Zeitung Heute : Ihre einzige Zeugin

Ihr Leben kommt ihr märchenhaft vor – wie ausgedacht: Gertrud S. ist 101, ihre Nächsten sind längst nicht mehr da. In 60 Jahren sollen Frauen im Durchschnitt so alt werden wie sie. Ein Besuch in der Zukunft.

Annette Scheld

Es klingelt. Sie lächelt. Manchmal zieht sie die Eieruhr auf. Dann lässt sie sie klingeln. „Damit ich weiß, dass ich noch da bin“, sagt sie mit weit geöffneten wasserblauen Augen.

Gertrud S. ist 101 Jahre alt. Zum Hundertsten gab es 100 Euro, überreicht von Hannovers Vizebürgermeister. Und einen Porzellanteller. Der muss endlich aufgehängt werden. „Der ist doch von der Regierung“, meint Gertrud S. Stolz zeigt sie zwei briefmarkengroße Geburtstagsglückwünsche auf dünnem Zeitungspapier. Die hat ihr Hausarzt aufgegeben.

Die spinnt, die Alte, dachten die Nachbarn vor ein paar Jahren, als Gertrud S. von Zeit zu Zeit durch die Wohnung tanzte und sang. Einfach so. Für sich allein. Weil es ihr Spaß machte. Heute wandert sie bedächtiger zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, im roten Kleid und hellen Sommerhalbschuhen. Sie war beim Friseur. Ihre Beine sind straff wie die einer sportlichen Sechzigjährigen. 77 Jahre ist sie Mitglied im Turnverein. Ein Fan von Turnvater Jahn. Doch ihr gepflegter Körper wird kleiner. „Ich schrumpfe“, sagt sie. Sie geht jetzt auch etwas nach vorn gebeugt. Wegen des kleinen Buckels. Sie ist älter, als die meisten Menschen werden.

Das wird sich ändern, sagen die Demografen. In etwa sechzig Jahren soll die durchschnittliche Lebenserwartung bei den Frauen die Marke 100 erreichen, prophezeien Forscher. Niemand weiß genau, wie viele Hundertjährige heute in Deutschland leben. Sie werden nicht gesondert gezählt. Im vergangenen Jahr hat der Bundespräsident rund 4000 Menschen zu ihrem 100. Geburtstag gratuliert. Ihre Zahl steigt von Jahr zu Jahr; in den westlichen Ländern leben wir zwischen Geburtenrückgang und steigender Lebenserwartung in alternden Gesellschaften.

Das ist Grund zur Sorge, verkündet Frank Schirrmacher. Der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Das Methusalem-Komplott“. Seine Prognosen sind düster: Die Erde werde in wenigen Jahrzehnten zum Altersheim. Die tief greifenden demografischen Entwicklungen mit ihren erschütternden Folgen hätten noch keinen Eingang in unsere Vorstellung gefunden. Und – die Alten würden diskriminiert. Altersrassismus werde um sich greifen in alternden Gesellschaften, in denen Hundertjährige keine sensationelle Ausnahme mehr sein werden.

Noch ist Gertrud S. eine Ausnahme, mit dem Nachteil, dass sie immer ziemlich allein dasteht. Sie kennt niemanden, der so alt ist wie sie. Seit 38 Jahren ist sie Witwe, kinderlos. Sie lebt allein. 1936 zog sie in den schmucklosen Backsteinbau, in dem sie heute noch wohnt. 60 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche und Duschbad im zweiten Stock. Blümchentapeten. An den Wänden kleine gerahmte Bilder mit gepressten Blumen, über dem Sofa eine Berglandschaft in Öl. Von der Küche aus blickt man auf die Rückseite eines Supermarktes. Hier werden jeden Tag Waren angeliefert, um auf der anderen Seite wieder rausgetragen zu werden.

Nicht nur sie selbst, auch ihre Welt wird kleiner. Ihr Lebensraum ist auf die Wohnung geschrumpft. Hier fühlt sie sich sicher, spaziert herum, vertreibt sich die Zeit, sieht mal vorne, mal hinten aus dem Fenster. Langeweile habe sie eigentlich immer, sagt sie. Alle paar Tage macht sie am Arm einer Nachbarin einen kleinen Ausflug in die Welt draußen. Seit dem leichten Schlaganfall vor zwei Jahren geht sie nicht mehr alleine vor die Tür. Die Treppen sind nicht das Problem. Aber wenn sie dann vor die Haustür tritt, weiß sie nicht weiter. Sie versteht es selbst nicht. Es gibt eine unsichtbare Grenze, obwohl sie hier jeden Stein kennt. Dass sie je wieder allein vor die Tür gehen wird, glaubt sie nicht. Keine Hoffnung, keine Zukunft? „Was soll ich mit 100 noch Pläne machen?!“, gibt sie mürrisch zurück. Schlechte Frage.

Denkt sie an das Ende, an den Tod? „Ich sollte darüber nachdenken, aber schiebe den Gedanken immer weg. Dafür bin ich zu dickfellig“, sagt sie kokett. Bei jeder Gelegenheit ein Witz – auch auf eigene Kosten. Sie liebt den Spaß. Das ist ihre Art. Pose oder Strategie des Überlebens?

„Ich war ein Luder“

Beiläufig erwähnt sie, dass sie sich wünsche, der Tod komme hier in der Wohnung und am Tag. Sie glaubt, sie würde es rechtzeitig spüren. „Dann könnte ich rübergehen und bei einer Nachbarin klingeln“, sagt sie leise. Und danach? Sie schüttelt den Kopf: „Nichts. Wenn du tot bist, dann vergammelste.“

Sie passt nicht ins Bild, in ihrem Alter bewegt man sich jenseits von Gegenüberstellungen und Klischees: kein hinfälliger, vernachlässigter Pflegefall und keine aktive und reiselustige Seniorin. Manche der Ältesten – das Statistische Bundesamt erfasst nur die Gruppe der 95-Jährigen und älter – werden nicht nur sehr alt, sondern überleben ihre Jahrgangsgenossen ohne chronische Leiden und typische Alterskrankheiten. Zwar werden 55 Prozent der Hochbetagten gepflegt. Die eine Hälfte zu Hause, die andere in Heimen. Doch ihre Pflegequote ist nicht die höchste. Die der 90- bis 95-Jährigen liegt höher. Auch das Verhältnis der Geschlechter verschiebt sich im sehr hohen Alter. Die hochbetagten Männer sind gegenüber den Frauen zwar in der Minderheit, im Durchschnitt aber physisch und geistig gesünder als diese. Die Erkrankung an Alzheimer, deren Auftreten mit zunehmendem Lebensalter zunächst immer wahrscheinlicher wird, wird für einen Mann nach dem 95. Geburtstag von Jahr zu Jahr immer weniger wahrscheinlich.

Von sich selbst hat Gertrud S. ein klares Bild: „Ich war ein Luder“, sagt sie und schwelgt in Erinnerungen an gesellige Feiern. Köstlich war das. Am liebsten erinnert sie sich an den Turnverein, an Reisen und Ausflüge in die Natur, die sie mit Freunden gemacht hat. 1935 die große Columbus- Fahrt, eine Schiffsreise mit dem Turnverein nach Polen, Norwegen und Dänemark. Sie holt die Fotoalben. Fröhliche junge Frauen in Hosen mit modischen Kurzhaarfrisuren der Zeit. Lässig im Liegestuhl, an die Reling gelehnt oder am Strand. Fast immer lachend. Eine macht einen Kopfstand und daneben die lächelnde Gertrud S., mit 32 Jahren.

Bei den Nazis war sie nicht. Gegen sie unternommen hat sie auch nichts. „Eine Scheißzeit war das“, sagt sie. Sechs Jahre war ihr Mann im Krieg. Der Zweite Weltkrieg sei der schlimmere gewesen, wegen der Bomben. Das alles ist lange her. Vergangenheit. Die Freunde und Verwandten, die dabei waren, sind längst gestorben. Es gibt schon lange niemanden mehr, der ihre Erinnerungen teilt. Sie ist ihre einzige Zeugin. Angst macht ihr das nicht, aber sie macht sich Gedanken: „Das könnte sich auch einfach jemand ausgedacht haben“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

Auf einen ähnlichen Gedanken ist auch Schirrmacher gekommen: Kann ich mir noch trauen im Alter? Kann ich mich dann noch auf mein Gehirn verlassen? Dieser Zweifel am Vernunfts- und Verstandes-Ich, diese Angst vor der Altersdemenz werde uns antreiben, sagt Schirrmacher. Diese Angst werde das menschliche Selbstverständnis des „Ich denke, also bin ich“ in die bange Frage „Denke ich eigentlich noch? Bin ich noch?“ verwandeln. Gertrud S. hat für solche Fälle ihre Eieruhr. Ihr Leben komme ihr manchmal märchenhaft vor, sagt sie.

Von ihrer Hochzeit etwa gibt es kein einziges Foto. Der Film in der Kamera war kaputt. Eine Tragödie. Sie senkt den Blick, bedeckt ihre Augen mit der Hand und schüttelt den Kopf. Alle damals Anwesenden sind längst gestorben. Nur sie weiß, dass ihr romantischer Wunsch trotz Geldmangel und Krisenzeiten in Erfüllung ging: Mit Kutsche und Schimmel sind sie bei der Kirche vorgefahren.

Keine Erinnerung an die Hochzeit

Es war ein unheimlicher Tag, dieser Hochzeitstag am 30. Juni 1934. Die Straßen und die Kirche waren menschenleer. Die Stadt schien wie verlassen. Die kleine Hochzeitsgesellschaft war irritiert. Erst später haben sie durchs Radio erfahren, dass die Führer der SA im Auftrag Hitlers getötet wurden.

Früher träumte sie von der großen Bühne. Das Ballett! Die Oper! Doch die Mutter schickte sie auf die Handelsschule. Die Tochter kam ins Büro. „Ich bin ein komisches Mädchen“, sagt sie. Nie habe sie sich für etwas angestrengt, und doch sei sie immer gut durchgekommen im Leben. Ehrgeiz ist ihr fremd. Mit Unterbrechungen und meist in Teilzeit tippte und rechnete sie bei verschiedenen Arbeitgebern bis zu ihrem 80. Lebensjahr. Heute lebt sie von 800 Euro Witwenrente. Das reicht gerade so. „Das hätten die auch nicht gedacht, dass die so lange zahlen müssen“, sagt sie und balanciert mit ruhiger Hand ein Kuchenstück auf der Gabel.

Die meiste Zeit sitzt sie in ihrem Sessel. Ihr Lieblingsplatz. Hier verbringt sie unzählige Stunden, die Tage ziehen dahin. Sie schläft lange, wäscht sich, bereitet sich kleine Mahlzeiten. Ab und zu schaut eine der Nachbarinnen vorbei. Und täglich telefoniert sie mit dem Sohn längst verstorbener Freunde, der, selbst bereits Rentner, ihr wie ein eigenes Kind ist. Und dann sitzt sie wieder im Sessel. Vor allem am Nachmittag und Abend wird die Zeit träge. Stunde um Stunde verbringt sie dann dösend im Sessel: „Das ist nicht richtig schlafen, aber auch nicht richtig wach sein – irgendwo dazwischen“, beschreibt sie diesen Zustand.

Sie jammert nicht, aber lässt auch keinen Zweifel daran, dass Altern eine unangenehme Erfahrung ist: „Alles geht schlechter, alles wird weniger.“ Der Rücken schmerzt, und beim Lesen vergisst sie manchmal den Anfang der Zeile, bevor sie ihr Ende erreicht. Wegen der Rückenschmerzen war sie beim Arzt. In ihrem Alter sei das vor allem Verschleiß, da könne auch ein Korsett nur sehr begrenzt helfen, sagte der Arzt. Gertrud S. wollte kein Korsett und zuckt mit den Schultern: „Da kannste nichts dran machen.“

Manchmal kann sie nachts nicht schlafen. Dann steht sie auf, spaziert durch ihre Wohnung und schaut nach, ob Sterne am Himmel stehen und der Mond da ist. Fragt sie sich dann, wie das alles weitergehen soll? Träumt sie dann? „Träumen? Nö. Ich denke. Viel Quatsch.“

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