Zeitung Heute : Ich, zwei, drei

Alexander Bormann

Eros und Sprache unterhalten in seinen Gedichten eine enge Verbindung. "Wenn sich die Berührungen / in Begriffen wiederfinden", heißt es bei Björn Kuhligk, dann, möchte man ergänzen, sind sie doch so gut wie verloren? Das stimmt nicht für die Poesie, die von Impulsen, geheimen Stromstößen, Überraschungen lebt. Entsprechend originell setzt Kuhligk seinen Wenn-Satz fort: "bin ich / Fluchtversuch, ein Nachtschrank / oder besser: eine Variable". Die "Korrektur" führt zu einer Einsicht, die der modernen Poesie überhaupt zugrunde liegt: dass Wirklichkeit und Sprache, Sinnlichkeit und Ausdruck unentwirrbar verschränkt sind. Das begrenzt die Souveränität des Subjekts energisch. Mit "Variable" ist das vorsichtiger gefasst als im Poststrukturalismus, der das Subjekt allzu gründlich zur Schaltstelle von Zeichenbewegungen deklassierte.

Liebesgedichte stehen im Mittelpunkt des zweiten Gedichtbandes, den der 1975 geborene Berliner Autor nun in einem großen Verlag vorlegt. "als ich uns am Wasser sah, begann / eine Geschichte und eine Reihe / aufgeladener Worte, mit denen / ich streunen ging". Selbstverständlich sind Worte der Liebe aufgeladen: mit dem eigenen Gefühl, aber auch von Seiten der Tradition, es gibt sie seit den Anfängen der Menschheit. Nicht einfach, hier seine eigene Stimme zu behaupten. Kuhligk versucht das mit gekonnt-gegenwärtigem Petrarkismus, gesuchten und zugleich überzeugenden Bildern: "In jenem Hausflur / grub ich mich dir ein und / entlockte deinem Mund / die Vögel, die ich / zwischen meine Finger nahm // dein fremdes Zittern, das die Adern schloss / ein Zimtkleid, das du tragen solltest / und meine Zunge, sie hörte zu".

Das Ich tritt durchaus bescheiden auf: "du brauchst zwei, drei / Wege, die du gehen kannst, zwei / Richtungen, ein Haus, das ist alles". Das ist nicht wenig. Der Hinweis aufs Haus meint eine Sicherheit, von der her Vielfalt gut zu leben ist. Gleichwohl ist von energisch-angestrengtem "Körpereinsatz" auch in diesen Gedichten die Rede. Und ein "Kopfsturz" mit Behandlung in der Charité lässt dieses Thema sogar ganz konkret-realistisch werden.

Kuhligks Gedichte haben eine große thematische Vielfalt. Offensichtlich kann er auch gut zuhören: was ein Eisenflechter im Zug erzählt, wie im Radio, im Fernsehen, am Hafen oder im Café geredet wird. Tageseindrücke ergeben einen kritischen Blick auf die Epoche, etwa unter dem Titel "Straffe Allee": Die Nachbarn sägen den Bäumen die großen Äste ab. Das Gedicht arbeitet filmisch, beginnt mit einer friedlichen Totale, wie es nur Lyrik kann, und mit lauter Alliterationen: "Leise bricht das Licht / der Laternen die Wärme / über den Häusern". Die Zurichtung der Bäume erscheint als barbarischer Akt. Die Nachbarn "steigen auf brandenburgische Kiefern / und sägen dem Leben / die Ringe durch, die großen Äste / liegen wie ein Abschied auf der Gegenwart".

Die Bilder sind zumeist konkret und poetisch zugleich: "Die Bundeswehr tätowiert den Äther", so hat man Kondensstreifen noch nicht wahrgenommen. Dem Kinder-Hüpfspiel wird ein Gedanke zugefügt: "ein Kind, das springt / in Quadrate, Himmel und Hölle / was weiß die Erde/ vom Jenseits". Die U-Bahn-Fahrer am Morgen sieht er als ein "Vorstadtrequiem schweigender Protagonisten". Auch die Titel sind oft in dieser Weise doppelt kodiert: "Nachts, wenn den Engeln Krampfadern wachsen" oder: "Berlin bei Nacht. Die schlafende Suchmaschine".

Das berühmte Fried-Gedicht "Es ist was es ist (sagt die Liebe)" wird von Kuhligk auf den Krieg gemünzt und damit zu einem aktuellen Achselzucken degradiert. Dem Vers der Bachmann "Es kommen härtere Tage" (Zeiten) antwortet er mit der Versicherung "Es kommen härtere Zeiten", und er glossiert Brecht: "die Verbrechen in der Mitte / des Abendprogramms sind / eine Freundlichkeit, die wir / mit Nachsicht betrachten". Textspiele, die doch ein Ende des Spiels markieren sollen. Die Gegenwart wird zunehmend als Geschichte sichtbar: "Der Cyberkrieger spricht", den Rest bestimmt der Masterplan, und in Schulbüchern "steht die Geschichte, die uns / überlassen wurde, am Straßenrand / und leert die Herzkammern".

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