Zeitung Heute : IG Metall fürchtet den neuen Infineon-Chef

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ArbeitnehmerAufsichtsrat sieht in Personalie Wolfgang Ziebart ein Zeichen, dass Jobs ins Ausland verlagert werden

München (nad). Nach der Berufung von Conti-Vize Wolfgang Ziebart zum neuen Infineon-Chef befürchtet die IG Metall, dass es bei dem Münchner Chiphersteller verstärkt zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland kommen wird. „Als stellvertretender Vorsitzender von Continental hat Ziebart den Arbeitsplatzabbau mit Nachhaltigkeit betrieben und dabei soziales Fingerspitzengefühl vermissen lassen“, sagte Dieter Scheitor von der IG Metall dem Tagesspiegel am Dienstag. Scheitor, der auch im Infineon-Aufsichtsrat sitzt, kritisierte, dass Ziebart „den Betriebsrat und die Mitarbeiter bei Conti nicht richtig über die Pläne informiert“ habe und „für Arbeitnehmer-Argumente nicht besonders zugänglich“ gewesen sei.

Der Reifen- und Zulieferkonzern Conti hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Werke in Osteuropa aufgebaut und will künftig weitere Kapazitäten dorthin verlagern. Zuletzt sollten 200 Arbeitsplätze nach Rumänien verlegt werden, wogegen die Belegschaft massiv protestierte.

Der Betriebsratsvorsitzende von Infineon in München, Harald Biedermann, begrüßte die rasche Ernennung von Ziebart. Biedermann hält es für „verfrüht, sich vor Amtsantritt von Ziebart über das Thema Arbeitsplatzabbau den Kopf zu zerbrechen“. Er räumte aber ein, dass „bei allem, was vorab in den Medien über Ziebart zu lesen war, das ein problematisches Thema werden könnte“. Der im März überraschend zurückgetretene Ex-Infineon-Chef Ulrich Schumacher hatte sich wegen seiner Pläne – darunter die Verlagerung des Firmensitzes ins Ausland – heftige Auseinandersetzungen mit der IG Metall und dem Betriebsrat geliefert. Schumacher musste gehen, nachdem es Differenzen mit den übrigen Vorständen über die Unternehmensstrategie gegeben hatte.

Nach Angaben von Infineon soll Ziebart möglichst bald die Schumacher-Nachfolge antreten. „Ziebart wird spätestens im September anfangen, aber wir hoffen, dass wir schon früher eine Lösung finden“, sagte ein Konzernsprecher am Dienstag. Ein vorzeitiger Wechsel Ziebarts ist nur mit Zustimmung von Conti möglich, wo derzeit ein Nachfolger für den 54-Jährigen gesucht wird.

Der gebürtige Hannoveraner wird für seinen gelassenen Führungsstil gelobt. „Er ist sicher nicht so ein Egomane wie Schumacher und wird bei der Teamarbeit im Vorstand bestimmt kollegialer sein“, heißt es im Aufsichtsrat. „Ziebart ist völlig uneitel und stellt sich selber nicht in den Mittelpunkt“, sagt einer, der bei BMW mit ihm zusammengearbeitet hat. Auch fachlich wird Ziebart viel zugetraut. Die IG Metall hält ihn für „technisch brillant“. Kenner der Automobilbranche sehen in Ziebart einen „ausgewiesenen Experten“. Sein einzige Manko: Der Manager ist reiner Elektronikexperte und hatte mit Halbleiterchips, dem Kerngeschäft von Infineon, bisher wenig zu tun. Nach seinem Maschinenbau-Studium und der Promotion in München ging Ziebart 1976 zu BMW, wo er fast 24 Jahre lang blieb. Er arbeitete sich von der Fertigung zum Leiter der Fahrzeugelektronik und schließlich zum Vorstand für Forschung und Entwicklung hoch. Bei BMW war Ziebart unter anderem verantwortlich für den Bau der 3er-Reihe. Im Zuge der Rover-Krise verlor auch Ziebart seinen Job bei BMW und heuerte beim Reifenhersteller Continental in Hannover an. Als stellvertretender Vorstandschef leitete er dort auch den Bereich Automotive Systems, der unter anderem elektronische Brems- und Airbag-Systeme fertigt.

Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck hält es für möglich, dass Ziebart die Automobilsparte von Infineon stärken will, mit einem Umsatzanteil von 22 Prozent der drittstärkste Konzernbereich. Beobachter sind sich sicher, dass Ziebart Infineon auf Rendite trimmen wird. Unter Schumacher hatte der Halbleiterhersteller in den vergangenen beiden Jahren Milliardenverluste geschrieben. Die Infineon-Aktie legte am Dienstag um 2,1 Prozent auf 10,70 Euro zu.

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