Zeitung Heute : Ihnen reicht’s

Nach dem Rücktritt von Gregor Gysi hält sich die Trauer in der Partei in Grenzen. Es gibt sogar solche Stimmen: „Der kleine Spaßmacher ist weg.“ Die Genossen wollen sich nicht lange mit Rückblicken aufhalten. Und sie wollen sich nicht auf eine populäre Figur reduzieren lassen. Denn die, heißt es, sei von gestern.

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Von Matthias Meisner

und Robert von Rimscha

„Wir haben jetzt ein Problem zu bearbeiten.“ Thomas Falkner, der Leiter der Strategie-Abteilung der PDS-Parteizentrale, sagt es offen: „Der kleine Spaßmacher ist weg.“ Im Karl-Liebknecht-Haus herrscht hektisches Treiben – „kalt erwischt“ hat der Rücktritt Gregor Gysis die Genossen, wie Parteichefin Gabi Zimmer sagt. Wird sich die PDS verändern, macht sie einen Schritt zurück, scheitert sie bei der Bundestagswahl?

Die Basis: Horst-Dieter Brähmig ist seit 1994 Stadt-Chef in Hoyerswerda, der erste sozialistische Oberbürgermeister der Bundesrepublik. Auch am Donnerstag eilt der PDS-Politiker von Termin zu Termin, Gespräche zur Wohnungsgesellschaft, zum Klinikum, gleich will er den neuen sächsischen Wirtschaftsminister treffen. „Die PDS funktioniert ja“, sagt er, und dass Gysi „nur eine Figur“ sei. „Es kann nicht sein, dass die PDS nur von einer Person lebt. Das wäre ja Personenkult. Die Partei wird das schon überleben.“ Wie Brähmig meinen viele, dass sich die PDS in der täglichen Arbeit an Ort und Stelle längst von Gysi abgenabelt hat. Doch es gibt auch andere Stimmen: „Ohne Gysi kann die PDS einpacken“, schreibt einer im Internet-Forum der Partei. Ein anderer lässt dort den Klassenkampf hochleben: „Ich meine, dass die Berliner Arbeiterklasse dem Gregor Gysi keine Träne nachweinen muss.“

Die PDS-Linken verspüren Oberwasser. Sahra Wagenknecht, Wortführerin der Kommunistischen Plattform, ist gut gelaunt. „Ich sehe darin keine Gefahr für die PDS, im Gegenteil“, sagt sie. Seit Monaten sorgt sich die PDS-Linke, dass von einigen Führungsleuten, Gysi eingeschlossen, die Oppositionsrolle der PDS verwässert, teils sogar abgewertet wurde. Spätestens nach der Bundestagswahl will Wagenknecht diskutieren, ob die rot-roten Koalitionen der PDS nutzen, „ob wir uns nicht zusehends von der SPD instrumentalisieren lassen für Dinge, die nicht unsere Dinge sind“. Hans Modrow, der PDS-Ehrenvorsitzende, sitzt in seiner Wohnung an der Berliner Karl-Marx-Allee – und appelliert ebenfalls: „Nehmt-uns-Aufrufe an die SPD, das ist doch kein Wahlkampf.“ Demnächst will er mit Christa Luft einen Text im „Neuen Deutschland“ schreiben. Die Forderung: Die PDS solle zu einer „klaren, kritischen, konstruktiven Oppositionsrolle“ zurückfinden. „Die PDS ist nun herausgefordert zu verstehen: Gregor Gysi ist von gestern“, sagt Modrow. „Gysi wird nicht mehr der Träger des Banners sein.“

Der Vorstand: Gabi Zimmer, Petra Pau, Roland Claus und Dietmar Bartsch, das ist das Spitzenquartett für den Wahlkampf. Vielen Wählern sind die vier kaum bekannt, nur jeder achte Wähler, immerhin jeder Dritte im Osten, hält sie nach einer PDS-eigenen Umfrage für sympathisch. Einen „Mangel an Kreativität und Leidenschaft“ macht PDS-Vordenker André Brie bei der Führung aus. Selbst für Parteimanager Bartsch kommt die Partei „mitunter hölzern“ daher. An der Wahlstrategie soll sich aber nichts ändern, mindestens sechs Prozent will die PDS bei der Bundestagswahl holen. Zimmer: „Die PDS hat schon viele Situationen erlebt, wo sie sich am eigenen Schopf aus dem Dreck gezogen hat.“

Der Werber: Reiner Strutz, Chef der Agentur Trialon in Berlin-Pankow, steuert die Kampagnen der Partei. Eine „dominierende Rolle“ auf den Werbemitteln hätte Gysi sowieso nicht gespielt, versichert er. Gedruckt sind eine Wahlzeitung und Faltblätter mit dem Konterfei des ehemaligen Wirtschaftssenators. Strutz will abwarten, ob das Material verwendet werden kann. Bisher ist die Partei zuversichtlich, dass Gysi trotz seines Rücktritts im Wahlkampf mitmischt.

Der Westen: Uwe Hiksch, Bundestagsabgeordneter aus Coburg, ist vor drei Jahren von der SPD zur PDS gewechselt. Für den West-Aufbau der Partei werde Gysis Rückzug schädlich sein, glaubt er: „Gregor Gysi kam von den Spitzen im Westen am besten an.“ Insgesamt, klagt Hiksch, laufe der Wahlkampf in Bayern nur schleppend an, das Interesse an Veranstaltungen der PDS sei „relativ bescheiden“. Die Bundestagsabgeordnete Angela Marquardt nimmt derweil mit der „MS Socialist“ Kurs auf Lübeck, Jungwählerkampagne. Gerade im Westen habe Gysi „viel gerissen“, sagt auch sie. „Wir müssen uns jetzt emanzipieren vom Bild, eine Gregor-Gysi-Partei zu sein. Jammerossis haben wir genug. Das muss die PDS nicht auch noch machen.“

Der Bundestag: Hier bot die PDS die vergangenen vier Jahre ein uneinheitliches Bild. Die Redebeiträge der Abgeordneten hatten öfters den kuriosesten Einstieg, die absonderlichsten Literatur-Zitate – aber auch den größten Unterhaltungswert. Nur in der Außen- und Sicherheitspolitik vertrat die PDS eine fundamental-oppositionelle Haltung. Unvergessen sind die Abgeordneten, die während der Rede von George W. Bush ein Anti-Kriegs-Plakat entrollten. Wenn es um deutsche Militäreinsätze ging, sagte die PDS stets nein. In vielen Bereichen der Sozialpolitik arbeitete die PDS konstruktiv. Sie mahnte meist weitergehende Regelungen an, wie beim Schutz von Asylbewerbern in der Debatte um das Zuwanderungsgesetz, stimmte aber vielen Regierungsvorhaben zu. Wenn es um Reformen des Politikbetriebs ging, stimmte die PDS mit den anderen. Im Gremium zur Aufdeckung der Parteispendenaffäre machte sich die Abgeordnete Evelyn Kenzler mit sachlicher Arbeit einen n. Was die Ausschussarbeit angeht, war sie nicht die einzige. Für ihre Arbeit erhielten viele PDS-Abgeordnete gute Noten von den Kollegen – so lange diese nicht im Wahlkampf standen.

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