Iglu-Workshop : Die Kaltmieter

Den Inuit ist das Iglu schon seit Jahrzehnten zu unbequem. Doch im Allgäu stapeln Stadtmenschen Schneeklötze zu Eishäusern – und übernachten darin. Ein Selbstversuch.

Michael Moorstedt
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Nachtschicht. In den Iglus ist es immer über Null Grad.Foto: Altissimo

Wie warm es heute ist!“, ruft Baldo Pazzaglia. Ich schaue auf das Thermometer: minus sechs Grad. Mich fröstelt, und ich stelle mir die Frage, ob ich nicht gerade einen schweren Fehler begehe.

Baldo Pazzaglia, Anfang 40, Bergführer, bietet Selbsterfahrung bei Minusgraden. Ein Wochenende im Eis, eine Nacht im selbst gebauten Iglu. Um kurz vor neun stehen 13 Teilnehmer vor der Talstation der Breitenbergbahn im Ostallgäu. Vier Frauen und neun Männer zwischen Mitte 20 und Mitte 50, schnell sind wir beim Du. Am Berg zählt der Nachname nicht.

Baldo verteilt die Ausrüstung: Schaufel, Schneeschuhe, Schlafsack und ein großes Messer mit groben Zacken – die Schneesäge. „Eskimo-Wochenende“ nennt sich die Veranstaltung nicht ganz politisch korrekt. Und doch drückt dieser Begriff wohl am besten aus, was uns blüht: Um sich auf die kommende Nacht vorzubereiten, habe er „schon während der Herfahrt die Sitzheizung ausgestellt“, sagt Jörg, einer der Teilnehmer. Elmar ist für das Iglu-Erlebnis extra aus Salzburg angereist, fünf Stunden war er unterwegs. Das Autoradio schaltete er ab, „nachdem der Moderator das fünfte Mal gesagt hat, dass man heute früh lieber im Bett bleiben soll“. Ich selbst habe in der vergangenen Woche bei gekipptem Fenster geschlafen, ohne Heizung. Ob das ausreicht? In den letzten Tagen hatte ich immer neue Einfälle, was noch mitzunehmen sei. Letztlich schaffte es nur eine weitere Garnitur Wäsche – mittlerweile sind es fünf Lagen – und ein kleiner Handwärmer in den Rucksack.

Die Wolken liegen tief auf dem Gipfel des Breitenbergs. Einen knappen Meter Neuschnee hat es in den letzten Tagen in den Westalpen gegeben, mehr als im gesamten Januar. Wir steigen auf bis zum Bauplatz, einem Plateau abseits der Pisten. Die anderen Wintersportler beobachten unsere skilose Gruppe skeptisch. Selbst mit Schneeschuhen ist das letzte Stück des Weges enorm anstrengend. Ohne versinkt man bis über die Knie in der weißen Fläche. Für Skifahrer ist der frische Pulverschnee ein Traum, unser Bautrupp kann ihn nicht gebrauchen, denn das Material muss so fest wie möglich sein.

Mit einem Miniatur-Iglu versucht Baldo, uns das Prinzip zu erklären. Er greift zur Säge, filetiert den Schnee mit drei schnellen Schnitten in trapezförmige Ziegel und schichtet sie vorsichtig aneinander. So entsteht die runde Form. Fünf Minuten, und das Beispielschneehaus ist fertig. Es reicht dem Bergführer bis knapp über die Hüfte und sieht aus, als würde es kaum dem nächsten Windstoß standhalten.

Wir beginnen hektisch, stapeln die ersten Reihen, langsam wächst unser Iglu in die Höhe. Sorgfältig ritzt Baldo feine Rillen in die Oberfläche der Schneeklötze. Erst durch die rauen Seiten verbinden sich die eisigen Bauteile optimal miteinander. Trotzdem stehen zwei Kollegen im Inneren des Schneeovals und stützen die Struktur, bis die Blöcke aneinanderfrieren.

Hobby-Abenteurer oder ganze Firmenbelegschaften buchen den Iglu-Trip, sie sind auf der Suche nach einer neuen Grenzerfahrung, wollen die Teamfähigkeit verbessern oder „einfach einen weiteren Punkt abhaken“, wie Elmar lapidar erklärt. Welchen Punkt er meint, bleibt unklar. Vielleicht eine Wegmarke zurück zu einem einfacheren Leben. 195 Euro hat er für das Wochenende bezahlt.

Baldo Pazzaglia hat in den letzten Jahren knapp hundert Iglus gebaut. „Vielen geht es um die Unausweichlichkeit der Situation“, glaubt er. Man ist auf den Erfolg seiner Arbeit angewiesen. Denn wer das Haus aus Eis nicht fertigbaut, dem bleibt nur der demütigende Abstieg ins Tal.

Wir haben uns tief und weit in das Schneefeld gegraben, bis zur Hüfte stehen wir unter Normalniveau. „Knapp zehn Kubikmeter Schnee braucht man für ein Iglu“, rechnet Baldo vor. Bei den derzeitigen Verhältnissen wiegt ein Kubikmeter ungefähr 200 Kilo. Jeder Bautrupp bewegt, sägt, hebt und schichtet also fast zwei Tonnen Schnee, bevor der letzte Stein auf die Kuppel gesetzt werden kann. Schon bald brennen meine Muskeln, das Kreuz schmerzt, ein Kreislauf aus Schwitzen und Frieren. „Bauen wir uns gleich ein Mehrfamilien-Iglu“, scherzt einer anfangs noch, jetzt hört man nur noch das Schaben der Schaufeln und das schwere Atmen der Möchtegern-Inuit. Die Vorbilder in Grönland sind schon in den 1950er Jahren endgültig vom Iglu in solide Häuser gezogen. Kein Wunder.

Das erste Iglu ist fertig. Es hat nur wenig Ähnlichkeit mit den perfekt rund geformten Vorbildern in meiner Vorstellung: Die Kuppel ist unförmig, zwischen den einzelnen Blöcken klaffen große Ritzen, sie werden mit Lockerschnee verputzt. Erst jetzt gräbt Baldo den Eingang und befreit die Kollegen im Inneren.

Zwei Stunden braucht unsere Vierergruppe, um ein Zwei-Personen-Iglu zu errichten. Am späten Nachmittag ist knapp unter dem Gipfel des Breitenbergs ein kleines Dorf aus Schnee gewachsen, insgesamt zehn Kuppeln. „Ein Iglu bauen kann jeder, aber darin schlafen – das ist eine ganz andere Sache“, sagt Elmar und kriecht zum ersten Mal in sein Eigenheim aus Eis. Es hat knapp zwei Meter im Durchmesser, im Inneren steht er gebückt. In Zermatt oder Davos würden richtige Eispaläste errichtet, berichtet er. Dort hätten die Iglus drei Zimmer mit Bar und eingebautem Whirlpool. Ein leichter Vorwurf schwingt in seinen Worten mit, und vielleicht auch ein bisschen Neid.

In der farblosen Dämmerung tauchen die blauen LEDs unserer Stirnlampen die Landschaft in ein surreales Licht. Vom Igludorf steigen wir auf zur Ostlerhütte für eine letzte warme Mahlzeit. Von 1800 Meter Höhe verwandeln sich die Allgäuer Dörfer zu kleinen Lichtpunkten, weiter westlich glühen die Türme von Schloss Neuschwanstein in der Nacht.

Es beginnt zu schneien. Durch die schützenden Hüttenfenster verbreiten die dicken Flocken Gemütlichkeit; mit der Aussicht, bald wieder raus in die Kälte zu gehen, wirken sie eher bedrohlich. Mitleidige Blicke der anderen Hüttengäste, als ich ihnen von unserem Vorhaben erzähle. Jetzt wäre die letzte Gelegenheit, auszusteigen und die Nacht in der schützenden Hütte zu verbringen.

Aber da ist ja noch Baldo. „Wer Angst vor dem Frost hat, der friert auch“, ruft er und tritt vor die Tür. In seinem signalfarbenen Overall wirkt er bestens gerüstet, die ständige Auseinandersetzung mit den Elementen hat dem Bergführer feine Falten in sein Gesicht getrieben. Schnee isoliert gut, tröstet er uns. Das liegt an der eingeschlossenen Luft, die fast zwei Drittel des Volumens ausmacht. So hat es im Iglu immer leichte Plusgrade, unabhängig von der Außentemperatur.

Der Abstieg zurück zum Iglu-Dorf ist die letzte Kraftanstrengung des Tages. Ein letztes Mal schwitze ich, dann krieche ich sofort unter die Kuppel und in den Schlafsack. Im Iglu beschlägt meine Schneebrille, der Schleier vor den Augen ist Beweis für den Temperatursprung von minus elf Grad Außentemperatur auf frostigwarme drei Grad Plus im Inneren.

Nie hätte ich gedacht, dass Kühlschrank-Temperaturen so kuschelig sein können. Kein Laut dringt von draußen in mein Iglu. Die Schneewände isolieren nicht nur Kälte, sie schlucken jedes Geräusch, ich höre nur das Rascheln meiner Funktionskleidung. Die Einrichtung ist der Situation angemessen spartanisch: über den Boden aus Eis zunächst eine Plane, darüber eine Isomatte, dann schon der Schlafsack. An den Wänden und der Decke sieht man noch die grobe Struktur der Schneeblöcke. Direkt über mir hängt ein besonders großer Brocken scheinbar unbefestigt. Kein Quartier für Klaustrophobiker.

Die Eiskristalle im Iglu-Rund glitzern im bescheidenen Schein einer kleinen Kerze. Die Flamme gibt nur wenig Wärme ab, doch mehr braucht es nicht, der Körper ist sich selbst Heizung genug. Gut, die harte Liegefläche ist recht ungemütlich, die Mütze auf dem Kopf beim Einschlafen gewöhnungsbedürftig. Kurze Zeit später wache ich auf. Nicht wegen Erfrierungen, im Gegenteil: Mir ist zu warm. Nachdem ich zwei meiner fünf Lagen Wäsche ausgezogen habe, schlafe ich den Rest der Nacht ungestört.

Warum ist es für Stadtmenschen so faszinierend, eine Nacht lang Eskimo zu spielen? Es sei die Aussicht, „mit geringen Mitteln etwas Großes zu schaffen“, sagt Baldo Pazzaglia am nächsten Morgen, als er einen Schneebrocken zu Teewasser schmilzt. Seine Kunden seien auf der Suche nach einem authentischen Erlebnis. „Ich hatte schon mal einen Teilnehmer, der am Morgen nur mit Unterhose bekleidet in den Schnee gesprungen ist“, erzählt er. Das war selbst dem Bergführer zu viel Komfortverzicht. In unserer Gruppe beklagt sich niemand – bis auf ein leicht lädiertes Kreuz haben alle Teilnehmer die Nacht im Eis gut überstanden.

Wir steigen ab ins Tal, schon nach wenigen Metern ist das Nachtlager im Schneefeld nicht mehr zu erkennen. Die ultimative Nachhaltigkeit, jedes kleine Brotpapier haben wir gewissenhaft eingesammelt.

Bald wird sich eine dicke Schneedecke über die Kuppeln der Iglus legen, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Im Frühjahr wird unser kleines Dorf schmelzen. Nichts bleibt zurück.

Noch bis Mitte März kann man im Ostallgäu Iglus bauen und darin übernachten. Mehr Infos gibt es unter www.altissimo.de.

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