Zeitung Heute : „Ich wusste einfach nicht, wie man küsst“

Er hat die Schule geschmissen und es trotzdem geschafft. Robert Stadlober machte eine Blitzkarriere. Jetzt ist er 20 und ringt um eine politische Haltung. Links will er sein – bloß wie?

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In Leander Haußmanns Film „Sonnenallee“ spielte er den ostdeutschen RollingStones-Fan Wuschel, für seine Rolle als halbseitig gelähmter Jugendlicher in Hans-Christian Schmids „Crazy“ erhielt er den Bayerischen Nachwuchs-Filmpreis: Schauspieler Robert Stadlober, 20, gebürtiger Österreicher. Zurzeit probt er in Hamburg seine erste Theaterrolle, in einer Inszenierung von „Trainspotting“, nach dem verfilmten Bestseller des schottischen Autors Irvine Welsh. Außerdem ist er der Gitarrist der Band „Gary“. Er pendelt der Liebe wegen zwischen Barcelona, Hamburg und Berlin.

Interview: Stefanie Flamm und Kerstin Kohlenberg; Foto: Bernd Hartung Herr Stadlober, stellen Sie sich vor, wir wären eine WG, in die Sie gerne einziehen würden. Wie würden Sie sich im Kennenlerngespräch beschreiben?

Oh, je. Also, ich bin jemand, der bestimmt regelmäßig seine Miete überweist. Meine finanzielle Situation ist relativ gefestigt. Das ist ja nicht selbstverständlich in einer WG. Ansonsten habe ich wohl nur schlechte Eigenschaften: Ich bin laut, ich schlafe zu unmöglichen Zeiten und sehe die halbe Nacht fern.

Egal, was kommt?

Egal, was kommt. Gestern zum Beispiel war ich mit meiner Schwester essen, und dann habe ich noch bis in die Puppen diese Sendung über Fischotter geguckt. Die war wirklich sehr gut gemacht. Im Kommentar hieß es, wie faszinierend, dass die Tiere ihre Hinterflossen so spreizen, dass die Schwimmhäute zum Einsatz kommen. Was für ein Wunder der Natur! Wäre ja auch blöd, wenn sie es nicht tun würden. Leider merke ich mir solchen Blödsinn.

Und beim Frühstück ist das dann ein Thema.

Nee, nee. In meiner jetzigen WG in Hamburg ist das so, dass ich meistens noch im Bett bin, wenn die anderen in die Uni gehen. Ich habe ja abends oft zu tun, oder bin eben lange unterwegs. Und wenn ich schlafe, dann schlafe ich, da kann mich nichts wecken. Ich bin sehr tolerant. Es macht mir auch nichts aus, wenn der Abwasch eine Woche lang in der Spüle steht.

Vielleicht könnten Sie uns dann beim Abendessen ja mit lustigen Geschichten aus der Filmbranche unterhalten.

Garantiert nicht. Dann würde ich eher eine politische Diskussion vom Zaun brechen. Da geht mir selten der Stoff aus. Übe r politische Themen könnten wir bis sechs Uhr morgens reden.

Zum Beispiel: Putzfrau ja oder nein?

Zum Beispiel. Auf der einen Seite ist eine Putzfrau etwas sehr Angenehmes, auf der anderen Seite wird sie meist schlecht und schwarz bezahlt.

Und auf welche Seite würden Sie sich morgens um sechs schlagen?

Wenn ich die vielen leeren Gläser sehe? Dann würde ich eine Putzfrau wohl für keine schlechte Idee halten.

Politik also. Heißt das, dass Ihre Arbeit im Privatleben tabu ist?

Naja, so kann man das auch nicht sehen. Ich lebe einfach in zwei Parallelwelten, manchmal vergesse ich, dass ich prominent bin. Im Alltag kommt mir das selber abstrakt vor. Auf Promi-Partys fühle ich mich dann eher wie im Urlaub, da ist man ja auch anders als im normalen Leben. Häufig sind es dann die anderen, die mich an meinen Status erinnern. Am schlimmsten ist es in der Bahn, wenn die halbe Bundeswehr auf dem Weg nach Hause ist. Die meisten haben mich in „Crazy“ gesehen.

Dem Film von Hans-Christian Schmid, in dem Sie den halbseitig gelähmten Benjamin spielen…

Genau, und dann heißt es immer: „Hast du nicht den Spasti gespielt“, oder „Ej, mach mal behindert, mach behindert“. Ich weiß dann gar nicht, wie ich reagieren soll. Manchmal bin ich kurz davor, den Aufpreis zu zahlen und mich in die erste Klasse zu setzen. Meistens verstecke ich mich dann aber doch nur hinter einer Zeitung und tue so, als würden die nicht mich meinen.

Was lesen Sie dann?

Ich lese eigentlich alles, was es am Kiosk gibt, außer „Focus“. Den „Spiegel“, „Rolling Stone“, „Konkret“, die „Jungle World“ und „Titanic“, die haben wir in der WG abonniert, und „New Musical Express“. Aber auch „Bild“ und manchmal eine „Gala“, also auch leichte Kost.

Sie leben in Hamburg und Barcelona, haben aber oft in Berlin zu tun. Könnten Sie sich vorstellen, dann bei Ihrer Mutter in Zehlendorf zu übernachten?

Nein, das würde unserer Beziehung eher schaden. Ich bin mit 16 zu Hause ausgezogen, und meine Mutter weiß jetzt nicht mehr so genau, wie ich lebe. Wenn man seine Eltern trifft, gibt man sich ja immer viel Mühe: Man ist ausgeschlafen und sieht zu, dass man halbwegs ordentlich aussieht.

Trotzdem macht sich Ihre Mutter gelegentlich darüber lustig, dass Sie rote Schuhe zu einem himmelblauen Anzug tragen.

Es macht einfach Spaß, seine Mutter im Unklaren zu lassen. Was soll ich ihr lange erklären, dass ich diese roten Chucks trage, um die Sache mit dem Anzug noch einmal modisch zu brechen? Außerdem kann sie sich eigentlich nicht beklagen. Vor ein paar Jahren, als ich ausgezogen bin, bin ich noch in Lederstiefeln, abgeschnittenen Jeans und Nietenlederjacke rumgelaufen. Da hätte sie mir wahrscheinlich gerne einen himmelblauen Anzug geschenkt.

Damals haben Sie auch die Schule abgebrochen.

Meine Mutter war natürlich nicht begeistert, aber sie hat mich gelassen. Sie hat gesagt, „Robert, du bis 15 Jahre alt, wenn du jetzt von der Schule abgehst, darfst du nicht in vier Jahren ankommen und sagen, Mama, wieso hast du mir das damals erlaubt, ich habe kein Abitur, nicht einmal Hauptschulabschluss“. Ich habe ihr damals versprechen müssen, dass ich die Konsequenzen trage, egal was passiert. Wir haben sogar einen Vertrag aufgesetzt, den wir dann aber doch nie unterschrieben haben.

Sie gingen auf ein britisch-deutsches Elitegymnasium, nachdem Sie zuvor von der Waldorfschule geworfen wurden.

Naja, ich wurde nicht rausgeworfen, ich wurde vor die Entscheidung gestellt: entweder Filme drehen oder Waldorfschule. Man darf als Waldorfschüler ja nicht einmal fernsehen. Auch den Film akzeptieren die Anthroposophen nicht als Kunstform. Deren Ideologie hört um das Jahr 1920 einfach auf. Die Idee von Rudolf Steiner halte ich an sich nicht für doof, aber sie wird nicht weitergeführt. In der Waldorfschule fühlt man sich deshalb manchmal wie in der DDR: Es wird immer dieselbe Leier nachgequatscht, und alle klopfen fromme Sprüche.

Auf der neuen Schule waren Sie aber auch nicht froh…

Mathematik, Physik, Chemie, das hat einfach nichts mit mir zu tun, und die anderen Dinge, Literatur, Musik, Kunst und Geschichte bringen einem in der Schule nichts. Ich interessiere mich sehr für Literatur, aber meine Rechtschreibung ist trotzdem eine Katastrophe, vor allem mit der Groß- und Kleinschreibung habe ich meine Probleme.

Was lesen Sie am liebsten?

Mit zwölf Jahren Salingers „Fänger im Roggen“, mit 16 Michael Chabons „Die Geheimnisse von Pittsburgh“, das mir Thomas Wöbke, der Produzent von „Crazy“, geschenkt hat. Im Moment: „Der König von Havanna“ von Pedro Juan Gutiérrez. Der Autor ist Kubaner, der in Havanna lebt, schreibt und Filme macht.

Stehen Bücher wie Naomi Kleins globalisierungskritischer Bestseller „No Logo" auch auf Ihrer Lektüreliste?

„No Logo“ habe ich gelesen. Ich finde es, wie soll ich sagen, pseudopolitisch. Die Autorin stellt sich hin und sagt, ich bin gegen die Globalisierung, und deshalb bin ich toll. In Wahrheit ist doch alles viel komplizierter. Die Globalisierung hat ja auch ihre guten Seiten: die Vernetzung der Menschheit, zum Beispiel. Man kommt leichter an Informationen heran. Aber sie hat auch Nachteile. Dieses hochgelobte Internet ist natürlich der allergrößte Quatsch. Es gibt keine Instanz, die das irgendwie regelt, man kann sich auf Informationen aus dem Netz nicht verlassen. Mit den transnationalen Konzernen ist das eher zweischneidig. Sie sind schlecht, weil sie in manchen Teilen der Erde Menschen ausbeuten, andererseits erleichtern sie uns den Zugang zu Produkten, die wir sonst nie kennen gelernt hätten. So ist es mit den meisten Dingen.

Und wie ist Ihre Tendenz, wenn Sie mit Freunden und Kollegen über dieses Thema reden?

Die Tendenz ist leider immer extrem links.

Wieso leider? Weil es ein Reflex ist?

Nein, so würde ich das nicht formulieren. Vor zwei Jahren hätte ich noch ganz stolz behauptet: Ich bin Sozialist. Heute sage ich das zwar immer noch, mit dem Unterschied, dass ich von der Idee wirklich überzeugt bin. Ich finde es nicht mehr nur cool, eine andere Meinung zu haben.

Eine andere Meinung als wer?

Als meine Mutter, als der Großteil der Gesellschaft. Ich hatte schon immer die latente Vermutung, dass die Gesellschaft, in der wir leben, nicht die letzte sein wird und auch nicht die beste ist. Das Problem meiner Generation besteht ja darin, dass wir uns keinen Gegenentwurf mehr vorstellen können. Die Alternativen wurden vor zwölf Jahren gegen die Wand gefahren.

Ist es in einer bestimmten Lebensphase nicht auch schicker, „links“ zu sein?

Ich glaube, es hängt davon ab, mit welchen Leuten man zwischen 13 und 17 zusammen ist. Meine Freunde waren alle in der Antifa. Wir gingen ins „Ex“, das ist eine Besetzerkneipe in der Gneisenaustraße in Kreuzberg. Dort hat mir jemand, als ich 14 war, zum ersten Mal von Marx erzählt.

Ein Kreuzberger Altlinker?

So alt war der gar nicht, 25 Jahre, höchstens. Der gehörte zum Schwarzen Block.

Zu den Krawallmachern.

Das finde ich heute auch nicht mehr gut. „Faschos kloppen“ ist genauso dumm wie das, was die Faschos machen.

Könnten Sie sich denn mittlerweile vorstellen, in eine Partei einzutreten?

Nein. Diese Partei gibt es nicht. Außerdem finde ich es problematisch, wenn Prominente Parteien unterstützen. Dann würde es heißen: Stadlober ist jetzt in der PDS oder was weiß ich. Der Partei würde es vielleicht nützen, aber der Sache nicht.

Franka Potente wirbt für Amnesty International.

Das könnte ich mir eher vorstellen. Aber unproblematisch ist das auch nicht. Ich habe immer dieses Bild vor Augen: Irgendein Prominenter sitzt in einem afrikanischen Dorf und hat ein Baby auf dem Arm, dann fährt er nach Hause, und wem hat das Ganze etwas gebracht? Ihm vor allem. Der Vorwurf kommt ja schnell, dass ein Prominenter sich nur wegen des eigenen Images für eine gute Sache engagiert.

Greenpeace hätte sicherlich nichts dagegen, wenn Robert Stadlober für eine Kampagne auf einer Robbe reitet. Fürchten Sie nicht eher um Ihr eigenes Image ?

Nicht direkt. Es ist wohl eher so, dass ich die Organisation, für die ich mich öffentlich einsetzen würde, einfach noch nicht gefunden habe. Man legt sich ja fest auf eine bestimmte Linie, oder man ist bloß der Schirmherr. Ich bin 20 Jahre alt, beides würde mir im Moment ziemlich komisch vorkommen.

Bei den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg war Ihre Generation sehr stark vertreten. Was glauben Sie, findet da eine Repolitisierung der Unpolitischen statt?

Das ist die Frage. Werden diese Leute wirklich politisch oder demonstrieren sie einfach nur, weil sie irgendwie gegen den Krieg sind. Ich finde das ja gut. Aber ist es immer eine politische Entscheidung, ob man demonstriert oder nicht? Oder wird man da einfach mitgezogen? Ich erinnere mich noch an den letzten Golfkrieg, 1991, da war ich ungefähr acht Jahre, und habe wirklich nicht verstanden, worum es da geht. Ich bin auf die Demos gegangen, weil wir dafür schulfrei bekommen hatten. Aber es ist natürlich interessant, was dieser Krieg bei den Leuten auslöst.

Die Friedensbewegung macht ein relativ eindeutiges Angebot. Man bekommt gesagt, wo der Böse steht. Beim Kosovo-Krieg etwa war das ja schwieriger.

Da habe ich bis heute nicht begriffen, wie die Fronten verlaufen sind. Ich war letzten Sommer für Dreharbeiten in Serbien, die Menschen haben große Probleme wegen der Bombardierung durch die Nato. Zum Beispiel: Weil die Bomben fast alle Brücken zerstört haben, sind die Donauschiffer arbeitslos geworden. Und wenn man dann sieht, wie sie in den Ruin getrieben wurden, fragt man sich wirklich, ob das nötig war.

Serbenführer Milosevic wurde immerhin des Völkermordes bezichtigt…

Sicher, das sehe ich auch. Aber dann hat mir dieser Serbe ein zerbombtes Haus gezeigt, da hat es mir wirklich den Hals zugeschnürt. Das sieht einfach anders aus als nur ein kaputtes Haus. Für diese Menschen haben wir uns nicht so engagiert. Vielleicht, weil sich hier damals niemand bedroht fühlte.

Muss die Bedrohung so groß und so abstrakt sein, damit man wirklich Angst bekommt?

Man fürchtet sich dann vor dieser Übermacht und sagt, es gehe einem um die Zivilbevölkerung. Dem Penner um die Ecke gibt man trotzdem bloß ab und an einen Euro.

Anstatt ihn zum Duschen einzuladen? Herr Stadlober…

Ich weiß, dass sich das jetzt blöd anhört, aber einmal, in Estland, habe ich wirklich sechs Straßenkinder mit aufs Zimmer genommen, damit die sich baden konnten. Ich war am Ende wahnsinnig genervt. Ich wollte schlafen, aber die blieben vier Stunden in der Wanne, und als sie endlich weg waren, hatten sie die Minibar ausgetrunken. Die haben wahrscheinlich gedacht, ich bin Promi, ich muss nichts zahlen. Ich war vielleicht wütend. Bei mir in St. Pauli mach ich auch nicht mehr, als in den Dönerladen zu gehen und mich zu freuen, wenn der Verkäufer mich grüßt. Dieses ganze Multikulti-Theater ist ja ein bisschen pseudo, ekelhaft eigentlich. Man freut sich, dass die soziale Mischung stabil ist und ist gleichzeitig dankbar, dass es einem nicht so dreckig geht wie dem Junkie an der Ecke. Was mir an St. Pauli am besten gefällt: Es erkennt mich fast keiner. Ich fühle mich total unbeobachtet und total frei.

In Berlin ist das anders?

Ja, hier komme ich zwar in jeden coolen Club rein, weil man mich kennt. Darum steht dann am nächsten Tag in der Zeitung, was ich gestern Blödes gesagt oder gemacht habe.

Sie haben eine Blitzkarriere hinter sich. Sind Sie von der Wirtschaftskrise bislang unbeschadet geblieben?

Es ist auch für mich im Moment eher schwer, an gute Engagements heranzukommen . Ich probe in Hamburg die Theaterversion von Irvine Welshs Roman „Trainspotting“. Ich spiele den Mark Renton und hatte, ehrlich gesagt, noch nie so viel Text auf einmal zu sprechen. Das macht mich manchmal nervös. Trotzdem bin ich froh über die Rolle. Synchronsprechen geht, aber im Film herrscht gerade Flaute. Manchmal spüre ich sogar so was wie einen Funken Existenzangst.

Bald werden Sie in Italien drehen.

Gott sei Dank. Die Zusage kam vor einem Monat: ein Historiendrama mit Tobias Moretti. Es geht um die Inquisition. Moretti spielt einen Astronomen, der auch Hellseher ist, und ich werde so lange gefoltert, bis ich seine Erkenntnis preisgebe. Im Grunde, was ich immer spiele: Ein Junge wird langsam erwachsen und versucht herauszufinden, wer er ist, und wo er steht.

Wenn man so jung zum Film kommt wie Sie, muss man da manchmal Erfahrungen und Gefühle spielen, die man noch gar nicht erlebt hat?

Oh ja. Mein erster Kuss war ein Filmkuss. Ich war 13, und wir drehten gerade eine Folge der Serie „Leinen los für MS Königsstein". Ich wusste einfach nicht, wie man küsst, ich hatte tierische Angst davor, aber dem Mädchen gegenüber hab’ ich so getan, als hätte ich das schon tausend Mal gemacht. Bei „Engel und Joe“…

…der Liebesgeschichte zweier Straßenkinder…

…habe ich zusammen mit Jana Pallaske die große Liebe gespielt. Die hatte ich damals auch noch nicht erlebt. Ich hatte einfach keine Ahnung, wie das ist. Ein halbes Jahr später hat es dann zum ersten Mal geknallt, und ich habe erst richtig verstanden, was ich da gespielt habe. Ich liebe meine Freundin wirklich über alles. Falls sie das lesen sollte: Sie ist die tollste Frau der Welt.

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