Zeitung Heute : Ideen aus dem Operationssaal

Das Unternehmen World of Medicine in Tiergarten vernetzt Entwickler und Mediziner

Rita Nikolow

Stefan Kürbis und Colin Krüger arbeiten eng zusammen: Wenn der Chirurg Colin Krüger im OP nicht zufrieden ist mit einem seiner Instrumente, unterstützen ihn Stefan Kürbis und seine Entwickler dabei, dieses Produkt zu verbessern. Denn Kürbis arbeitet für das Medizintechnikunternehmen World of Medicine AG (WOM), das sich auf Geräte für die minimalinvasive Chirurgie (MIC) spezialisiert hat. Bei der MIC wird nicht über große Schnitte operiert, sondern nur über kleine Schlüssellöcher, durch die spezielle Röhren ins Körperinnere geschoben werden. Mit diesen Röhren werden die Instrumente und das Endoskop gelenkt.

 Im Bereich der minimalinvasiven Chirurgie gehört die WOM zu den weltweiten Marktführern: 2007 erwirtschaftete das 1974 in Berlin gegründete Unternehmen einen Umsatz von fast 36 Millionen Euro. Insgesamt hat die WOM mehr als 50 Patente entwickelt und angemeldet. Neben Berlin hat sie Standorte in Orlando und im bayerischen Ludwigsstadt – wo die WOM auch lange ihren Hauptsitz hatte. 2001 ging die WOM, die rund 210 Mitarbeiter hat, an die Börse. 2006 verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz dann aber von Bayern zurück nach Berlin, an das Salzufer in Tiergarten. „Denn die Möglichkeiten, mit Kooperationspartnern aus der Praxis zu arbeiten, sind in Berlin hervorragend“, sagt Marketingdirektor Kürbis.

Unter anderem arbeitet die WOM mit Kliniken und Universitäten zusammen, zum Beispiel mit der Charité und mit Vivantes. Wo bis vor kurzem auch Colin Krüger gearbeitet hat. Mittlerweile ist der Chirurg an einer Klinik in Hamburg beschäftigt. Und er hat seine eigene Beraterfirma. Für WOM arbeitet Krüger seit 2006.

„Damals gab es, auch wegen der Fußballweltmeisterschaft, diesen Hype um HDTV und das 16:9-Format“, erinnert sich Marketingchef Kürbis. Und die ersten Hersteller drängten mit Produkten aus der HDTV-Technik (High Definition Television) auf den medizinischen Markt. Die HDTV-Technik bringt im Breitbildformat scharfe Konturen, kräftige Farben und eine starke Tiefenschärfe auf den Bildschirm. Die WOM wollte 2006 ebenfalls mit der HD-Technik arbeiten: Und bat Colin Krüger, zu überprüfen, ob das mit dieser Technik verbundene 16:9-Bildformat auch für die minimalinvasive Chirurgie sinnvoll wäre. Bei dieser werden die Bilder, die das Endoskop aus dem Körperinneren übermittelt, auf einen Bildschirm übertragen. Krüger machte eine Studie dazu – und kam am OP-Tisch zu dem Ergebnis, dass das Format 16:9 für den Operationssaal ungeeignet war.

Denn die Bilder aus dem Körperinneren werden während der Operationen durch ein kreisrundes Endoskop aufgenommen. Auf einem rechteckigen 16:9-Bildschirm gehen dann aber mehr als 20 Prozent der übertragenen Bildinformationen verloren. „Nach diesen Ergebnissen haben wir beschlossen, für unseren Bereich ein eigenes HD-Format zu kreieren“, sagt Kürbis. Dafür haben die Entwickler eine hohe Auflösung mit dem Format 5:4 kombiniert, und das ganze „Medical HD“ genannt. Von der Entwicklung bis zur Vorstellung sind 2006 gerade einmal neun Monate vergangen. „Wenn Colin Krüger für uns nicht diese Studie gemacht hätte, wären wir wohl ebenfalls dem Trend zu 16:9 nachgerannt“, sagt Kürbis.

Ihre Entwicklungen verkauft die WOM nicht selbst. Die Medical-HD-Kameras zum Beispiel werden vom Branchenriesen Richard Wolf vertrieben. Dass sich die Medizintechnik mit Ärzten austauscht, die täglich am OP-Tisch stehen, und auch selber häufiger bei Operationen zusehen, hält Stefan Kürbis für einen Trend, der seit fünf Jahren immer stärker zunimmt: „So können immer neue Ideen für weitere Produkte entstehen.“ Und Krüger findet es positiv, dass er als Chirurg nun Einfluss hat auf die Instrumente und Technik, mit denen er arbeitet.

Einmal im Jahr ziehen sich Krüger und Kürbis für eine Woche aus dem Alltag zurück, „möglichst an einen Ort in einer entgegengesetzten Zeitzone“, wie er sagt. Dann arbeiten die beiden an neuen Ideen und planen für das kommende Jahr. Denn Krüger muss sein Engagement mit seiner Anstellung als Arzt vereinbaren. „Ich bin straff organisiert, und meine Frau führt die Firma mit mir zusammen“, sagt er.

Vor ein paar Wochen haben der Marketingdirektor und der Chirurg die Medical-HD-Technik in Dubai vorgestellt. Auch, weil die World of Medicine – der Finanzkrise zum Trotz – in diesem Jahr verstärkt investieren will, vor allem in die Vertriebswege im mittleren Osten. Die neue Generation der Medical-HD-Kamera soll im nächsten Quartal auf den Markt kommen. In der Planung sind Stefan Kürbis und Colin Krüger aber längst bei deren Nachfolgemodell.

Die Möglichkeiten, mit Kooperationspartnern aus der Praxis zu

arbeiten, sind in Berlin hervorragend.“

Stefan Kürbis (links, mit Chirurg Colin Krüger),

Chief Manager Marketing World of Medicine AG

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