Zeitung Heute : Ihr zweites Gesicht

Erst war es ein Schock, langsam wurde es Glück. Wie die Doppelgängerin von Merkel sich macht

Nadja Klinger

Zwei Männer kümmern sich um die Frau. Der eine hat sie auf einem Fest entdeckt. Sie trug eine schlichte Frisur zum runden Gesicht. Die Nasenspitze zeigte leicht nach oben. Er sagte: „Verzeihung, Sie sehen aus wie Angela Merkel.“ Sie hat ihn angeschaut, als wollte sie ihm an die Gurgel.

Früher war sie Bürokauffrau in einer Reederei. Dann hat sie drei Töchter großgezogen. Sie hat den Ehemann bekocht, die Wohnung geputzt, ihren Freundinnen geholfen. Sie ist an ihre Grenzen gegangen, war schwer krank, hat die Kurve bekommen, die Ehe verlassen. Sie hat bei alldem viel gelacht. Angela Merkel, war das nicht die Frau, die tun und lassen konnte, was sie wollte, immer drängte sich das unvorteilhafte Äußere in den Vordergrund? Sie sagt: „Der Vergleich mit ihr war ein Schock.“Drei Tage nach dem Fest hat sie sich von ihrem Entdecker, der eine Veranstaltungsagentur in Lübeck hat, fotografieren lassen. Die Bilder schickte er dem zweiten Mann. Dem gehört eine Doppelgängeragentur in Mülheim an der Ruhr. Er hat sie engagiert. Aus den Nachrichten erfuhr sie, welches Jackett sie kaufen, wie sie sich schminken und ob sie zum Frisör gehen sollte. Das war vor zwei Jahren. Die Männer aus Lübeck und Mülheim nannte sie „meine Agenten“.

Agenten zu haben, das klang erst mal gut. Die Presse kam. Die Doppelgängerin strich die Haare glatt, hob das Kinn, ließ die Mundwinkel fallen, um möglichst mürrisch dreinzuschauen. Unterm Bild, auf dem sie Angela Merkel zum Verwechseln ähnlich war, veröffentlichten die Reporter ihren richtigen Namen. Fortan klingelte bei den Agenten kein Telefon mehr, sondern bei ihr zu Hause. Jemand vom „Spiegel“ bat um einen Interviewtermin.

Dann buchte sie ein großer Energiekonzern. Aber sie war nicht Verona Feldbusch. Sie konnte nicht einfach auf die Jahresabschlussfeier gehen und warten, bis die Belegschaft sie bemerken und ausflippen würde. „Was erwarten die von mir?“, hat die 45-jährige Hausfrau Susanne Knoll gefragt. Ihre zwei Agenten wussten es auch nicht. „Du schaffst das schon“, haben sie gesagt. Sie wurde im Berliner Hilton einquartiert und bekam einen Bodyguard. Man kündigte sie über Lautsprecher an. Sie ging durchs Blitzlichtgewitter ans Mikrofon. Sie sollte eine Rede über Energiepolitik halten, Männer in Anzügen blickten erwartungsvoll, ihre Notizen hatte sie vergessen. Ihre Stimme hätte sie verraten können. Zum Glück war sie heiser. Es gab brandenden Applaus. Im Laufe des Abends haben sich viele kluge Männer mit ihr unterhalten. Es ging um Politik. Auch die Gespräche haben sie nicht verraten, im Gegenteil, man hat ihr gespannt zugehört. Sie war wie im falschen Film, aber es hätte auch ihr Film sein können. Sie bekam ein Buch vorgelegt zum Signieren. „Herzlichst Ihre Angela Merkel“, hat sie geschrieben. Ihr Bodyguard hat ihr über die Schulter gesehen. Sie konnte sich vorstellen, Parteichefin zu sein. Vor der Abreise am nächsten Morgen hat sie das schöne Hotelzimmer fotografiert. Der Taxifahrer beobachtete im Rückspiegel, wie sie Abschied von Berlin nahm. „Straff dich!“, hat sie sich befohlen, „Du bist Frau Merkel!“

Es war wie so oft in der Politik: Sie war bereit, aber niemand wollte sie haben. Susanne Knoll war beim Frühstücksfernsehen, im Abendprogramm, bekam eine kleine Filmrolle. Auf einem Bild ihrer Doppelgänger-Fotosammlung sitzt sie mit Steffi Graf, Andre Agassi und Norbert Blüm beim Essen. Knoll ist mit DJ Ötzi, Stefan Raab und Hella von Sinnen befreundet. Beim leibhaftigen Raab war sie auch in der Sendung. Sie hat sich als Angela Merkel aufs Sofa gesetzt. Geredet hat sie wie Susanne Knoll: frisch und munter mit nordischem Dialekt über Punkt und Komma und den Moderator hinweg.

Einmal im Fernsehen musste sie Mike Krüger einen Eimer Wasser über den Kopf kippen. Hinter der Kulisse stand Dieter Hallervorden und sagte: „Prima haben Sie das gemacht!“ Sie war stolz. Aber eigentlich war sie für Größeres geschaffen. Draußen in der Realität war leider noch nicht Merkel-Zeit. Gern würde sie die CDU-Vorsitzende treffen. Aber die benutzt schnelle Autos und Hinterausgänge. Schon zweimal hat sie sie verpasst. Jetzt hat ein Fernsehsender angefragt. Auch Frau Merkel wolle Frau Knoll kennen lernen, wurde mitgeteilt, aber nach der Wahl. Die CDU wolle nicht als Spaßpartei antreten. „Bisschen Spaß täte uns allen gut“, findet Susanne Knoll.

Kürzlich hat sie ihre Tochter aufs Arbeitsamt begleitet, weil man sie dort mies behandelte. Sie ist Physiotherapeutin, hat Abi, aber keine Arbeit. Sie wollte keinen Minijob, sondern sich fortbilden. Über drei Stunden saßen Mutter und Tochter im Warteraum, dann sollten sie ein Formular ausfüllen. „Bei fünf Millionen Arbeitslosen verwalten Sie sich hier selbst“, hat Susanne Knoll gemurmelt. Sie solle still sein, erst mal rede er, hat der Berater gesagt. Unhöflichkeit war Susanne Knoll nicht mehr gewohnt. Sie straffte sich, hob das Kind, ließ die Mundwinkel fallen. „Die Voraussetzung, uns zu beraten, ist, dass ich erzähle, was wir wollen“, hat sie gesagt. „Alle Leute wollen dasselbe“, erwiderte der Mann. Knoll hat Blitzlicht gemeistert und Lifesendungen. Selbstsicher hat sie den Arbeitsberater unterbrochen. Im Sommer fährt die Tochter zur Fortbildung an die Ostsee.

Arbeitslosigkeit hat Susanne Knoll stets für eine schlimme Sache gehalten, mit der ihre Familie nie was zu tun haben würde. Zweimal im Jahr sind Knolls in den Urlaub gefahren. Wenn das Auto kaputt war, wurde eine neues ausgesucht. Sie hatten schicke Möbel, den Kindern fehlte es an nichts. Dann war da noch das Sparkonto. Jetzt ist da die Frage: Wen soll sie wählen? Seit 28 Jahren macht sie ihr Kreuz bei der SPD. Sie sagt: „Meine Mitmenschen halten die Zumutungen der SPD nicht mehr aus.“ Sie zieht als Kanzlerkandidatin für die CDU los. Beim Fest einer Gebäudereinigungsfirma steht sie zum Smalltalk zur Verfügung und macht sich Luft. Vor Krankenkassenmitarbeitern hält sie eine Rede zur Gesundheitspolitik. Wenn sie als Kandidatin bejubelt wird, stellt sich ein gutes Gefühl ein. In der Zukunft will Susanne Knoll Parteimitglied sein. Das will sie schon lange, nur hatte sie nie Zeit. Jetzt hat sie keine Partei mehr. Neulich rief ein Mann auf dem Bahnhof: „Frau Merkel!“. Und dann hat auch noch die Sicherheitsabteilung des Bundestages angerufen. Man verlangt ein aktuelles Foto von ihr. Damit sie nicht nach Berlin fährt und einfach so in den Reichstag reinmarschiert. Mal sehen, vielleicht wählt sie sich selbst.

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