Zeitung Heute : „Ich will geliebt werden“

In der Schule stellte er sich dumm, damit nicht auffällt, wie schlau er ist. Aus Peter Eisenman wurde ein Stararchitekt – der Architektur langweilig findet.

-

Peter Eisenman, 72, hat das HolocaustMahnmal entworfen, das am 10. Mai in Berlin eröffnet wird. 1967 gründete er ein eigenes Institut für Architektur in den USA. Erst später begann er mit eigenen Bauten, die den Auftraggebern nicht immer gefielen. Er lebt in New York, aber nicht in einem selbst gestalteten Haus.

Interview: Claudia Keller und Christiane Peitz Foto: Thilo Rückeis Herr Eisenman, warum tragen alle Architekten eine Fliege oder Rollkragenpullover?

Ganz einfach: Eine baumelnde Krawatte stört beim Zeichnen. Auch wenn man sie ins Hemd stopft, hat man nur Ärger mit ihr.

Unter Architekten gibt es reichlich Konkurrenz, Neid, Eifersucht. Daniel Libeskind erzählt in seinem Buch, Sie hätten ihm an seinem ersten Arbeitstag in Ihrem New Yorker Institut einen Besen in die Hand gedrückt. Er fühlte sich erniedrigt.

Er hat nur die halbe Geschichte erzählt. Das Institut war Anfang der 70er Jahre eine Art Kommune, und wir hatten gerade kollektiven Putztag. Ich fegte, da kam Libeskind herein. „Hey Danny, willkommen an Bord“, sagte ich zu ihm, „es ist Putztag.“ Er antwortete, er sei nicht zum Putzen gekommen. Wir hatten ihm ein Stipendium von 7500 Dollar gegeben, das war damals verdammt viel für einen unbekannten Architekten. Ich meinte also: „Hey, du verstehst das falsch, wir alle putzen hier heute. Halt mal bitte diesen Besen, ich besorge mir selbst einen anderen.“ Aber er ließ den Besen fallen. „Ich zähle jetzt bis fünf“, sagte ich, „so lange hast du Zeit, ihn wieder aufzuheben, sonst bist du draußen.“ Bei drei drehte er sich um und ging. Das war’s, kein Stipendium. Wir haben erst nach drei Jahren wieder miteinander gesprochen.

Sie haben auch mit Ihren Gebäuden immer Ärger riskiert. Als Sie einmal…

…Moment, was meinen Sie mit Ärger?!

Schon das Ehepaar Falk, für das Sie Ihr erstes Haus bauten, war gar nicht glücklich damit.

Konfrontation ist etwas Kreatives. Ich brauche sie für meine Arbeit. Ich ergreife nicht von mir aus die Initiative, ich reagiere. Wenn jemand meine Pläne kritisiert, kann ich genau sagen, warum er irrt. Die Falks wollten übrigens ein Haus nach den Theorien von Noam Chomsky, das war die Verabredung. Aber dann war Frau Falk unglücklich darüber, dass es kein Heidi-Haus wurde. Und Herr Falk musste feststellen, dass er leider nicht so radikal war, wie er bis dahin dachte.

Es ist wohl schwierig, mit Ihnen zu arbeiten.

Ich bin kein Diktator. Mein New Yorker Büro mit etwa 20 Mitarbeitern basiert auf Teamwork. Ich schreibe die Philosophie vor, aber meine Mitarbeiter machen eigene Entwürfe. Schwierig ist dabei, dass sie mich gerne zufrieden stellen wollen, oft jedoch nicht wissen können, was mir gefällt.

Zum Holocaust-Mahnmal sagten Sie: Wenn alle es lieben, habe ich etwas falsch gemacht. Jetzt scheinen es alle zu lieben.

Als wir den Wettbewerb gewannen, haben alle geschimpft: Es sei zu monumental, zu kalt, zu friedhofsähnlich, nicht jüdisch genug. Inzwischen hat sich die öffentliche Stimmung völlig gewandelt. Glauben Sie mir, ich bin wie alle anderen: Ich will geliebt werden. Es ist schön, immer einen Tisch in der Paris Bar zu bekommen.

Sie wollen nicht provozieren?

Ich wollte nicht, dass es kitschig wird. Ich wollte weniger, dass die Besucher sich schlaue Gedanken machen als dass sie Gefühle entwickeln. Die Frage ist doch, was man provoziert. Diskussionen sind gut. Ganz Deutschland diskutiert jetzt über die Nazi-Zeit, es gibt Filme wie „Sophie Scholl“ oder „Der Untergang“ – Bruno Ganz ist übrigens großartig als Hitler – oder den Albert-Speer-Film.

Speers Sohn ist ein Kollege und Freund von Ihnen.

Er leidet gerade sehr. Er sieht sich nun unweigerlich mit der Tatsache konfrontiert, dass sein Vater als Hitlers Baumeister von der Vernichtung der Juden gewusst haben muss. Das ist bitter. Henry Kissinger, der heute mit mir im Flugzeug saß, sagte: Ihr Mahnmal ist ein Meisterwerk, aber es ist am falschen Ort, in der Mitte von Berlin, am historischen Ort der Täter.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Dass es genau da sein muss. Richard Serra meinte kürzlich: „Es ist deine wichtigste Arbeit. Vielleicht hätte ich auch dabeibleiben sollen.“ Er nannte das Mahnmal eine Kreuzung aus De Chirico, Kafka und dem Tod. Ein großes Kompliment.

Anders als Ihr ursprünglicher Partner Serra waren Sie beim Holocaust-Mahnmal kompromissbereit.

Architektur ist auch die Kunst des Kompromisses. Als Helmut Kohl eine Bushaltestelle, Bäume und Bürgersteige wollte, stieg Richard Serra aus. Skulptur ist etwas anderes als Architektur, als Künstler muss er kompromissloser sein. Und was mich betrifft: Man kann nicht sein Leben lang das Enfant terrible spielen. Mit weißen Haaren sieht das nicht gut aus. Warum soll ich mich noch aufregen über die Kollegen, über Rem Kohlhaas, Frank Gehry, Hans Kollhoff oder Josef Kleihues?

Trotzdem, die Konkurrenz ist Ihnen nicht egal.

Wie kommen Sie darauf?

Sie sprechen die Namen mit so einem Unterton aus.

Nein, nein, glauben Sie mir, ich bin inzwischen sehr gelassen. Der einzige Kitsch-Architekt ist Santiago Calatrava. Er ist wirklich schlecht.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, in den 60ern dieses Institut in New York zu gründen, das im Nu eine der führenden Architektur-Schulen wurde?

Ich war ein Niemand. In Cambridge hatte ich gesehen, was europäische Architekten auf die Beine stellten, das wollte ich mit ein paar Freunden auch in Amerika machen. Ich lehrte damals in Princeton, aber es gab Streit mit dem Dekan, er sah in mir eine Bedrohung. Also verließ ich die Universität. Mir blieb nichts anderes übrig, als ein eigenes Institut zu gründen.

Was für ein Selbstbewusstsein mit 30 Jahren.

Es war keine Frage des Selbstbewusstseins, sondern der Notwendigkeit. Als kleiner Junge hatte ich überhaupt kein Selbstbewusstsein. Alles, was ich konnte, war schwimmen. Ich bin auch auf die Uni gegangen, um zu schwimmen, nicht um Architekt zu werden. Man macht es für sich allein, niemand redet mit dir. Ich wollte anonym bleiben. In der Schule gab ich falsche Antworten, damit keiner merkt, dass ich schlau bin.

Wie kamen Sie dann zur Architektur?

Mit 18 war ich an der Cornell University, mit einem Stipendium für die Schwimm-Mannschaft. Mein Vertrauensstudent studierte Architektur. Eines Tages zeigte er mir seine Modelle. Ich war völlig perplex, dass man so etwas an der Uni lernen konnte. Man muss dazu wissen, dass sich amerikanische Jungs in den 40ern nicht mit Kunst beschäftigten. Es gab keine Lego-Steine, man werkelte an Autos herum, ich bastelte Modellflugzeuge. Und diese kleinen Modellhäuser faszinierten mich. Es war eine Erleuchtung.

Und dann haben Sie einfach das Fach gewechselt?

Am letzten Tag der Osterferien saß ich mit meinen Eltern im Wohnzimmer. Es war das einzige Mal, dass wir im Wohnzimmer zusammensaßen – in einem deutsch-jüdischen Haushalt sitzt man nicht im Wohnzimmer, sondern in der Küche oder im Esszimmer – , und ich sagte: Ich werde Architekt. Mein Vater wollte, dass ich seine Chemie-Firma übernehme. Er gab mir ein Jahr, um zu beweisen, dass ich es schaffe. Auch der Dekan hatte Bedenken, wegen meiner schlechten Noten. Am schwierigsten war für mich die Deutschklausur. Aber ein Freund ließ mich abschreiben.

Und das Schwimmen?

Die Architekturklasse dauerte bis 17 Uhr, aber auch das Schwimmtraining fand nachmittags statt, der Trainer musste immer auf mich warten. Im Februar hatten wir einen großen Wettkampf gegen Yale, das waren damals die Besten. Weil mein Name nicht auf der Liste stand, beschwerte ich mich. Der Trainer entgegnete: Eisenman, ich warte nicht mehr auf dich. Du musst dich entscheiden, Schwimmen oder Architektur. Ich bin nie wieder geschwommen. Eigentlich hasse ich Schwimmen. Das Chlor brennt in den Augen, zeichnen Sie mal mit entzündeten Augen!

Sie sagen bis heute, Architektur sei erregend. Auch im erotischen Sinn?

Vor ein paar Wochen war ich in meinem Stadion in Arizona, es ist fast fertig. Riesig und traumhaft schön. Es war sehr erotisch, in diesem Stadion herumzulaufen. Ich fühlte, wie erregend es sein kann, wenn man ganz in seiner eigenen Umgebung ist, gewissermaßen von sich selbst umgeben. Wahrscheinlich ist das narzisstisch.

Und es klingt typisch männlich. Warum wohnen Sie nicht in einem Ihrer Häuser, wenn die eigene Architektur so aufregend ist?

Weil mein Privatleben etwas anderes ist als meine Kunst. Meine Familie, nicht meine Architektur ist mein Leben. Zu Hause bestimmt meine Frau.

Hängt die Erotik auch mit dem Gefühl zusammen, sich verewigt zu haben?

Ich dachte lange, Bücher seien wichtiger als Gebäude, weil sie überdauern. Aber so etwas wie das Stadion-Erlebnis kann man mit einem Buch nicht haben. Trotzdem ist mein Stadion nicht für die Ewigkeit gebaut. Mit dem Mahnmal ist es etwas anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eines Tages jemand kommt und es abreißt, selbst nicht bei einer radikalen Änderung in der deutschen Politik. Aber Peter Eisenman wird man vergessen. Oder wissen Sie, wie der Architekt des Brandenburger Tors heißt?

Auch die Nazis wollten mit Architektur Gefühle erzeugen. Sie lieben den Tempelhofer Flughafen.

Tempelhof, vor allem die Außenanlage, ist das Unfaschistischste, was die Nationalsozialisten gebaut haben. Ich mag nichts Monumentales. Mich interessieren die feinen Unterschiede, die man erst beim zweiten Blick wahrnimmt. Aber keine Sorge: Beim Holocaust-Mahnmal braucht man den zweiten Blick nicht. You get, what you see.

Kann man den zweiten Blick lernen?

Es braucht Zeit und Erfahrung. Zwischen Mies van der Rohes bedeutender Nationalgalerie und allem, was am Pariser Platz steht, das Adlon und die französische Botschaft eingeschlossen, liegt ein himmelweiter Unterschied, ausgenommen vielleicht Günter Behnischs Akademie der Künste. In der Oper dagegen höre ich die Feinheiten bis heute nicht. Andere sind verzückt von der Art, wie Pierre Boulez im Unterschied zu James Levine dirigiert. Ich bin da taub. Auch wenn 99 Prozent der Bevölkerung die Unterschiede nicht wahrnehmen: Das Überleben der Kultur hängt von diesem einen Prozent ab. Das Bestehen darauf hat etwas mit Größe, mit Heldentum zu tun.

Sie sagten einmal: Ich bin nicht an Schönheit interessiert, sondern an Terror.

Meine Güte, wo finden Sie bloß solche Zitate? Nehmen wir die Gemälde von Caspar David Friedrich. Darin ist die Schönheit der Angst gefährlich nahe. Sie sind fast süßlich und gleichzeitig bedrohlich. Das ist es, was Immanuel Kant mit dem Erhabenen meint: Es schließt den Terror mit ein. Narziss schaut ja nicht in den Spiegel, sondern ins Wasser und sieht sich selbst. Was er nicht sieht, ist der Abgrund darunter. Auch das Mahnmal schließt den Terror ein. Aber man kann das Böse nicht mit etwas Bösem repräsentieren, sondern höchstens an es rühren. Ist uns das gelungen? Der Terror schlummert im Unterbewussten. Die Nazis haben das Unterbewusste freigesetzt, indem sie zuließen, dass Männer Kinder mit dem Kopf an die Wand schleuderten. In meiner Psychoanalyse habe ich gelernt, wie man mit dem Unterbewussten in Kontakt kommen kann, ohne dass es einen beherrscht.

Sie waren 20 Jahre beim Analytiker. Warum haben Sie damit angefangen?

Ich sollte in Amerika ein Haus bauen. Der Boden war ausgeschachtet, aber ich fuhr nach Italien und ließ mich als internationaler Superstar feiern. Als ich zurückkam, sagte mein Auftraggeber: Sie wollen ein Superstar sein, ich ziehe den Auftrag zurück. Da merkte ich, dass ich ein Traumtänzer war, der nach den Sternen griff, aber keinen Boden unter den Füßen spürte. Meine Häuser hätten auf dem Mond stehen können.

Sie waren 1945 zwölf Jahre alt. Wie haben Sie als Junge in Newark, New Jersey die Kriegszeit erlebt?

Ich war fasziniert davon. In meinem Kinderzimmer hing eine große Kriegskarte. Als kleiner Junge stand ich um sechs Uhr morgens auf, hörte die Kriegsnachrichten im Radio und verfolgte den Verlauf der russischen Front.

Hat jemand aus Ihrer Familie, die im 19. Jahrhundert nach Amerika emigrierte, in Europa gekämpft?

Nein, wir haben auch niemanden im Holocaust verloren. Vielleicht bin ich nie mit einer jüdischen Frau ausgegangen, weil ich vermeiden wollte, dass jemandem so etwas zustößt, den ich liebe. Denn auch in Amerika gab es Antisemitismus. In den 30ern druckte die „New York Times“ – eine jüdische Zeitung – Stellenanzeigen, in denen stand: Nicht für Juden! In unserer Tanzschule durften an den ungeraden Samstagen die Juden tanzen und an den geraden die Nicht-Juden. Trotzdem hatte ich anders als europäische Juden nie das Gefühl, dass mein Leben in Gefahr ist.

Hat Ihre Arbeit am Mahnmal etwas an Ihrem Jüdisch-Sein verändert?

Früher konnte ich nicht viel über mein Judentum sagen, das ist jetzt anders. Aber ich bin kein jüdischer Architekt, sondern einer, der zufällig jüdisch ist.

Und der sich in Berlin wohl fühlt.

Ich kann mir sogar vorstellen, hier ein Büro zu eröffnen. Ich mag die Stadt sehr. Am liebsten hätte ich von 1923 bis 1933 hier gelebt. Es war Revolutionszeit, tolle Musik, erstklassige Architekten, eine riesige Party.

Für einen Architekten muss New York doch attraktiver sein als Berlin.

Es gibt keine Architektur in New York. In Berlin gibt es Gebäude von Mies van der Rohe, Erich Mendelsohn, Hans Scharoun, Hugo Häring, Aldo Rossi, James Stirling, Arata Isozaki, Richard Meier… Es gibt keine Städte in den USA, nichts, was man mit Madrid, Mailand, Paris oder London vergleichen könnte.

Was macht denn eine Stadt zur Stadt?

Interessante Leute, gute Restaurants, gute Kunst.

Nicht die Architektur?

Wenn Sie die Wahl hätten, sich im Kino einen guten Film anzuschauen oder ein Gebäude zu besichtigen, wie würden Sie entscheiden? Im Sommer 1964 war ich mit meiner damaligen Frau und einem Kunsthistoriker in Paris. Wir mieteten einen Wagen und fuhren nach Chartres. Wir gingen in ein gutes Restaurant, aßen frische Himbeeren und tranken eine Flasche 1938er Meursault. Ein göttlicher Rotwein. Die Kathedrale schauten wir uns auf dem Rückweg zum Auto an. So lässt sich Baukunst gut ertragen, en passant, leicht betrunken. Architektur ist langweilig.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben