Zeitung Heute : Ihr Recht auf Beleidigung

Ayaan Hirsi Ali spricht in Berlin zur Welt

Constanze Bullion

Das Erstaunliche an dieser Frau ist nicht ihre Haltung, nicht der hoch aufgerichtete Leib und auch nicht das fast mädchenhafte schöne Gesicht. Was einen aufmerken lässt, ist diese klare, weit tragende Stimme, die manchmal wirkt, als spräche sie zu Millionen. Ayaan Hirsi Ali bewegt sich gerne am Rande des Pathos.

Hier steht sie also, niederländische Politikerin, gebürtige Somalierin und Kämpferin gegen den Propheten. Sie ist ja eine Art Kronzeugin geworden in Sachen Meinungsfreiheit, seit ein fanatischer Muslim den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh wegen seines islamkritischen Films „Submission“ umgebracht hat. Der Mörder hinterließ ein Messer, auf dem der Name Hirsi Ali stand. Sie hatte das Drehbuch geschrieben und dreht gerade den nächsten Film, über den Islam natürlich und seine undemokratischen Interpreten. Aus der ganzen Welt kamen in den letzten Tagen, seit Beginn der Aufregung um die Mohammed-Karikaturen, Anfragen für Interviews. Deshalb hat sie am Donnerstag in Berlin eine internationale Pressekonferenz gegeben.

Feigheit ist ihr Thema. „Schande über die Zeitungen und Sender, die nicht den Mut hatten, die Zeichnungen der Karikaturenaffäre zu zeigen“, sagt sie. „Schande über die Politiker, die erklärt haben, die Veröffentlichung sei respektlos.“ Schande auch über den Konzern Nestlé, der muslimischen Schokoladenfreunden auf Plakaten versichert, ganz sicher keine dänische Milch zu verwenden.

Ob Meinungsfreiheit vorgeht oder der Respekt vor Religionen wird nun diskutiert und ob das eine mit dem anderen vereinbar ist. Hirsi Ali aber will nichts hören von Abwägungen. „Ich bin hier, um das Recht auf Beleidigung zu verteidigen“, sagt sie. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit des Geistes seien unverhandelbare Grundsätze der Demokratie. Es gehe auch nicht um einen Konflikt der Völker, sondern um eine Auseinandersetzung, „die Grenzen und Rassen überquert“.

Was es bedeutet, die Zäune einer Religionsgemeinschaft zu durchbrechen, das ahnt, wer Hirsi Ali vor dem Termin im Haus der Bundespressekonferenz sieht, allein in einem viel zu großen Zimmer, in dem sie neben einem dicken Koran sitzt. Neben ihr steht ein Polizist, Leibwächter warten vor der Tür, im Auto und zu Hause in Holland. Sie hat dafür bezahlt, dass sie der Welt von ihrer Beschneidung erzählt hat, von den Schlägen in der Koranschule, der Zwangsheirat, dem Bruch mit dem Vater. Vielleicht ist es dieses Gefühl, nie mehr zurück zu können, das ihr Kompromisse so vergällt.

Doch, sagt Hirsi Ali zögernd, wenn man sie fragt, ob es nach all der Aufregung nicht Zeit für Mäßigung wird. „Doch, wir müssen die Emotionen runterkochen. Die Frage ist wie.“ Freiheiten zurechtzustutzen und einzuknicken sei falsch. Wie dann? „Wir müssen die Herzen der Muslime gewinnen“, sagt sie. „Eine Demokratie braucht Bürger, keine Bandenmitglieder.“ Sie steht auf, verschwindet hinter dem Rücken des Bewachers. Ayaan Hirsi Ali will so schnell wie möglich weg hier.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar