Zeitung Heute : Ihre Wahrheit

Für Brigitte Böhnhardt war ihr Sohn Uwe, der mutmaßliche NSU-Terrorist, Täter und Opfer zugleich. Vor Gericht kritisiert sie die Behörden.

Kontrolliert sagte Brigitte Böhnhardt vor Gericht in München aus. Foto: dpa
Kontrolliert sagte Brigitte Böhnhardt vor Gericht in München aus. Foto: dpaFoto: dpa

Sie spricht kontrolliert, oft in klagendem Ton, doch Gefühlsausbrüche erlaubt sich Brigitte Böhnhardt nicht. „Wir haben vom ersten Telefongespräch an verlangt, dass sie sich stellen“, sagt die Mutter von Uwe Böhnhardt. Im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München ist es still. Alle hören der 65-jährigen, pensionierten Lehrerin zu. „Wir“, damit meint Brigitte Böhnhardt sich und ihren Mann. Immer wieder hätten sie bei den Telefonaten mit dem Sohn gesagt, das Leben im Untergrund, „das bringt gar nichts, das hat keine Zukunft“. Und: „Stellt euch, stellt euch, stellt euch.“ Doch Uwe habe gesagt: „Nein Mutti, das geht nicht.“

Am Dienstag ist erstmals im NSU-Prozess zu hören, wie die Eltern eines der Täter gelitten haben – und wie sie versuchen, sich das Unfassbare zu erklären.

Einige Wochen, nachdem Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im Januar 1998 abgetaucht waren, lag im Briefkasten der Eltern Böhnhardt in Jena ein Zettel. „Wir sollten an einer Telefonzelle warten“, sagt die Mutter, „und Uwe rief an.“ Sie habe nicht gewusst, dass es möglich sei, in einer Telefonzelle angerufen zu werden. Aber sie sei froh gewesen, dass er noch lebt. „Er sagte auch, dass sie alle drei zusammen sind, dass es ganz gut geht.“ Es folgten weitere Telefonate und sogar Treffen mit den drei Untergetauchten. Uwe Mundlos und Beate Zschäpe hingegen mieden Kontakte zu Angehörigen.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl will wissen, warum Uwe Böhnhardt abgetaucht sei am 26. Januar 1998. Die Polizei hatte in einer Garage, die Beate Zschäpe zugeordnet wurde, Sprengstoff entdeckt, teils schon in Rohrbomben verbastelt. Uwe habe nicht noch einmal ins Gefängnis gewollt, sagt die Mutter, nachdem er zweimal bereits in Untersuchungshaft gesessen hatte. Ohnehin drohte ihm eine Strafe für andere rechtsextreme Delikte. Also fuhr er in seinem Wagen weg.

Brigitte Böhnhardt beschuldigt aber auch „die Behörden“. Sie behauptet, die Polizei hätte ihrem Uwe bei früheren Durchsuchungen Waffen untergeschoben, eine Armbrust und drei Dolche. Und sie glaubt, die Polizei hätte überlegt, die drei Untergetauchten „auf der Flucht zu erschießen“. Ihr Misstrauen resultiert auch aus seltsam anmutenden Verhandlungen mit dem Verfassungsschutz.

Ein früherer Verteidiger von Sohn Uwe sei zu ihr gekommen und habe gesagt, der Verfassungsschutz werde für eine reduzierte Strafe sorgen, wenn die drei sich stellen. Mit dem Anwalt sei sie dann bei der Staatsanwaltschaft Gera gewesen. Dort habe ihr ein Oberstaatsanwalt jedoch gesagt, Uwe stünden zehn Jahre Haft bevor. Böhnhardt hebt jetzt doch ein wenig die Stimme, „zehn Jahre Haft! Das kriegt ja nicht mal ein Kinderschänder, der schon fünf Kinder getötet hat!“ Der Oberstaatsanwalt hielt dann auch fünf Jahre für möglich. Doch aus der Sache wurde nichts und die drei blieben im Untergrund.

Bis 1999 hätten sie und ihr Mann dem Sohn im Untergrund finanziell geholfen, „damit er nicht klaut“, sagt Böhnhardt. Etwa 500 D-Mark gaben sie, etwa einmal im Vierteljahr. Das Geld habe mal André K., ein Bekannter der drei aus der rechten Szene in Jena, abgeholt, dann ein anderer junger Mann. Die Unterstützung hätten sie und ihr Mann 1999 eingestellt, als die drei bekräftigt hatten, sich keinesfalls zu stellen. Nun allerdings sorgt sich Brigitte Böhnhardt, ihre finanzielle Hilfe könnte strafrechtlich als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung gewertet werden. Richter Götzl beruhigt sie – die Geschichte sei verjährt.

Die Eltern Böhnhardt hatten allerdings auch wenig Interesse daran, der Polizei zu helfen. Zu den Treffen mit den drei Untergetauchten in Chemnitz, dem letzten im Jahr 2002, fuhren Vater und Mutter mit einem Mietwagen. „Weil wir nicht wussten, ob wir verfolgt werden“, sagt Böhnhardt. „Mir geht einfach nicht aus dem Kopf, was alles hätte verhindert werden können, wenn Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft damals Wort gehalten hätten.“

Die Mutter hat in ihrem Leid zu einer eigenen Wahrheit gefunden. Sie sieht ihren Sohn auch, vielleicht sogar vorrangig, als Opfer. Und sie betont immer wieder, dass sie und ihr Mann Uwe gesagt hätten, sie würden ihn lieben. Nicht erst, als er untergetaucht war, sondern schon bei den vielen Fehltritten zuvor. Als er die Schule schwänzte, als er mit dem Gesetz in Konflikt geriet, wegen Diebstahls und später auch wegen politisch motivierter Straftaten. „Ich habe ihm gesagt, wir schaffen das“, betont Brigitte Böhnhardt.

Über die zehn Mordopfer des NSU, die vielen Verletzten, spricht sie nicht. Kein Wort zu den vielen Anwälten der Nebenkläger, dass ihr die Taten des Sohnes leidtun. Ab und zu blickt Brigitte Böhnhardt hinüber zu Beate Zschäpe. Die guckt meist weg. Brigitte Böhnhardt freut sich noch heute, dass ihr Uwe in den 1990er Jahren Zschäpe kennengelernt hat. „Uwe hatte Gott sei Dank Beate“, sagt sie, „ich bin ihr heute noch dankbar, dass er zu ihr gezogen ist.“ Frank Jansen

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