Zeitung Heute : „Ich wollte zeigen, ich trau mich“

Tod im Linienbus: Warum ein 18-Jähriger mit einem Brotmesser zustach

Verena Mayer

Am 19. Dezember trafen im Bus der Linie 167 zwei 18-jährige Jungen aufeinander. Der eine war Oberschüler und kam von einer Weihnachtsfeier, der andere war arbeitslos und hatte den Abend bei Freunden verbracht. 20 Minuten fuhren sie im selben Bus, Richtung Berlin-Köpenick. Als der Bus die Haltestelle Spindlersfeld erreichte, lag einer der beiden Jungen im Sterben. Der andere hatte ihm mit einem Messer das Herz durchstoßen. Am Montag hat vor dem Berliner Landgericht der Prozess wegen Totschlags begonnen.

Nichts unterscheidet Oliver B., den Täter, von anderen Jugendlichen. Er hat kurzgeschorenes blondes Haar, trägt weite Jeans, ein gestreiftes T-Shirt und Turnschuhe, um den Hals hat er eine Kette. Während der Verhandlung sitzt er die meiste Zeit vornübergebeugt, sodass man nur einen Teil seines Kopfes sieht. Man weiß nicht, ob er das tut, um sich zu verstecken oder um nicht wahrnehmen zu müssen, was um ihn herum vorgeht. Wenn er redet, macht er zwischen den einzelnen Worten lange Pausen, so, als läge das nächste Wort wie ein unüberwindbarer Berg vor ihm.

Geredet hat er nie viel. Aber wenn er mit seinen Freunden unterwegs war, wollte er ihnen etwas beweisen. In der Clique galt er als der, der keinen Alkohol vertrug, die anderen hänselten ihn deswegen, vor allem Nick, der den Ton angab. Oliver B. probierte alle möglichen Drogen, Cannabis, Amphetamine, Pilze, Anabolika und LSD. Aber vor allem nahm er Ecstasy, oft zwei Tabletten auf einmal. Was das mit ihm gemacht habe, fragt der Richter. Oliver B. zuckt mit den Achseln. „Ich hatte Lust, was zu machen. Das Zapplige. Dass alles viel schneller ging.“ Ansonsten sei sein Leben „im Leerlauf“ gewesen, sagt Oliver B.s Verteidiger. Oliver B. hat die Realschule besucht und eine Tischlerlehre geschmissen, dann wurde er arbeitslos. Seine Zeit verbrachte er damit, mit Freunden herumzuziehen.

Es ging dabei vor allem um Saufen und Abziehen. Oliver B. hatte mit dem Abziehen Erfahrung, 2004 ist er wegen schweren Raubes verurteilt worden. Einmal war es auch andersherum, in Neukölln nahmen ihm welche das Handy weg. Von da an hatte er immer ein Messer dabei oder einen Schlagring. Den hat er auch herausgeholt, als er mit Freunden an einer Imbissbude war und „ein paar sich gekloppt haben“. Wenn Oliver B. über so etwas spricht, wird seine Stimme fest und sicher – das scheint die Realität zu sein, zu der er einen unmittelbaren Bezug hat, eine Realität, in der sich alles darum dreht, ob man abzieht oder abgezogen wird.

Am Abend des 19. Dezember feierte er mit Nick und Alex. Er wollte ihnen zeigen, dass er beim Bier mit ihnen mithalten kann und hatte vier Ecstasy-Tabletten intus. Jemand hatte ihm einmal gesagt, dass man mehr Alkohol vertrüge, wenn man vorher Ecstasy nähme. Sie tranken, dann stiegen sie in den Bus, „ohne Ziel“. Oliver B. hatte ein Küchenmesser eingesteckt. Warum, kann er nicht sagen. Der Richter reißt eine Plastiktüte auf und zieht es hervor. Es ist ein langes Messer, wie man es zum Brotschneiden verwendet.

Im Bus saß auf der hinteren Bank ein Mädchen. Nick, Alex und Oliver B. begannen es anzumachen. Der Freund des Mädchens sagte, sie sollten Ruhe geben. 20 Minuten lang beschimpften die drei das Mädchen und dessen Freund und äfften sie nach. Nick hatte eine Bierflasche in der Hand und fuchtelte damit herum, der Junge nahm sie ihm weg. Irgendwann stand Oliver B. auf und zog das Messer. „Tu das weg“, schrie das Mädchen. Der Junge sagte zu Oliver B., dass im Bus Kameras seien. „Stich doch zu, du traust dich ja doch nicht.“ Oliver B. wusste nichts darauf zu sagen. Er rammte ihm das Messer in die Brust, 20 Zentimeter tief und so fest, als würde ein Boxer zuschlagen. „Ich wollte aus der Situation raus“, sagt Oliver B. vor Gericht. Er sprang mit Alex und Nick aus dem Bus, der Junge taumelte nach hinten und ließ die Bierflasche fallen. Sie rollte nach draußen. Oliver B. nahm die Flasche und warf sie nach dem Jungen. Jan R. verblutete.

Ob er sich provoziert gefühlt habe und vielleicht auch deshalb nicht mehr zurückkonnte, weil er sonst vor Nick und Alex komisch dagestanden hätte, will der Verteidiger von Oliver B. wissen. Der sagt nichts. Er hat den Kopf gesenkt. „Ich habe gerade nicht zugehört“, murmelt er schließlich. Er hört oft nicht zu, Oliver B. wirkt abwesend, so, als sei er irgendwohin abgetaucht. Nach der Tat ging er nach Hause, das Messer warf er weg. Die zwei Tage, bis er verhaftet wurde, verbrachte er damit, sich zu bekiffen.

Auf der anderen Seite des Saales sitzt die Mutter des toten Jungen. Sie ist eine kleine Frau, 55 Jahre alt, in Schwarz gekleidet. Sie wirkt gefasst, interessiert an der Verhandlung. Immer wieder sieht sie zur Anklagebank, hinter der Oliver B. versunken ist. Als könne sie auf der hölzernen Wand eine Erklärung finden. Oliver B. hat keine Erklärung. „Ich habe nicht nachgedacht“, sagt er. „Vielleicht wollte ich zeigen, ich trau mich ja doch.“ Der Richter will wissen, wie er zugestochen habe. Oliver B. sagt etwas Undeutliches. Der Richter fordert Oliver B. auf, aufzustehen und zu zeigen, wie er das Messer gehalten habe. Oliver B. senkt den Kopf noch tiefer. „Ich will das nicht machen“, antwortet er. Der Prozess wird fortgesetzt.

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