Zeitung Heute : „Ich werde in München sein“

Denn dort eröffnet die deutsche Nationalmannschaft im Juni die Fußball-WM. Jens Lehmann über sein Lieblingsstadion und warum ihn Zuschauerhass motiviert.

-

Jens Lehmann, 36, hat 28 Mal im Tor der deutschen Nationalmannschaft gestanden. Er spielt für Arsenal London und gewann die englische Meisterschaft. Er war UEFACup-Sieger mit Schalke und Meister mit Borussia Dortmund. Die großen Schlagzeilen aber macht sein Torwartstreit mit Oliver Kahn.

Interview: Helmut Schümann und Axel Vornbäumen Herr Lehmann, wie wichtig ist die Auslandserfahrung, um ein großer Fußballspieler zu werden?

Ich würde es jedem empfehlen. Als ich anfing zu spielen, haben die besten deutschen Fußballer im Ausland gespielt. Das wollte ich auch. Andere Sprache, andere Leute, ein weiter Horizont. Es ist aber auch schwer, manche Dinge gestalten sich nicht so einfach wie in Deutschland, Einkaufen zum Beispiel oder Behördengänge. Das Schulenglisch hilft einem nicht viel weiter. Beruflich muss man erst einmal wieder seine Klasse unter Beweis stellen, um den Mitspielern zu zeigen, dass man brauchbar ist. Wenn man das alles geschafft hat und sich wohl fühlt, kann man viel Selbstbewusstsein daraus ziehen. Die Auslandserfahrung hat mich zu einem anderen Spieler gemacht.

Sie sind immer noch Torwart.

Aber ich habe in Mailand und besonders hier in England einiges über Fußball gelernt: wie ein Spiel funktioniert, wie eine Mannschaft zusammenarbeiten muss.

Haben Sie denn hier ein Heimatgefühl, ist London Ihre Stadt?

Heimatgefühl? Nein, das ist ein zu großes Wort. London als Stadt, als Lebensmittelpunkt, das kam bei meinen Überlegungen, hierher zu kommen, nur hinzu. Entscheidend war der Fußball. Ich hatte schon 1999 ein Angebot aus Liverpool. Ich bin von Mailand dahin geflogen, aber der Unterschied zum Lebensstil in Mailand war einfach zu groß. Dann rief irgendwann Arsenal an, ein Topclub. Da fiel die Entscheidung nicht schwer.

Ist die Atmosphäre in England anders?

Von den Stadien und der Stimmung her ist Deutschland schon super. Aber hier sitzen die Leute noch näher am Spielfeld. In Highbury, wo ich mit Arsenal spiele, sitzen sie so nah an meinem Tor, wie hier in diesem Café die Leute da am Nachbartisch. Manchmal, wenn es heiß ist, reiche ich ihnen Wasserflaschen.

Rufen die Ihnen was zu?

Ja sicher. Die rufen meinen Namen, rufen „great save“, wenn ich eine Parade mache. Oder sie rufen „don’t go that far“, wenn sie meinen, ich stehe zu weit vor dem Tor.

Und dann gehen Sie einen Schritt zurück.

Nein. Das entscheide ich schon selbst! Sonst müsste ja nicht ich diesen Job machen, sondern es könnten die, die da rufen.

Stimmt denn der Mythos noch vom athletischeren, körperbetonteren, rustikaleren, proletenhafteren Fußball in England?

Mit proletenhafter kann ich nichts anfangen. Der englische Fußball ist ehrlicher. Wenn einer gefoult wird, dann fällt er hin. Wenn er Schmerzen hat, bleibt er liegen. Wenn nicht, steht er wieder auf. Es gibt hier nicht so viel Theatralik.

Und für einen Torwart ist es schwerer?

Ja, die englische Liga verkauft sich auch deshalb so gut weltweit, weil so viel Action im Strafraum ist. Wenn ich den Ball als Torwart beim Rausgehen nicht sicher fange, wird weitergespielt, das ist dann mein Problem, unabhängig davon, ob es ein Foul war oder nicht.

Haben Sie eine Lieblingssituation im Fußball, die Ecke von links, den Elfmeter?

Es geht für mich schon lange nicht mehr darum, was ich besonders gerne mache, oder dass ich immer tolle Paraden zeige, sondern dass wir gewinnen. Haben wir zu null gespielt, und ich habe einen guten Ball gehalten, umso besser.

Im Cup-Finale 2004 haben Sie für Arsenal das Spiel quasi im Alleingang gegen Manchester United gewonnen. Einen Elfmeter gehalten im ersten Elfmeterschießen, das es in der Geschichte dieses Wettbewerbs überhaupt gegeben hat. Danach sind alle auf Sie zugestürmt. War das für Sie kein gutes Spiel?

Ja, die sind alle auf mich drauf. Ich habe unten gelegen und gebrüllt: Geht weg, geht weg! Weil ich keine Luft mehr gekriegt habe. Ansonsten war das natürlich toll. Aber für mich ist das Defensivverhalten der Abwehr entscheidend. Je weniger ich halten muss, umso erfolgreicher sind wir.

Haben Sie ein Lieblingsstadion?

Mein Lieblingsstadion war immer San Siro in Mailand. Auch deshalb, weil wir damals mit Schalke den Uefa-Cup dort gewonnen haben. Das war für uns der Eintritt in die große Fußballwelt. Inzwischen spiele ich sehr gerne in Highbury und natürlich in Tottenham und Manchester.

Wieso ausgerechnet dort?

Die Atmosphäre ist hasserfüllt, das erhöht den Reiz noch einmal. Man braucht in Tottenham und auch in Manchester keine Spannung aufzubauen, die ist einfach da.

Und was ist mit der Allianz-Arena in München?

Ein sehr schönes Stadion, gerade von außen fantastisch anzusehen.

Als Sie dort das erste Mal mit der Nationalmannschaft gespielt haben, waren die Zuschauer ungefähr so feindselig wie in Tottenham. Die Leute haben Sie ausgepfiffen.

Ich habe meine Erfahrung gemacht. Ich weiß nicht, ob man die gemacht haben muss – so angenehm war es ja nun nicht. Ich denke trotzdem: Es hat alles seinen Sinn. Ich habe viele unangenehme Erfahrungen in meinem Fußballleben gemacht, und ich bin nie daran zerbrochen.

Das Münchner Publikum steht hinter Ihrem großen Rivalen Oliver Kahn. Waren Sie Bundestrainer Klinsmann trotzdem dankbar, dass er das durchgesetzt hat, oder eher erzürnt, dass er Sie den Leuten quasi zum Fraß vorgeworfen hat?

Ich hatte wenig Zeit vorher, darüber nachzudenken. Es gilt der Satz von eben: Ich bin jedenfalls nicht daran zerbrochen.

Das Eröffnungsspiel zur WM ist wieder in München.

Ja, da freue ich mich schon. Dann ist es eine ganz andere Situation. Es werden Deutschland-Fans im Stadion sein, die mich genauso unterstützen werden wie alle anderen. Im Übrigen habe ich Jürgen Klinsmann so kennen gelernt, dass er danach aufstellt, wer der bessere Spieler ist. Es spielt ja auch keine Rolle, ob ein Schalker Spieler im Dortmunder Westfalenstadion aufläuft. Das wäre sonst der Anfang vom Ende.

Es gibt zwei Orte, wo Sie am 9. Juni sein könnten ...

… für mich gibt es nur einen Ort.

Im Tor in München?

Sagen Sie mir erst, welchen zweiten Ort Sie meinen.

Hier zu Hause in London.

Nein, ich werde in München sein.

Im Tor oder auf der Bank?

Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.

Die Spekulationen sind falsch, dass Sie bei einer Entscheidung gegen Ihre Person gar nicht erst mit zur WM fahren?

Ich denke positiv. Ich glaube, ich habe eine faire Chance zu spielen. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich ganz optimistisch. Ich glaube übrigens, dass das letzte Länderspiel in Frankreich einiges an Ansichten verändert hat.

Sie hatten gegen Frankreich im November wenig zu tun. War das für Sie das ideale Spiel?

Es kam dem sehr nah. Wir haben zu null gespielt, die Mannschaft war sehr gut, wir haben den Gegner weit weg von unserem Tor gehalten. Es heißt dann zwar, dass ich nichts zu tun hatte. Aber wie gesagt, ich muss nicht mehr so glänzen, sondern möglichst oft gewinnen.

Halten Sie eine Rotation mit Oliver Kahn bei der WM für denkbar?

Nur, wenn man die Annahme zugrunde legt, dass im Fußball alles denkbar ist.

Hat die Rivalität zu Kahn Ihre Leistung befördert?

Einige Jahre habe ich von diesem Konkurrenzkampf sicherlich profitiert. Das wird mich auch stärker gemacht haben. Aber seit ein, zwei Jahren habe ich dieses Gefühl nicht mehr. Den Grund dafür kann ich Ihnen gar nicht so richtig nennen.

Noch vor zwei Jahren war Kahn das Maß aller Dinge für Sie – und jetzt nicht mehr?

Hier im Verein bei Arsenal täglich kämpfen zu müssen, reicht vollkommen. Die Ansprüche sind noch mal höher. Ich muss eine Menge dafür tun, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Ihrem Gegenüber begegnen Sie als Torwart zwei Mal im Spiel. Zu Beginn und in der Halbzeit. Spielt Körpersprache da eine Rolle?

Sie meinen, so einen Hahnenkampf im Kabinengang? Nein. Man redet mit einigen, mit anderen nicht. Aber letzten Endes steht in dieser Situation immer der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund. Jeder will zeigen, dass er der Bessere ist.

Sind Sie der Torhüter von Arsenal oder der Deutsche, der im Tor von Arsenal steht?

Der Torhüter von Arsenal für die Fans. Für die Presse bin ich mehr der „German Goalkeeper“.

German – das ist in England nicht unbedingt ein Markenzeichen.

Ja, es gibt immer noch viele Leute, die den Deutschen aufgrund des Krieges skeptisch gegenüberstehen. Im Fernsehen sind viele Kriegsfilme mit Deutschen zu sehen. Das prägt die Engländer natürlich, auch die gegnerischen Fans schreien das gelegentlich raus.

Ist das auch ein Thema in Ihrer Mannschaft?

Nein, nie. Ich glaube, viele wissen nicht, dass die Deutschen zum Beispiel Coventry bombardiert haben. Die sind geprägt von den Fernsehbildern, in denen die Deutschen halt die Kriegsschuld hatten. Aber ich glaube, dass ich es schaffe, ein Bild zu kreieren, das diesen Klischees nicht entspricht.

Sprechen die Kollegen bei Arsenal schon mal über den „Torwartkrieg“?

Torwartkrieg ist kein so schönes Wort in diesen Zeiten. Aber tatsächlich ist es fast das einzige Thema im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft. Wer spielt von euch? Spielst du? So geht das die ganze Zeit.

Nervt das?

Ich sage: Das wird man sehen. Ich weiß es doch auch nicht. Aber ich bin optimistisch.

Was ist, wenn im Achtelfinale England gegen Deutschland spielt. Ist das ein Vorteil für Sie?

Ich bin ein bisschen müde geworden zu erzählen, ob und was alles für mich sprechen könnte. Ich habe auch keine Lust mehr über mich solche Sachen zu lesen.

Würden Sie sich manchmal wünschen, Sie könnten sich mit Ihren Vereinskameraden über andere Dinge unterhalten?

Nein, ich bin zufrieden, so wie es ist. Ich bin auch nicht anders, falls sie darauf hinauswollen.

Ja, das wollen wir. Sie sind eloquent, bisweilen eigenwillig, fahren schon mal zur Halbzeit mit der Straßenbahn nach Hause, wenn sie ausgewechselt worden sind. Sie wirken gelegentlich arrogant.

Ich weiß selber, in welchen Schubladen ich stecke. Vielleicht denken die Leute, der liest drei Bücher anstatt einen Film zu gucken. Ich bin aber kein Intellektueller, ich lese zwar gern, aber ich schau genauso gerne fern. Ich bin zufrieden mit dem Leben, mit den Gesprächen. Wir sind Fußballer, keine Intellektuellen, sonst hätten wir was anderes machen müssen. Wir sind ganz normale Menschen, wir unterhalten uns über Autos, über Frauen und Kinder. Es gibt ja auch einige in der Mannschaft, die haben noch keine. Was man halt so redet unter Männern.

Fühlen Sie sich eigentlich als Vizeweltmeister?

Ich bin es auf dem Papier, aber so ganz ohne einmal gespielt zu haben, bringt mir das ehrlich gesagt nicht viel. Mein Selbstbewusstsein kommt jedenfalls nicht daher. Eher schon, dass ich bei vier Vereinen gespielt habe und mit allen was gewonnen habe. Da habe ich etwas dazu beigetragen, ich war ein Teil der Mannschaft.

Und bei der WM 2002 in Asien waren Sie das nicht?

Schwer zu sagen. Vielleicht habe ich dazu beigetragen, dass Oliver Kahn bis zum Endspiel sehr gut gehalten hat. Konkurrenzkampf gibt einem noch einmal den gewissen Kick. Wenn man damit umgehen kann, umso besser, wenn nicht, ja, dann kommt der Nächste.

Es war sicher nicht lustig, Kahn warm zu schießen?

Das hat doch der Sepp immer gemacht. Bei der Nationalmannschaft schießt der Torwarttrainer den Torwart warm.

Gibt es nicht einen inneren Widerspruch, wenn Sie auf der Bank sitzen?

Sie werden mir hier über mein Innenleben nicht viel entlocken. Da muss ich Sie enttäuschen.

Ein Klassiker aus dem Zitate-Schatz des Jens Lehmann, der wohl auch gut Ihr Verhältnis zu Oliver Kahn beschreibt, ist: „Was soll ich mit dem reden? Ich habe keine Freundin, die 24 ist.“ Reden Sie überhaupt miteinander?

Natürlich. Den Satz habe ich auch nicht böse gemeint. Danach habe ich zu ihm gesagt: Wenn du das als schlimm empfunden hast, entschuldige ich mich. Was ich damals meinte, hatte mit den unterschiedlichen Lebenssituationen von uns zu tun. Mit Kahn herrscht nicht totale Funkstille.

Über was reden Sie?

Training. Wie ist es bei Arsenal? Wie ist es in München? Solche Sachen.

Glauben Sie, dass es nach dem Ende Ihrer beider Karrieren mal ein tiefes Gespräch unter Männern geben wird?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Aber wer weiß, warum nicht? Vielleicht lacht man später über das alles. Vielleicht auch nicht. Ich bin prinzipiell kein nachtragender Mensch, von daher will ich jetzt mal nichts ausschließen. Dass ich auf ewig irgendwelche Vorbehalte gegenüber jemandem habe, kann ich mir nicht vorstellen.

Stellen Sie sich vor, eines Tages ruft Oliver Kahn an und sagt: Jens, ich komme morgen mal auf einen Sprung nach England. Was würden Sie ihm zeigen?

Ich glaube nicht, dass er mich anrufen würde.

Und wenn er nach der WM anriefe?

Ich würde ihm zwei ausgewählte Plätze zeigen, die wirklich schön sind. Hier einmal Primrose Hill, ein kleiner Park, die Kinder spielen da immer Fußball, man kann über ganz London schauen. Den anderen Platz behalte ich mal für mich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben