Zeitung Heute : IG Metal

Der Tagesspiegel

Von Henning Kraudzun

Cremefarbene Wände, Abhängsofas und eine durchgestylte Bar sucht man vergebens. Metal–Kneipen sind mit den Dingen ausgestattet, die gemeinhin als Klischees einer hervorgezauberten Mittelalterästhetik belächelt werden. Aber nur so können die Kneipen für die Freunde der schweren Musik als Schlupfwinkel herhalten: authentisch, düster und mit einer guten Whiskeysammlung.

„Paules Metal Eck“ ist ein Kneipen- Urgestein in der Simon-Dach-Straße. Vor sechs Jahren hat es die Tradition einer alten Kiezgaststätte übernommen und ist mittlerweile die Märchenburg für hartgesottene Metaller. Mit den Dämonen und Fratzen an den Wänden, dazu viel okkulter Mystik und Grottengrusel steht sie für die Theaterkulisse im Kneipenformat. Wenn man im hinteren Raum Kritzeleien von Legenden wie „Creator“, „Krematory“ und „Sodom“ an der Wand liest, verrät das zudem einiges über den Bekanntheitsgrad des Ladens. Bei Paule nisten sich Metalbands für ihre berüchtigten After- Show- Partys ein. Live spielen dann nur jene, für die es noch ein langer Weg bis zur großen Show in der Columbiahalle ist. So geben „Titty Twister“ und „Mystic Circle“ bei Paule ihr Bestes – die Kneipe füllen sie allemal.

„Richtig daneben benommen hat sich noch keine der großen Bands“, sagt Paule, der eigentlich Peter Drews heißt. Nur sein Publikum geht es manchmal richtig wild an. Einmal haben Banker nach ihrem Konzernmeeting die Kneipe gemietet und „sind dann richtig abgegangen.“, grinst Paule. „Für die habe ich alles arrangiert“ Zuerst wurden die Manager von wild gestikulierenden Bikern abgeschreckt, dann mit mehreren Striptease-Einlagen versöhnt. Am Ende floss das Bier in Strömen – allein zehn Sorten kann Paule in seiner Kneipe zapfen.

Da sein Laden inzwischen ein Mittelpunkt der Friedrichshainer Kneipenmeile ist, weiß Paule, dass er die Gehörgänge der Besucher nicht nur mit wüstem Speed- oder Deathmetal malträtieren darf, sondern auch mal den Schmusesound einlegen muss. „Der Laden wird nur dann noch ewig existieren, wenn man sich ein wenig anpasst“, sagt Paule. Seine „Gruft“ mit einem ganzen Reigen gruseliger Albtraum- Kreaturen oder der „Tempel“, für den eine Filmkulisse aus „Blade“ nachgebaut wurde, sind nicht nur für schwermütige Metaller eine Attraktion.

Von Nachtschwärmern, die einfach nur mal auf ein Bier vorbeischauen, kann das „Halford“ in der Berliner Straße nicht profitieren. In der Abgeschiedenheit Weißensees müssen die Leute schon gezielt den Metallclub von Sven Rappold aufsuchen. Dennoch ist der Name Programm und man hält dem „Halford“ die Treue. „Vor zehn Jahren gab es eine richtige Blütezeit“, erinnert sich Rappold, der mit seinem Club schon zweimal umziehen musste. Zu der Zeit seien in WestBerlin einige Hardrockkneipen dichtgemacht worden, so dass die „ganze Szene neugierig den Osten beschnupperte.“ Bis irgendwann die ganz harten Gitarrenakkorde kaum noch gefragt waren. „Vor sechs Jahren, als Grunge das Rennen machte, ging es mit der Szene bergab“, sagt Rappold.

„Es gibt nur einen Metalgott“, steht auf der Webseite des „Halford“. Lange Zeit war Rappold auch allein auf weiter Flur und organisierte unermüdlich Konzerte mit Nachwuchsbands. Jetzt haben längst wieder andere die Musikform als Marktlücke erkannt. Dennoch weiß Rappold genau, warum er in Heavy-Metal-Magazinen auf vorderen Plätzen genannt und immer wieder von den Größen der Szene besucht wird. Vieles spielt sich einfach nur hier ab: Etwa, wenn einer der „Sodom“- Gitarristen auf dem Barhocker einschläft oder der „Accept“- Sänger Billard spielt. Wenn eine Schaltstelle für Heavy Metal existiert, dann wohl in Weißensee.

Das „Access“ in der Greifswalder Straße ist – wieder Name schon sagt – letzter Zugang für die Metaller im Prenzlauer Berg. So hart wie dort der „Black Death“- Drink schmeckt, ist auch gerade das, was sich im CD- Spieler dreht. Wüstes Gegrunze aus den Lautsprechern beantworten die mutigsten Gäste mit eigenen Gesangsqualitäten. Zur Straße hin gibt man sich bedeckt, da Tarnnetze vor den Fenstern die Sicht versperren. Und drinnen weisen „Dead End“- Schilder den Weg zu den Heiligtümern des „Access“. Auf der einen Seite ist die Hall of Fame, eine Wand mit den Autogrammen wichtiger Metalbands, ein Überbleibsel aus der Vorgängerkneipe „Black Point“. Und in der anderen Ecke setzt sich der Billardtisch wie ein hell erleuchtetes Heiligtum vom Rest des Raumes ab. Hier spielen sich zu später Stunde die Dinge ab, die einer Bar Leben einhauchen können.

Ob man letztlich im „Access“ den Metalgott findet, ist schwer zu sagen. Aber zumindest können Stoßgebete vom nachgebauten Kirchengestühl aus in Richtung des wuchtigen Stahltresens ausgesprochen werden. Und die dämonischen Poster an den grau- schwarzen Graffitiwänden vermitteln das Gefühl, der richtigen Messe beizuwohnen – je nach Musikgeschmack und Bierdurst. Im „Access“ kann man jedenfalls wie bei Paule und im „Halford“ eine Tradition vorzeigen. Tourenstopps führten bislang die Heavy Metal – Größen auch in die Greifswalder Straße. Wo auch sonst sollen sie in Berlin auf einen Absacker vorbeischauen, als in den trashigen Nachbauten der eigenen Plattencover. Ihre Fans haben sich ihre Refugien erhalten.

„Paules Metal Eck“ in der Krossener Straße 15/ Ecke Simon – Dach- Straße, geöffnet täglich ab 18 Uhr; „Halford“ in der Berliner Allee 179, geöffnet von Mi bis Sa ab 22 Uhr, So ab 20 Uhr; und das „Access“ in der Greifswalder Straße 33, geöffnet täglich ab 18 Uhr. Weitere Infos im Internet: www.halford-berlin.de und www.paules-metal-eck.de

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