Zeitung Heute : IFA 2001: Das Leid der Leitmesse

Rainer Bücken

Am Samstag öffnen sich die Tore zur 43. Funkausstellung. Seit 1971 führt sie das Adjektiv "Internationale" im Titel - doch erst jetzt ist sie es wirklich: Mit 461 internationalen zu 443 nationalen Ausstellern.

Damit scheint aber auch die Zeit der Besucherrekorde vorbei zu sein. Noch vor der Wende ging es immer weiter aufwärts mit den Zahlen, bis im ersten Nachwendejahr 1991 insgesamt 515 752 Besucher gezählt wurden. Doch dieser Höhenflug schien die Messe Berlin nicht zu motivieren, ihre Marketingmaßnahmen zu forcieren. Mit den Besucherzahlen ging es in den letzten Jahren jedenfalls stetig bergab - vor zwei Jahren kamen gerade mal 376 552 Besucher durch die Tore rund um den Funkturm. Höher wird auch in diesem Jahr die Latte nicht gelegt, eher noch niedriger. Ein kleiner Lichtblick für die Organisatoren ist da immerhin die Rekordzahl bei den Ausstellern.

Zum Thema Online Spezial:
IFA 2001 - Technik, Tipps und Trends In den letzten Jahren wurde nun in neue Messehallen investiert. Doch die sind weder ästhetisch anspruchsvoll noch funktional. Doppelstöckig und mit Zwangsführung - selbst die Rolltreppen werden davon nicht ausgenommen. Schwerfällig auch die Beschilderung. Es scheint so, als hätte sich bislang noch kein Ifa-Verantwortlicher bei laufendem Messebetrieb in die Rolle eines Besuchers versetzt, um eine bestimmte Halle nur anhand der Ausschilderung zu suchen, geschweige denn zu finden.

Auch auf das Internet und das Handy setzen die Veranstalter diesmal als Marketinginstrument. Via Internet können sich Besucher ihren individuellen Rundweg zusammenstellen. Auf ihr Handy können sie sich das aktuelle Programm schicken lassen. Ebenso sollen ein Online-Game und eine Ifa-Nacht neue Zielgruppen ansprechen. Man will sich dem Negativ-Trend offensichtlich nicht kampflos hingeben. Ob sich das Image der weltweit größten Messe für Unterhaltungselektronik damit wahren lässt, bleibt abzuwarten.

Das rückläufige Interesse der Besucher hat aber nicht nur die Messe Berlin zu verantworten, es muss zum großen Teil auch der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) zugerechnet werden. Altbackene Messekonzepte wurden der Durchführungsgesellschaft aufgedrückt - und merkwürdige Entscheidungen ließen lebendige Ausstellungsteile absterben. So gibt es den vor zwei Jahren mit viel Brimborium installierten Spielebereich nicht mehr. Betroffen davon war zunächst auch die recht muntere Fachausstellung, die nur Fachbesuchern aus Handel und Handwerk vorbehalten blieb. Jetzt gibt es plötzlich in Halle 9 wieder eine solche Ausstellung. Ob Überhang an Ausstellungsfläche oder späte Einsicht sei dahingestellt.

Halbwertszeiten werden kürzer

Doch das Messespektakel soll ja auch inhaltlich was bringen. Die Ifa steht dafür, dass es Neuheiten zu sehen gibt. Deren Halbwertszeiten werden immer kürzer. Nur wenige Produkte haben ein derart langes "Standing" wie das Schwarzweiß- und das darauf aufbauende Farbfernsehen, das vor 34 Jahren gestartet wurde. Oder die CD. Oder Videotext. Danach ging es immer öfter nur um Ankündigungen und Versprechungen. So fühlte sich die europäische Industrie stark genug, einen HDTV-Standard gegen den "Rest der Welt" - vor allem Japan und USA - durchzusetzen. Mehrere Milliarden Mark wurden dazu freigegeben, doch waren das alles Gelder, mit denen langfristig nur das Begräbnis einer Industrie finanziert wurde. Das Eureka 95-Projekt sollte 1995 das Fernsehbild der Zukunft liefern - mit 1250 Zeilen und vor allem voller Breite. Nun ist das Technik-Museum zur Heimstatt für die Eureka-Technik geworden. In Kisten gut verpackt und säuberlich beschriftet wartet sie so vor sich hin.

Auch mit PALplus sollte zeitgleich die Breitbildtechnik beim guten alten PAL-Farbfernsehen eingeführt werden. Da sich nur wenige Hersteller mit dieser recht teuer verkauften Technik anfreunden konnten, ging bei Handel und Kunden so einiges durcheinander: Das breite 16 zu 9-Bild wurde oft mit PALplus verwechselt, die etwas bessere Bildqualität konnte kaum "rübergebracht" werden. Die Industrie produziert nun keine Geräte mehr, aber viele öffentlich-rechtlichen Sender senden noch, etwa den Tatort.

Rettungsanker Digitalfernsehen

Seit 1992 steht nun Digitalfernsehen auf der Tagesordnung, sollen doch damit der Unterhaltungselektronik neue Impulse gegeben werden. Der Werkzeugkasten, der uns damit versprochen wurde, ist wirklich universell, bietet alle Möglichkeiten für alle Produktions- und Übertragungsarten, eben auch HDTV. Nur nutzen will das keiner, weder Broadcaster noch Gerätehersteller. Mehr Programme zu haben scheint eben attraktiver zu sein als beste Bild- und Tonqualität, die Kino zuhause verspricht.

Digitalfernsehen gilt nun als neuer Rettungsanker der Industrie, wobei Handel und Kunden dumm da stehen, wenn sie nicht mitspielen mit einer Technik, die im Wesentlichen nur ein Mehr vom Bisherigen verspricht - ein Mehr an Qualität ist nicht garantiert. Hier ist es vor allem die Multimedia-Home-Plattform (MHP), die Interaktivität mit dem Programm ermöglicht und die dieses Jahr schon recht ausgereift vorgestellt wird. Doch bislang ist Digitalfernsehen in Deutschland ein Zuschussgeschäft. Schwarze Zahlen lassen sich damit noch nicht schreiben. Auch das Kabel wartet noch darauf, zu dem gemacht zu werden, was es sein könnte, nämlich ein universelles Übertragungsmittel mit Anschlussgarantie an künftige Kommunikationsformen. Doch der Ausbau des Netzes bis in die Wohnungen lässt bislang auf sich warten.

Große Firmen sind nicht vertreten

Die Ifa ist jedenfalls in die Jahre gekommen - und das sieht man ihr auch an. So sind trotz der Rekordzahlen weder AOL noch Apple, weder Alcatel noch DeTeWe, weder Eutelsat noch fantastic, weder IBM, Compaq noch Microsoft, weder Logitech noch Lucent, weder Motorola noch Nintendo, weder Sagem noch Siemens VDO Trading vertreten. Und die Liste ließe sich noch beliebig verlängern. Als Begründung wird einmal eine zu große, dann wieder zu geringe Consumer-Orientiertheit genannt. Vielleicht weiß die fernbleibende Industrie selbst nicht so genau, was sie will. Außer sparen.

Eines jedenfalls ist zu bedenken: Wer jetzt keinen neuen Fernsehapparat braucht und keinen Wert auf eine weitere Programminflation legt, kann sich auch beim Thema Digital-TV Zeit lassen - zumindest bis zur nächsten Ifa. Schnuppern kann man schon dieses Jahr, übrigens auch bei UMTS, DVB-T, DAB, DVD, MP3 und und und ...

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!