Zeitung Heute : Ihr Berufswunsch: Präsident

Acht Demokraten wollen ins Weiße Haus. Wie haben sich beim ersten gemeinsamen TV-Auftritt die Favoriten Obama und Clinton geschlagen?

Christoph von Marschall[Orangeburg (South Carolin]

Die erste Runde, draußen vor dem MartinLuther-King-Auditorium, geht an Barack Obama. Seine Fans haben eine Trommlertruppe dabei. Sie skandieren seinen Namen und den leicht holprigen Vers: „Obama, he’s a man. He can do what no one can.“ Der schwarze Mann aus Illinois als Hoffnungsträger, der Amerika verändern kann wie keiner sonst: Das gilt an der Universität Orangeburg, 1896 gegründet als erste Hochschule für Schwarze im Südstaat South Carolina, doppelt. Frenetischer Jubel bricht aus, als Obama die Wagenkolonne halten lässt, Hände schüttelt, Autogramme gibt und die Menge lachend beruhigt: „Spart eure Energie für den langen Weg ins Weiße Haus!“

Gegen diese Geräuschkulisse kommen Hillary Clintons Wahlhelfer zunächst nicht an. Sie wirken straffer organisiert, tragen alle das dunkelblaue T-Shirt mit ihrem Namen, halten Wahlplakate in die Höhe, winken mit Fähnchen. Als eine junge Schwarze kurz mit den Reportern plaudert und bekennt, sie wisse auch nicht, warum kein Megafon da sei, greift gleich eine Ordnerin ein: „Ihr sollt nicht mit der Presse reden!“ Das ist Aufgabe der Kommunikationsexperten. Alles soll unter Kontrolle bleiben.

Drinnen, beim ersten Aufeinandertreffen der acht demokratischen Präsidentschaftsbewerber 2008, geht es ausgeglichen zu. Sie stehen hinter schmalen hohen Rednerpulten, die im leichten Bogen die Bühne ausfüllen, Clinton und Obama in der Mitte. Fragen stellen darf nur der Moderator, Brian Williams vom Sender MSNBC, die Kandidaten haben je 60 Sekunden. Über die nächsten 90 Minuten werden sie das diszipliniert einhalten. So wird eine enorme Themenbreite abgedeckt: Irakkrieg, der jeweilige größte politische Fehler, Gesundheitsreform, Waffenkontrolle nach dem Virginia-Tech- Massaker, Hedgefonds, Klimaschutz. Aber eine Diskussion zwischen den Konkurrenten kommt nicht zustande.

Noch nie in Amerikas Geschichte gab es so früh eine Präsidentschaftsdebatte: anderthalb Jahre vor der Wahl. Als entscheidende TV-Schlachten galten erst die Duelle nach den „Primaries“ im Sommer des Wahljahrs – wenn Demokraten und Republikaner entschieden haben, wer für sie ins Rennen geht. Diesmal ist vieles anders. 2008 tritt kein amtierender Präsident oder Vizepräsident an. Bei den Demokraten sind das Gedrängel und die öffentliche Neugier so groß, weil laut Umfragen 49 Prozent auf ihren Sieg setzen, nur 31 auf die Republikaner.

Es ist ein ungleiches Oktett auf der Bühne: drei nationale Stars und fünf Zwerge. Fünf sind aus dem Nordosten, demokratisches Kernland, einer aus dem Süden, zwei aus dem Westen. Hillary Clinton führt das Feld an, Barack Obama holt kontinuierlich auf. John Edwards, 2004 Vizepräsidentschaftskandidat an John Kerrys Seite, bleibt beiden auf den Fersen. Im März waren 40 Prozent der Demokraten für Hillary, 28 für Obama, 15 für Edwards. Am Debattenmorgen hat sich der Abstand in einer neuen Umfrage auf 36 zu 31 zu 20 verkürzt. Die anderen sind vielen Bürgern unbekannt, sie werden an diesem Abend versuchen, durch Witz oder besonders scharfe Forderungen auf sich aufmerksam zu machen.

Clinton gibt ganz die Favoritin, sagt am häufigsten: „Als Präsident würde ich …“, wirkt wie eine Musterschülerin, penibel vorbereitet, jedes Wort sitzt. Sie betont ihre Erfahrung in der Politik, voran in Sachen Gesundheitsreform. Der Irak, ihre offene Flanke, ist nach den ersten 15 Minuten abgearbeitet. Sie hatte für den Krieg gestimmt und sich, anders als John Edwards, nie entschuldigt. Nicht Saddams Sturz war falsch, George W. Bush hat den Krieg falsch geführt. Ist der Irak „verloren“? Sie weicht aus. Nicht Amerika gewinnt oder verliert, die Iraker müssen entscheiden, ob sie die Chance zur Freiheit nutzen. Sie greift Bush an, der solle die Rückzugsbeschlüsse des Kongresses akzeptieren.

Barack Obama ist auffällig zurückhaltend. Sonst ist er der Menschenfischer, der mit Charme und Rhetorik die Herzen gewinnt, der das gespaltene Land versöhnt. Die US-Medien erklären es so: Obama hat den Rückstand auf Clinton von zwölf auf fünf Prozentpunkte verkürzt. Da sei oberste Devise: bloß keinen Fehler machen. Beim Thema Irak hat er es leicht, 2003 war er noch nicht in Washington. Aber er hat den Krieg seit langem kritisiert. Den Abzug sieht er in Greifweite: „Wenn wir 16 Republikaner zu uns herüberziehen, können wir Bushs Veto überstimmen.“ Nach der Debatte suchen viele seine Nähe, manche kreischen ekstatisch: „Ich hab ihn berührt!“

Gegen Bush sind sie alle und gegen seine Irakstrategie, für eine Gesundheitsreform (die Details bleiben offen), für mehr Bildung und ein bisschen weniger Ölabhängigkeit. Fünf von ihnen hatten schon mal eine Waffe zu Hause, nur Clinton, Obama, Edwards nicht. Jeder hat einen Fehltritt zu bedauern: Obama zu große Nähe zu einem Immobilienhai, Edwards zwei 400-Dollar-Haarschnitte aus der Wahlkampfkasse. Hillary nennt die Gesundheitsreform aus den 90ern – sie war damals Präsidentengattin –, die an der republikanischen Kongressmehrheit scheiterte. Und behauptet dramatisch: „Noch jetzt trage ich die Narben.“

Klare Sieger, klare Verlierer? Heute nicht. Es sind noch anderthalb Jahre bis ins Weiße Haus. Vielleicht kennen nun ein paar Bürger auch die Namen der Zwerge. Dennis Kucinich, Ohio, hat ein Impeachment des Vizepräsidenten Dick Cheney gefordert. Mike Gravel, Ex-Senator von Alaska, verlangt ein Gesetz, das die Präsenz des amerikanischen Militärs im Irak zu einem Verbrechen erklärt.

Der eigentliche Gewinner ist ohnehin Orangeburg: Tausende Bürger und 600 Medienleute brachten einige Millionen Dollar in die kleine Stadt.

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