Zeitung Heute : IG BAU will Großbaustellen bestreiken

Der Tagesspiegel

Die IG BAU (Bauen, Agrar, Umwelt) ist kampfbereit. Der nächste Termin für die bundesweiten Tarifverhandlungen im Baugewerbe steht zwar erst in knapp zwei Wochen an. Zu diesem Zeitpunkt müssen sich die Bau-Arbeitgeber allerdings auf Protestaktionen einstellen. „Wir werden den Arbeitgebern schon zeigen, dass wir nicht nur bellen, sondern auch beißen können“, sagt Rainer Knerler, Geschäftsführer des Berliner Bezirksverbandes der Bau-Gewerkschaft. Nach den bisherigen Verhandlungen gehe er davon aus, dass die Situation sich zuspitzen wird. Die Gewerkschaft fordert unter anderem eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent und eine 37-Stunden-Woche sowie einen in Ost und West verbindlichen Mindestlohn.

Streiken kann die Gewerkschaft derzeit jedoch nicht. Bis zu einem Scheitern der Verhandlungen und dem Beginn des Schlichtungsverfahrens, das Knerler für sehr wahrscheinlich hält, gilt die so genannte Friedenspflicht, in der es keine Arbeitskampfmaßnahmen geben darf. Nach Knerlers Ansicht wird sich dies bis zum Frühsommer hinziehen. „Aber kleinere Aktionen werden wir vorher trotzdem machen“, sagt Knerler. Ziel solcher Protestmaßnahmen wie auch späterer Streiks könnten Großbaustellen wie am Olympiastadion oder am Lehrter Bahnhof werden. Man wolle damit die großen Arbeitgeber treffen. Der Grad der gewerkschaftlichen Organisierung ist nach Knerlers Angaben hoch: Von den 16 000 Berliner Bauarbeitern gehören rund 12 000 der IG BAU an.

Bei Walter Bau, dem Unternehmen, das die Sanierungsarbeiten im Olympiastadion leitet, zeigt man sich angesichts der Ankündigung der IG BAU gelassen. Man gehe nicht davon aus, dass der enge Umbau-Zeitplan in Gefahr gerät. „Bevor es zu einem Streik kommt, werden wir wohl eine Vorwarnzeit haben“, sagt Walter-Bau-Sprecher Alexander Görbing. Bei längeren Arbeitsniederlegungen müsse man über geeignete Gegenmaßnahmen nachdenken. Zu gut 90 Prozent werden die Arbeiten am Stadion von Subunternehmen aus der Region übernommen. Bis zum Sommer 1994 soll das Stadion fertig gestellt sein. Derzeit arbeiten etwa 200 Arbeiter auf der Baustelle. Rund 500 werden es sein, wenn nach dem Pokalendspiel im Mai mit der Absenkung des Spielfeldes begonnen wird.

Die Situation im Berliner Baugewerbe hat sich im vergangenen Jahr weiter verschlechtert. Die Bauwirtschaft musste zum Jahresende einen Umsatzrückgang von einem Drittel hinnehmen. Vor allem im Hochbau fielen die Einbußen nach Angaben des Statistischen Landesamtes drastisch aus, sie lagen in diesem Bereich bei 43 Prozent. sik

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