Zeitung Heute : Ihr Recht, nicht zu richten

Zum ersten Mal treffen sie wieder auf Rebellen – auf die Männer, von denen sie gefoltert und verfolgt wurden. Aber als die Frage kommt: „Wer will Versöhnung?“, da heben Tausende die Hände. In Uganda geht nach 21 Jahren der Bürgerkrieg zu Ende.

Stundenlang hat Irene Abonyo auf ihrer Bank gesessen. Sie hat kein Wort gesprochen, und wer konnte, hat es vermieden, sie anzuschauen. Ihr Mund ist verzerrt, ihr Gesicht wirkt wie eingefroren in einem Moment größten Schreckens. Ober- und Unterlippe fehlen, die Ohrmuscheln auch. Kämpfer der ugandischen Rebellengruppe Lord’s Resistance Army (LRA) haben sie verstümmelt.

Jetzt steht Irene Abonyo auf. Sie hat eine Entscheidung gefällt. Sie bewegt sich langsam durch die Menschenmenge über den Schulhof der St. Monica School in Gulu, einer Provinzhauptstadt im Norden Ugandas. Frauen in bunten Kleidern und Männer in Hemden und Anzughosen tratschen, lachen, essen; es ist Mittagspause an diesem historischen Versammlungstag. Irene Abonyo ist gekommen, um Vertreter der Rebellen zu treffen. Zum ersten Mal stellen sie sich ihren Opfern, viele weitere Treffen in allen Regionen Ugandas sollen folgen. So haben es LRA und Regierung, die sich seit 21 Jahren im Norden Ugandas bekriegen, in ihren Friedensverhandlungen festgelegt.

Am Morgen haben Politiker, Stammesführer und Priester ihre Appelle an die Kontrahenten gerichtet, gleich sollen Opfergruppen ihre Forderungen für die Verhandlungen formulieren. Irene Abonyo trägt ein graues College-T-Shirt, die Ärmel reichen ihr bis über die Ellbogen. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend steuert sie auf einen Mann in Uniform zu, den LRA-Major Denis Okiror.

Es war an einem Nachmittag im August 1991, als Irene Abonyo ihr Gesicht verlor. Die Sonne brannte vom Himmel, sie arbeitete mit ihrem Mann Santonino und drei weiteren Frauen auf einem Feld, zwei Kilometer entfernt von Bolo, einem Dorf aus rund 100 strohgedeckten Lehmhütten im Norden von Uganda. Sie zogen Erdnusspflanzen aus dem roten Boden, schnitten die Nüsse ab und sammelten sie in Körben. Die Ernte war gut, Irene Abonyo, ihre Schwester, deren Tochter und die zweite Frau von Santonino scherzten miteinander. Auf einmal krachte es im Unterholz.

Zehn Rebellen der Lord’s Resistance Army traten auf das Feld. „Keiner rührt sich von der Stelle“, brüllte ihr Anführer, ein breitschultriger, fast zwei Meter großer Mann. Santonino und die Frauen rannten los, sie wussten, es ging um ihr Leben. Santonino war Bürgermeister und gehörte der Regierungspartei an, das brachte ihn automatisch ins Visier der Rebellen. Sie flohen durch hohes Gras und Gestrüpp in Richtung Wald. Die Soldaten verfolgten sie. Irene Abonyo blieb an einem Ast hängen und fiel. Einer der Männer war direkt hinter ihr, packte sie, riss sie hoch. Auch ihren Mann hatten sie gefasst, nur Santoninos zweite Frau war entkommen. „Du Verräter gehörst zur Regierung“, brüllte der Anführer Santonino an. „Schlagt ihn tot“, sagte er zu den Frauen. Die Rebellen gaben ihnen Knüppel. Santonino, ein Mann von fast 70 Jahren, flehte um Gnade. „Los, sonst schlagen wir euch tot.“ Die Frauen schlugen zu, aber nicht fest. Der Kommandant sprang dazwischen und hieb mit der Machete zu. Santonino starb schnell.

Dann befahl der Kommandant den Frauen, sich in einer Reihe aufzustellen. Irenes Nichte musste ein Messer schärfen. Sie weinte, sie ahnte, was kommen würde. Der Kommandant winkte seinen Soldaten. Einer hielt Irene Abonyo von hinten fest, ein anderer schnitt ihr mit dem Messer Oberlippe, Unterlippe und Ohrmuscheln ab. Sie brüllte und spuckte Blut und Fleisch. Eine Rebellenfrau lachte laut.

Irene Abonyo steht jetzt vor dem LRA-Major, er ist Mitte 20, sie 62. Als sie verstümmelt wurde, war er noch ein kleiner Junge. Er bemerkt sie zunächst nicht, er ist in ein Gespräch vertieft. Dann blickt er sie an, erschrickt – und sie streckt ihm die Hand entgegen. Denis Okiror lächelt verlegen. Wie fast alle Rebellen war er als Kind entführt und zum Kämpfer ausgebildet worden, jetzt hat man ihn in eine neue Uniform gesteckt. Er soll die Rebellen in der Öffentlichkeit vertreten. Ein Journalist will die beiden fotografieren: Ein Opfer und ein Täter geben sich die Hand, das wäre ein starkes Bild für die Zeitung, für den Frieden. Aber der Major lehnt ab, kein Handschlag, kein Foto. Er geht. Irene Abonyo blickt ihm hinterher. Es ist schwierig, in ihrem Gesicht Emotionen zu erkennen, aber in diesem Moment wirkt es traurig.

Der Bürgerkrieg in Nord-Uganda begann, als der heutige Präsident Yoweri Museveni 1986 seinen Vorgänger, einen Angehörigen des Acholi-Stammes, stürzte. Bis dahin hatte diese im Norden beheimatete Volksgruppe das Militär dominiert, jetzt war da kein Platz mehr für sie. Der Acholi Joseph Kony, Jahrgang 1962, ein Schulabbrecher und ehemaliger Messdiener, fanatisch religiös, ging in den Widerstand. Ex-Militärs schlossen sich ihm an. Kony sagte, er werde von Gott geleitet. Doch mit der Zeit schwand die Unterstützung für die Rebellen, und aus Konys Revolte wurde ein blutiger Krieg gegen das eigene Volk. In seinem Namen wurden tausende Zivilisten ermordet und verstümmelt, 30 000 Kinder wurden entführt, die Jungen zu Soldaten gemacht, die Mädchen vergewaltigt. 1,6 Millionen Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben. Seit 2005 wird Joseph Kony vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrecher gesucht.

Zurzeit versteckt sich der LRA-Chef mit seinen Kämpfern im benachbarten Kongo. Man hat ihm ein Ultimatum gestellt, er soll einen Friedensvertrag unterschreiben. Es läuft am 29. Februar aus. Was dann kommt, weiß keiner. Unterschreibt Kony nicht, dann wollen Uganda und der Kongo Soldaten schicken. Der ugandische Präsident hat Kony eine Amnestie angeboten.

Derweil führt eine Delegation der Rebellen Friedensverhandlungen mit der Regierung, aufmerksam beobachtet von der ganzen Welt, denn so engagiert wie jetzt haben sich Rebellen und Regierung noch nie umeinander bemüht. Gestern Abend ist auch Bundespräsident Horst Köhler in Uganda angekommen; er hat seine Reise, die ihn später noch nach Ruanda führt, unter das Motto „Versöhnung“ gestellt. Morgen wird er auch nach Gulu fliegen, dorthin, wo Irene Abonyo an diesem Tag ihren Feind trifft.

Die Mittagspause ist vorbei. Unter einer mächtigen Palme haben sich Opfer der LRA versammelt. Ein Stuhlkreis mit 24 Menschen, ein junger Mann mit amputierten Unterschenkeln, einem anderen fehlen sechs Finger, hinter ihm hat Irene Abonyo Platz genommen. Abraham Aturo erhebt die Stimme, ein Mann Mitte 30, sein Sohn und seine Frau wurden von der LRA ermordet, er selbst mit sieben Kugeln in den Rücken niedergestreckt. „Wir Opfer und Überlebende des Kriegs sind heute hier zusammengekommen, um zu klären: Wie stellen wir uns eine Aussöhnung vor?“ Irene Abonyo hebt die Hand, vorsichtig, bis auf Kopfhöhe. Aturo nickt ihr zu, alle blicken sie an, sehr leise spricht die Frau: „Wenn der Aggressor zu den Opfern kommt, sich entschuldigt und die Opfer ihm vergeben.“

An jenem Tag im August 1991 hatten die Rebellen die Frauen – sie hatten allen die Ohren und Lippen abgeschnitten – blutend im Wald zurückgelassen. Sie kauerten auf dem Boden, sie weinten, sie versuchten, ihre Blutungen zu stillen, indem sie mit den Fingern auf die Wundränder drückten. Nach einer halben Stunde hörten sie Motorenlärm. Zwei Mannschaftswagen der Regierungsarmee preschten heran. Die Soldaten halfen den Frauen auf die Pritsche, dann verfolgten sie die Rebellen. Kurze Zeit später waren Schüsse zu hören, der Trupp kam mit zwei Leichen zurück. Einer war der Rebellenkommandant. Irene spuckte blutigen Speichel auf seine Leiche.

Nach zwei Stunden Diskussion haben die Opfer ihre Forderungen notiert. Irene Abonyos Nichte setzt sich neben sie. Die alte Frau trinkt Wasser aus einer Flasche, es rinnt ihr das Kinn herunter. Sie erzählt, wie sie dem jungen LRA-Soldaten die Hand geben wollte und der sich geweigert hat. Ihre Nichte schüttelt ungläubig den Kopf. Irene sagt, sie verzeihe den Rebellen. Sie wolle auch nicht, dass Joseph Kony bestraft wird. Nichts könne ihr Gesicht und ihren Mann wieder zurückbringen. „Ich will Frieden“, sagt sie. „Gott wird diese Menschen richten.“

Kurze Zeit später auf der Bühne in der Schulaula verliest Abraham Aturo die Forderungen der Opfergruppe. „Wir Opfer“, ruft er in den Raum hinein, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist, „wollen euch verzeihen, wenn ihr mit ganzem Herzen Frieden wollt.“ Applaus brandet auf. „Und wir wollen, dass der internationale Strafgerichtshof seine Haftbefehle zurückzieht. Das ist etwas für die Weißen, das brauchen wir hier nicht, wir wollen Frieden!“ Der Saal jubelt.

Der westliche Ansatz, die Kriegsverbrecher vor ein Gericht zu stellen, wird von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Es ist aber fraglich, ob das Verfahren noch gestoppt werden kann. Eine Klausel in den Statuten ermöglicht zumindest eine „Suspendierung“ der Strafverfolgung, wenn sie im Interesse der Opfer ist – und vielleicht ist sie das. Zu allgegenwärtig sind die Folgen des Kriegs, zu groß die Angst, Kony werde nicht Frieden schließen, wenn ihm eine solche Zukunft droht.

Draußen ist es schon dunkel, als Martin Ojul, ziviler Sympathisant der Rebellen und einer der Verhandlungsführer der LRA, auf die Bühne geht. Er bittet um Verzeihung für die Gräueltaten. Minutenlanger Applaus, auch Irene Abonyo klatscht. Von den LRA-Kommandeuren selbst, die die Delegation begleiten, hat an diesem Tag keiner Reue gezeigt.

Am nächsten Morgen bricht der LRA-Major Denis Okiror mit der Delegation zu einem Treffen auf, das heikel werden könnte. Ziel ist Koch Goma, eines von mehr als 100 Flüchtlingscamps in Nord-Uganda. Die Lager sind von der Regierung aufgebaut worden, um die Menschen vor den Überfällen der Rebellen zu schützen – nicht immer mit Erfolg. Nichts verkörpert so sehr das Elend der Acholi wie diese Camps. Auch Irene Abonyo lebt in so einem Lager, im Flüchtlingslager Awere, 50 Kilometer östlich. Wer hier untergekommen ist, kann seine Felder nicht mehr bestellen und ist auf die Nahrungslieferungen des World Food Program angewiesen. In den Schulen kommt auf 100 Schüler nur ein Lehrer, die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Der Konvoi mit der LRA-Delegation holpert über die Lehmpisten und hüllt die Menschen, die am Straßenrand ihre Waren schleppen, in einen roten Sandsturm.

Als der Konvoi das Camp erreicht, strömen hunderte Menschen zusammen und umringen die Wagen. Ein Mann legt ein rohes Ei in den Staub, einen Holzstab und den Zweig einer bitteren Pflanze. Denis Okiror zertritt mit seinem Springerstiefel die Schale, macht einen Schritt über den Stab, streift die Eireste an dem Zweig ab. „Mato Oput“ nennt sich das traditionelle Versöhnungsritual, es ist die Alternative der Acholi zum Internationalen Strafgerichtshof; das Ei steht für die Rückerlangung der Unschuld. Die Gesänge schwellen zu euphorischem Kreischen an. Fast 2000 Menschen sind jetzt da.

Einige Campbewohner haben sich in einer Reihe aufgestellt, um die LRA-Vertreter zu befragen. Eine Frau Anfang 50 nimmt das Mikrofon in die Hand, sie atmet schwer. „Meine Kinder, alle drei“, sie schluchzt, „habt ihr entführt – ich will keine Rache, aber gebt mir meine Kinder zurück!“ Ein zierlicher Mann in einem weißen Hemd fragt: „Seit über zehn Jahren leben wir in Camps, wie lange wollt ihr noch verhandeln?“

Verhandlungsführer Ojul verspricht den Flüchtlingen, er werde Joseph Kony alles übermitteln, was er gehört und gesehen hat. Dann tritt Oyet Simon, der Parlamentsabgeordnete des örtlichen Wahlkreises, ans Mikrofon. „Die LRA ist heute gekommen, um um Vergebung zu bitten – wer von euch verzeiht ihnen?“ Fast alle strecken ihre Hände in den Himmel.

Irene Abonyo hat am Abend zuvor, am Ende des Versöhnungstages in Gulu, ebenfalls die Hand gehoben. Die LRA-Delegation hatte sich auf einem großen Platz am Stadtrand versammelt. Etwa 5000 Menschen waren gekommen, sie standen in einem großen Bogen um die kleine, windschiefe Holzbühne. Aus den Lautsprechern tönte eine Reggae-Nummer: „Peace Uganda, peace Uganda, stop fighting this war.“ Die Menschen begannen, vor der Bühne zu tanzen. Es sah aus, als lächle Irene Abonyo.

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