Zeitung Heute : Ich will wieder arbeiten

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Neulich hat mir mein Mann zärtlich ins Ohr geflüstert: „Du bist eine lausige Hausfrau.“ Früher hätte ich das als Liebeserklärung verstanden. Heute fühle ich mich in meiner Ehre gekränkt, denn das Hausfrausein ist zurzeit mein einziger Job, wenn ich das Muttersein mal zu meinem Privatleben zähle.

Das ist der Unterschied: Vom Muttersein kann ich nicht genug kriegen. Abends, wenn mein Baby schläft, stehe ich drei-, viermal am Kinderbett. Ich beuge mich ganz dicht über Noahs Gesicht (gerade so weit entfernt, dass er nicht aufwacht) und atme seinen Geruch nach frischer Milch ein. Vom Hausfrausein habe ich schon nach dem Frühstück genug. Es riecht nach vollen Mülltüten. Auch wenn ich es früher geleugnet hätte: Hausfrausein ist ein richtiger Job, nur kein besonders befriedigender und noch dazu einer, für den ich offensichtlich nicht ausreichend qualifiziert bin.

Ich habe also beschlossen, wieder zu arbeiten, ein paar Stunden die Woche und von zu Hause aus, damit ich mein wohlduftendes Baby in meiner Nähe habe. Wir haben eine Kinderfrau engagiert, die sich stundenweise um Noah kümmert. Sobald ich diesen Beschluss verkündet hatte, wurde mir klar, dass Mütter nicht nur sanft und liebevoll, sondern auch ziemlich fies sein können, jedenfalls anderen Müttern gegenüber. Als uns zum Beispiel die Maklerin das Haus zeigte, in das wir demnächst einziehen werden, als ich das Arbeitszimmer mit Fenster zum Garten sah und einen Freudenschrei ausstieß, da schaute sie mich mit einem Blick an, der einer Staatsanwältin in einem Kinderschänderprozess gut zu Gesicht gestanden hätte. „Also, ich habe mein Kind nicht in fremde Hände gegeben, bevor es sprechen konnte“, sagte sie und blies mir ihren rauchigen Atem ins Gesicht. Ich dachte: „Und ich habe aufgehört zu rauchen, sobald ich schwanger war, und ich werde nicht wieder damit anfangen.“ An Smalltalk war fortan nicht mehr zu denken. Schweigend begutachteten wir das Kinderzimmer, das Schlafzimmer, den Dachboden.

Keine Ahnung, wie viele solcher Ich-habe-Sätze ich inzwischen gehört und wie viele andere Ich-habe-Sätze ich gedacht habe. Solche Sätze stechen wie Nadeln. Ich habe beschlossen, mich über den Schmerz hinwegzusetzen, denn ich ahne, dass ich für mein Kind unausstehlich werde, wenn ich als frustrierte Hausfrau ende.

Auf der Suche nach einer Kinderbetreuung haben wir uns zuerst eine Krippe angeguckt, eine alte Villa, in der kein einziges Gitterbett stand, dafür war in jede Ecke eine Schlafhöhle gebaut. Die Treppen hatten wellenförmige Stufen, und von einem Zimmer zum nächsten ging man über eine schwankende Hängebrücke. Ein Haus, schöner und aufregender als man sich je die Villa Kunterbunt ausgemalt hatte. Ich wollte augenblicklich wieder Kind sein und auf der Brücke den Abenteuern des Lebens entgegenwanken.

Seltsamerweise endete die Krippen-Besichtigung ähnlich wie der Termin mit der Maklerin. Das schlechte Gewissen piekste. Ich dachte: So was kann ich meinem Kind gar nicht bieten! Ich sitze zu Hause mit ihm und baue Türme aus Bauklötzchen!

Doch in der schönen Krippe gibt es noch keinen Platz, außerdem ist sie eigentlich viel zu weit weg von unserem neuen Zuhause. Wir haben also eine Anzeige aufgegeben: Suchen Kinderbetreuung. Es meldete sich eine Kinderfrau, die in Rente gegangen ist. Das Rentnersein ist ihr aber zu langweilig, vielleicht ein bisschen so, wie mir das Hausfrausein nicht reicht. Nächste Woche fangen wir beide unseren neuen Job an.

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