Zeitung Heute : Ikarus Der von Ulm

Der Schneider Albrecht Berblinger wollte als erster Mensch fliegen wie ein Vogel. Für seinen Traum riskierte er 1811 Vermögen, Ansehen und privates Glück – am Ende verlor er alles

Erwin Starke

In der heißen Nachmittagssonne des 31. Mai 1811 steht der Schneidermeister Albrecht Ludwig Berblinger mit einer Art überdimensioniertem Flugdrachen 20 Meter hoch über der Donau. In einer Zeit, die noch keine Eisenbahn, kein Fahrrad, nicht einmal das Laufrad kennt und in der die Dampfmaschine gerade erst erfunden wurde, will er der Welt beweisen, wovon er zutiefst überzeugt ist: Er kann mit seinem selbst konstruierten Flugapparat fliegen. Der Versuch wird sein Leben verändern, ihn zu einer tragischen Figur der Geschichte machen.

Eingehängt in ein Haltegeschirr und die beiden Tragflächen mit ausgestreckten Armen fest im Griff steht Berblinger auf einer Plattform eines sieben Meter hohen Gerüstes. Um eine Absprunghöhe von 20 Metern zu erreichen, ließ er dieses extra für seine Flugvorführung auf die Adlerbastei der Ulmer Befestigungsanlage bauen.

Unter ihm, am gegenüberliegenden Ufer der Donau, warten mehrere tausend Schaulustige auf seinen groß angekündigten Flug über den Fluss. Doch die Leute werden ungeduldig. Bereits seit fast einer Stunde recken sie ihre Hälse in die Höhe und warten darauf, dass der Berblinger abspringt und über die Donau schwebt. Bisher sehen sie allerdings nur einen blassen Schneidermeister, wie er mit seinen Flügeln unentschlossen einige Auf- und Abbewegungen macht. Genau wie gestern, als sogar der Landesherr, König Friedrich von Württemberg, anwesend war. Doch gestern brach Berblinger den Flugversuch ab. Angeblich war ein Flügel gebrochen und müsste erst wieder repariert werden. Noch so einen Reinfall kann sich die Stadt Ulm nicht leisten. Der König ist schon wieder abgereist, doch vorerst harren etliche andere Honoratioren aus, unter ihnen der Bruder des Königs und die Prinzen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie die Geduld verlieren.

Albrecht Ludwig Berblinger weiß, dass er den Versuch nicht noch einmal abbrechen kann. Er sieht, wie die Menge unter ihm immer unruhiger wird, die ersten Schmährufe dringen an sein Ohr. Was soll er tun? Es gibt keinen Wind.

Berblinger wusste noch nichts von Thermik, von Auf- und Abwinden, aber durch seine Beobachtungen auf dem Glockenturm des Ulmer Münsters und seine Flugversuche am Michaelsberg war ihm klar, dass er Wind unter seinen Tragflächen braucht, der ihn trägt und das gegenüberliegende Donauufer erreichen lässt. Nur, davon war weder gestern noch heute irgendeine Spur.

Der Druck auf Berblinger ist groß. Immerhin hat er selbst sein Vorhaben der Welt mit großen Worten verkündet. In einer der wichtigsten Tageszeitungen Württembergs, der „Württemberger Chronik“, hatte er am 24. April 1811 folgende Anzeige veröffentlicht: „Nach einer unsäglichen Mühe in der Zeit mehrerer Monate, mit Aufopferung einer sehr beträchtlichen Geldsumme und mit Anwendung eines rastlosen Studiums der Mechanik, hat der Unterzeichnete es dahin gebracht, eine Flugmaschine zu erfinden, mit der er in einigen Tagen hier in Ulm seinen ersten Versuch machen wird, an dessen Gelingen er, bestärkt durch die Stimme mehrerer Kunstverständiger, nicht im Geringsten zweifeln zu dürfen glaubt. Von heute an ist die Maschine bis an den Tag des Versuchs, der nebst der Stunde in diesen Blättern vorher genau angezeigt werden wird, hier im Saale des Gasthofes zum goldenen Kreuz Jedem zur Ansicht und zur Prüfung ausgestellt. – Berblinger“.

Am 27. Mai 1811 kündigte Berblinger seinen ersten öffentlichen Flugversuch im gleichen Blatt schließlich für den vierten Juni nachmittags an und setzte hinzu: „wenn die Witterung günstig ist“.

Für den Rat der Stadt Ulm kam das Vorhaben Berblingers wie gerufen.

Die einstmals stolze und Freie Reichsstadt war längst zum Spielball anderer Mächte geworden. Vormals bayrisch, wurde die Stadt 1810 zu Württemberg geschlagen und fristete ein Dasein als hoch verschuldetes Provinzstädtchen. Der König hatte sein Erscheinen angekündigt, und es musste schon etwas ganz Besonderes her, um den neuen Landesherren zu beeindrucken und das Selbstbewusstsein der Ulmer wieder etwas aufzupolieren. Die Produktion des Barchents, eines Gewebes, für das Ulm in der Vergangenheit in ganz Europa berühmt gewesen war, siechte vor sich hin. Längst wurden viel feinere Tuche verlangt und anderswo gefertigt. Da traf es sich gut, einen genialen Erfinder in der Stadt zu haben, der einen Apparat konstruiert hatte, mit dem man ohne die Hilfe eines Ballons fliegen könne. In seinem Glanze wollte sich die Stadt präsentieren.

Seit alters her träumte der Mensch vom Fliegen. Und seit die Gebrüder Montgolfier 1783 die ersten Menschen mit einem Ballon in die Lüfte aufsteigen ließen, war dieser Traum kein Hirngespinst mehr. Doch aus eigener Kraft, schwerer als Luft, mit Flügeln zu fliegen wie die Vögel, das blieb weiterhin Utopie. Dennoch mangelte es nicht an kühnen Geistern, die genau das verwirklichen wollten. Einer davon war der Wiener Uhrmacher Jakob Degen. Er hatte einen Flugapparat konstruiert, der aus einem Paar Flügeln bestand, welche durch Muskelkraft auf- und niedergeschlagen werden konnten. Um genügend Auftrieb zu erhalten benötigte er zwar noch einen mit Wasserstoff gefüllten Ballon, doch gelang ihm damit 1808 der erste gesteuerte Freiflug überhaupt. Degens öffentliche Vorführungen wurden in ganz Europa zur Sensation. Sehr wahrscheinlich hatte auch Albrecht Ludwig Berblinger davon Kenntnis erhalten.

Berblinger wollte mehr. Sein Ehrgeiz war ein Flugapparat, der ohne Ballon auskam, mit dem man durch die Luft gleiten konnte.

Der Schneiderberuf hatte ihn noch nie ausgefüllt. Geboren am 24. Juni 1770 in Ulm als Sohn eines Zeugamtsknechts – das heißt, der Vater war am örtlichen Waffendepot angestellt – war es nicht sein eigener Wunsch, Schneider zu werden. Nach dem frühen Tod des Vaters kam der 13-jährige Albrecht mit zwei Brüdern ins Waisenhaus. Dort steckte man ihn in die Schneiderlehre. Er zeigte sich in diesem Handwerk zwar sehr geschickt und hatte auch einigen Erfolg. Schon mit 21 wurde er zum Meister zugelassen, vier Jahre vor Ablauf der eigentlich vorgeschriebenen Gesellenzeit. Auch etablierte er eine eigene Werkstatt und beschäftigte mehrere Gesellen und Lehrlinge, doch seine eigentliche Leidenschaft galt der Mechanik. Neben seiner Schneidertätigkeit machte er sich auch einen Namen mit ganz anderen Produkten.

In einer Anzeige des „Ulmer Intelligenzblattes“ von 1803 wirbt er für Kinderwagen und Pferdeschlitten. Sein ganzes mechanisches Können bewies der verkannte Erfinder aber mit der Konstruktion einer Beinprothese, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hatte und wie sie lange Zeit ihresgleichen suchte. Als dem Stadtwächter von Ulm während eines Festes ein Fuß durch einen explodierenden Böller abgerissen wurde, baute Berblinger ihm eine Prothese mit Fuß- und Kniegelenk, die durch Streck- und Beugemechanismen einen fast normalen Schritt ermöglichte. Mehrfach reichte er seine Konstruktion zur Patentierung in der bayrischen Staatskanzlei ein. Doch als sein letzter Antrag 1808 vom bayrischen Staatsminister Montgelas abgelehnt wurde, gab er die Vermarktung der künstlichen Gliedmaßen auf und überließ seine Erfindung dem Ulmer Hospital, dessen Unterstützung und Fürsprache den Staatsminister kalt gelassen hatten. Obwohl Prothesen dringend gebraucht wurden – die napoleonischen Kriege erschütterten Europa.

Albrecht Ludwig Berblinger aber scheint sich immer intensiver mit der Möglichkeit eines Flugapparates beschäftigt zu haben. In Zunftprotokollen ist überliefert, dass die Schirmmacher Klage gegen ihn erhoben, weil er auffällig viel Fischbein und Bambus aufkaufte und schirmartige Gestelle herstellte. Wie die Protokolle berichten, wurde der Schneidermeister von seinen Mitbürgern zunehmend beargwöhnt. Warum, so fragten sie sich, war er immer wieder auf dem Turm des Münsters, und was trieb er in der Dämmerung und in der Nacht mit dem Schäfer zusammen am Michelsberg vor den Toren der Stadt?

Was die Leute in der Enge ihrer nach Zunftordnung geregelten Welt nicht wussten und wohl auch nicht hätten begreifen können, waren die Vorbereitungen und Forschungen, die der Schneider für die Verwirklichung seines Traumes betrieb.

Auf dem Münsterturm studierte er den Vogelflug und den Wind. Er wollte auch nicht durch Flügelschlagen selbst Auftrieb erzeugen. Sein Vorbild war der Gleitflug der Krähen von oben nach unten. Also berechnete er die notwendige Größe seiner Tragflächen und verband diese mittig mit einem halb starren Gelenk, an dem in einem Geschirr sein Körper hing. So konnte er die Flügel zwar noch bewegen, aber auch starr halten. Auch wenn der Berblingersche Apparat nicht erhalten blieb, kann man davon ausgehen, dass es der erste Hängegleiter der Geschichte war. Dessen Bau kostete den Schneidermeister nicht unerheblich Geld. Die Konstruktion sollte zugleich stabil und leicht sein. Dazu benötigte er den Bambus für das Gerüst und feine, feste Seide für die Bespannung und die Spannschnüre. Diese Materialien kamen von weit her und waren nicht billig. Außerdem vernachlässigte er seine Schneiderwerkstatt zusehends, widmete immer mehr Zeit seinem Gleiter.

Am Michelsberg testete er des Nachts seine Konstruktion und verbesserte sie nach diesen Erfahrungen. Dabei gelangen ihm immer weitere Gleitstrecken. Es soll sogar Zeugen gegeben haben. Aber nur eine Aussage ist dokumentiert. Ein Kommerzienrat Eduard Leube berichtete, er habe als Bub den Schneider am Michelsberg den Abhang hinab von Gartenhaus zu Gartenhaus fliegen sehen.

Und nun steht Berblinger etwas früher als geplant auf dem Podest in 20 Metern Höhe. Aus seinen bisherigen Erfahrungen hat er eine Sinkgeschwindigkeit von einem Meter auf zwei Meter Strecke errechnet, und das jenseitige Ufer ist 40 Meter entfernt.

Noch immer hat er keinen Wind unter den Flügeln. Längst bereut er wohl, vom Magistrat überredet worden zu sein, hier seinen Flug zu wagen, nur damit sich der König nicht zum Michelsberg vor die Stadt begeben musste. Als der Bruder des Königs ihn dann auch noch mit rauen Worten drängt, nun endlich seine Kunst zu zeigen, fügt Berblinger sich in sein Schicksal, nimmt allen Mut zusammen und springt.

Was nun geschieht, überliefert der Chronist dieses Ereignisses, der Webermeister Christian Wächter, so: „Wie man geglaubt hat, es gehe wirklich an das Fliegen, so machte er einen Sprung in die Donau, das ist die ganze Kunst des Schneiders gewesen, dann die Schiffsmannen schon mit ihren Schiffen Paratschaft gestanden, die haben ihn herausgezogen.“

Den Absturz überstand Berblinger physisch unverletzt, doch bedeutete er das Ende seiner gesellschaftlichen Reputation. Nach dieser Blamage wollte niemand mehr in Ulm mit dem Außenseiter und Sonderling etwas zu tun haben, der die Stadt so gründlich blamiert hatte. Als „Schneider von Ulm“ verspottet, begann der wirtschaftliche und seelische Abstieg des Albrecht Ludwig Berblinger. Es ist kein weiterer Versuch mehr bekannt, den er mit seinem Gleiter unternommen hätte. In seiner Not bewarb er sich als Regimentsschneider und wurde bei der leichten Kavallerie, dem Cheveaulegers-Regiment Nr. 1, angestellt. Damit verlor sich seine Spur für vier Jahre. Als er 1816 wieder nach Ulm zurückkehrte, musste er sein Haus verkaufen, um Schulden abzutragen.

Er versuchte sich erneut mit einer Schneiderwerkstatt zu etablieren. Viel Erfolg kann er nicht gehabt haben. Ein Magistratsprotokoll von 1819 weist auf Berblingers Spiel- und Trunksucht hin, und seine Frau Anna Scheiffelin, die er 1792 geheiratet hatte, starb 1820 an „Abzehrung“.

Daraufhin rappelte Berblinger sich noch einmal auf und inserierte erneut, um sich für „Schneider- und Tapezierarbeiten“ zu empfehlen. 1822 heiratete er ein zweites Mal. Doch die Not verließ ihn nicht mehr. Die zwei Kinder aus dieser Ehe starben früh, aus Geldknappheit nahm er Gelegenheitsarbeiten an. Eine Sanierung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse gelang ihm nicht. Zuletzt, als Berblinger nirgends mehr unterkam, zog er zu seinem Bruder Daniel. Am 28. Januar 1829 starb Albrecht Ludwig Berblinger 58-jährig im Ulmer Spital ebenfalls an „Abzehrung“, wie es im Protokoll heißt.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. 1986, zum 175. Jahrestag des Absturzes, bewies der Ulmer Manfred Herter mit einem Nachbau der Berblingerschen Konstruktion, dass sie tatsächlich flugfähig war. Nur eben nicht an der Adlerbastei über der Donau. Dort herrschen ständig Fallwinde, die selbst modernste Hängegleiter an ihre Grenzen bringen. Wäre Berblinger am Michelsberg gestartet, er wäre ohne Zweifel als der erste Flugpionier in die Geschichte eingegangen, 80 Jahre vor Otto Lilienthal.

Die Rehabilitierung des Schneidermeisters, sie kam in Gang. Seit 1988 lobt die Stadt Ulm einen Berblinger-Preis aus. Er soll Flugzeugbauer in aller Welt motivieren, sich um Flugzeuge Gedanken zu machen, die sicherer, wirtschaftlicher und umweltverträglicher sind. Gerade neu im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer erschienen ist der historische Roman „Fallwind“ von Johannes Schweikle. Der erzählt die Geschichte Berblingers als die eines Visionärs, der seinen Traum auch lebte. Und dieser Tage feiert Ulm seinen verkannten Held gleich mit einer Reihe von Veranstaltungen. Er gehört wieder dazu, der Albrecht Berblinger.

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