierte auch Olga Grjasnowa mit ihrer Familie aus dem Kaukasus. Auch sie hätte ohne Deutschkenntnisse scheitern können. Doch es ist gut gegangen: „Ich habe eigentlich immer schon geschrieben. Dass ich bei Erzählwettbewerben während der Schulzeit recht erfolgreich war, hat natürlich weitergeholfen“, sagt sie, „dafür war Mathe nie meine Stärke.“ Damals lag es auf der Hand, dass sie auch ohne konkreten Berufswunsch ein geisteswissenschaftliches Fach studieren würde – Reisen und Schreiben war das anfangs noch recht diffuse Ziel. Seitdem ging es Schlag auf Schlag: Sie ist im dritten Semester im Masterstudiengang Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin, der Hanser-Verlag bewirbt ihren Debütroman als einen der Spitzentitel des Frühjahres, und in Wien kommt in diesem Jahr ihr erstes Theaterstück „Das bisschen Palästina“ zur Uraufführung. Noch kann Olga Grjasnowa das alles selbst nicht richtig glauben: „Ich weiß nicht, ob es mit dem Schreiben weiterhin funktioniert“, sagt sie. Aber in Berlin bleiben und die ihrer Meinung nach idealen Bedingungen für Autoren nutzen, das will sie auf jeden Fall.

Drei Jahre hat sie an dem Roman gearbeitet, den sie als Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig begann. Zugunsten der namhaften Autorenschule hatte sie das Studium der Kunstgeschichte in Göttingen abgebrochen – und damit den Weg eingeschlagen, der sich heutzutage fast automatisch mit dem der Verlage und Literaturagenten kreuzt. In ihrem Buch beschreibt Olga Grjasnowa präzise, wie sich die entwurzelte Mascha in der Welt zu arrangieren versucht: in einer verrückten Welt, in der Menschen einfach so sterben und Grenzsoldaten schon einmal einen Computer beschießen. Auch wenn sich die Autorin nicht mit Parteien identifiziert, bezieht sie klar Position. Immer wieder treffen Mascha und ihre Freunde auf Menschen, die „doch nur frei ihre Meinung äußern“. „Ich bin weiß und blauäugig“, sagt Grjasnowa, „aber ich sehe die Probleme der anderen.“

Das Beobachten ist auch eine der Grundlagen ihrer Studienfächer. „Kunstgeschichte und Tanzwissenschaft habe ich gewählt, weil ich selbst nie gemalt, fotografiert oder getanzt habe – aber Wissenschaft fasziniert mich“, sagt sie. Buchstaben, Worte und Sätze dominieren seit jeher ihre Auseinandersetzung mit der Welt, aber in einem Seminar Texte über Tanz schreiben zu müssen – ganz ohne die Vorstellung eines Zielpublikums oder eines bestimmten Genres – das sei dann doch eine Herausforderung gewesen. Ohnehin: „Das Studium an der Freien Universität hat mehr Praxisanteile, als ich gedacht hätte. Es ist ganz anders als der literarische Studiengang in Leipzig.“

Das Studium und die Arbeit am Roman verliefen bei Olga Grjasnowa zuletzt parallel. Nebenbei veröffentlichte sie in Zeitschriften, nahm an renommierten Schreibwerkstätten teil, bereiste den Kaukasus mit dem „Grenzgängerstipendium“ der Robert Bosch Stiftung und absolvierte ein Praktikum bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Israel. „So viel war das allerdings gar nicht“, sagt sie und verweist sogleich darauf, dass es dafür im Studium ruhig der ein oder andere Schein mehr hätte sein dürfen. Stattdessen recherchierte sie, legte ihrem Schreiben neue eigene Erfahrungen zugrunde.

Im Roman sind die Schauplätze im Nahen Osten einmal mehr Elemente, die die Autorin fast mit der Protagonistin Mascha verschmelzen lassen. „Ich habe das Buch zwar nicht chronologisch geschrieben, aber für mich war lange klar, dass es in Palästina enden muss“, sagt Olga Grjasnowa. Und es endet abrupt.

Dass die Autorin elegant und formvollendet in Kapitel hinein- und hinausspringe, das sei angesichts ihres Studienfachs Tanzwissenschaft nur konsequent, urteilte ein Kritiker. Ob das Studium ihr Schreiben weiterhin beeinflussen werde? Grjasnowa weiß es nicht, ohnehin wird sie in nächster Zeit erst einmal kürzer treten müssen. Das Autorendasein führt sie auf Reisen: Olga Grjasnowa wird ihr Buch in 25 deutschen Städten vorstellen.

Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, Carl Hanser Verlag.

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