Zeitung Heute : Ideen zu verkaufen

Jovoto ist eine Drehscheibe, ein Bindeglied zwischen Unternehmen und jungen Kreativen. Die einen suchen nach einer tollen Kampagne, die anderen liefern Einfälle – im offenen Wettbewerb

Patricia Hecht

Die Werbeagentur der Fluggesellschaft Easyjet war auf der Suche nach Ideen. Flip Flops und Luftmatratzen, die in knalligem Orange für den Sommerurlaub in Nizza oder Mallorca werben sollten, reichten nicht mehr. Um möglichst viele neue Einfälle für die grafische Darstellung von Sommer- und Städtereisen zu sammeln, wandten sich die Profis an das gerade gegründete Online-Unternehmen Jovoto. Ein praktischer Zufall: Die Agentur hatte ihren Sitz im selben Haus wie das Start-Up.

Jovoto leitete die Aufgabenstellung der Agentur an eine internationale Gemeinschaft junger Kreativer weiter – Designer, Grafiker, angehende Werber. Knapp drei Wochen später hatte Easyjet seine Ideen. Mehr als 200 Vorschläge konnten die Macher von Jovoto präsentieren, darunter ein Schlagzeug, das symbolisch für Liverpool steht, oder ein Kamel, das für den Urlaub in Marrakesch wirbt.

Die zündende Idee wurde im Umfeld des Institute of Electronic Business der Universität der Künste entwickelt, Ende 2007 entstand die Firma. Mit dabei war von Anfang an Geschäftsführer Bastian Unterberg. Der 30-jährige Designer mit typischer Berlin-Mitte-Frisur sieht aus, als könne er sich in Jeans und T-Shirt ebenso wohl wie im Anzug fühlen – ein Vorteil, was die Kommunikation mit seinen beiden Kundengruppen betrifft. Jovoto nämlich funktioniert als Drehscheibe zwischen jungen Kreativen und etablierten Unternehmen: Es erzeugt und verkauft Ideen. Und das auf faire Art und Weise, wie Unterberg betont: „An jeder Design-Fakultät gibt es Kreativwettbewerbe, die etablierte Marken nutzen, um Ideen zu generieren.“ Am Ende des Tages habe die Firma eine neue Idee in der Tasche, für die Studenten hingegen bleibe ein magerer Leistungsnachweis. „Aber Ideen haben eben einen tatsächlichen Wert“, sagt Unterberg. Und Jovoto stellt die Plattform, um diese Einfälle zu verkaufen.

Was eine Idee kostet, wurde bei jedem der mittlerweile 15 Wettbewerbe – darunter Aufträge der Deutschen Bahn und Greenpeace – je nach Komplexität der Aufgabe aufs Neue ausgehandelt. Wieviel der Kunde zahlt, wird zusammen mit der Ausschreibung innerhalb der Kreativgemeinschaft veröffentlicht. In der Regel liegen die Kosten zwischen 2500 und 5000 Euro, und erst mit Abschluss des Geschäfts gehen auch die Nutzungsrechte an den Kunden.

Die Rolle der Kreativen beschränkt sich allerdings nicht nur auf die der Ideenlieferanten. Alle Teilnehmer können während des Wettbewerbs die bereits eingestellten Vorschläge der anderen sehen, diskutieren und bewerten. Nach Ablauf der Frist wartet auf die ersten zwölf Plätze zusätzlich ein vorher ausgelobtes Preisgeld. Dadurch, dass mittlerweile auch Profis in die Gemeinschaft einsteigen, werde der Diskussionsprozess während des Wettbewerbs immer spannender, sagt Unterberg. „Die Jungen sammeln Praxiserfahrung und die alten Hasen freuen sich über radikale Standpunkte, die nicht schon jahrelang von Agenturen geprägt wurden. Die Leute lernen voneinander und sie entwickeln ihre Ideen zusammen weiter.“ Und die Kunden sehen, wie die Vorschläge bei einer jungen Gemeinde ankommen.

Anfangs bestand die Masse der Kreativen aus Freunden. Über Mundpropaganda und die Ansprache von Studenten wächst die Zahl derer, die dabei sein wollen, jedoch rasant. Momentan nehmen etwa 2000 Kreative, im Schnitt zwischen 25 und 30 Jahre alt, an den Wettbewerben teil. Zwei Drittel kommen aus dem deutschsprachigen Raum, die anderen vor allem aus den USA, Spanien und Großbritannien. Tausende, wie Unterberg sagt – die genaue Zahl ist Geschäftsgeheimnis – warten darauf, Teil der geschlossenen Gesellschaft zu werden: „Wir wollen nicht, dass plötzlich zu viele Leute an einem einzigen Wettbewerb teilnehmen. Dann würde die Balance zwischen Preisgeld und Ideenkauf aus dem Ruder laufen.“ Monatlich werden jedoch neue Mitglieder zugelassen.

Jovoto finanziert sich durch Gebühren für den Wettbewerb. Zusatzleistungen wie die Präsentation oder die strategische Analyse der Ideen werden außerdem bezahlt. Und schließlich verkauft das Unternehmen auch die Technologie, die hinter dem Prinzip Jovoto steht: Die Crowd-Sourcing-Plattform, wie Unterberg sie nennt. Die Berlin Partner GmbH kaufte die Technologie beispielsweise für die „be Berlin“-Kampagne. „Wir glauben allerdings, dass das Modell der Kreativwettbewerbe Jovoto langfristig ausmachen wird“, sagt Unterberg. Sein Ziel: „Wir wollen das größte Kreativdepartment werden.“ Ein nächster Schritt dorthin ist eine aktuelle Kampagne. Von der Werbeagentur der SPD ist ein Wettbewerb für Frank-Walter Steinmeier ausgeschrieben. Gesucht: ein Wahlkampflogo.

www.jovoto.de

Wir glauben, dass das Modell der Kreativwettbewerbe Jovoto langfristig ausmachen wird. Unser Ziel ist es, das größte Kreativdepartment überhaupt zu werden.“

Bastian Unterberg, Geschäftsführer von Jovoto

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