Zeitung Heute : Il Calice

Wasserfall und Stuhlgewackel

Bernd Matthies

Nähern wir uns dem Phänomen des italienischen Restaurants ausnahmsweise mal über sein Personal. Es hat mit deutlich italienischem, vorzugsweise trapattonischem Akzent zu sprechen, das verlangt der Gast so. Deshalb rollen inzwischen auch libanesische und albanische Pizzeria-Besitzer das allfällige „Signorina" nahezu perfekt, und wenn sie das Tiramisu bringen, scherzen sie: „Isse cremig". Doch unabhängig von diesen Modeerscheinungen ist die Typologie des italienischen Kellners extrem vielfältig zu nennen. Es gibt geniale Frauenversteher mit Schmelz in der Stimme, es gibt große Menüerklärer und nervenstarke Kinderfreunde, die auch die dritte Portion Spaghetti Bolognese noch gleichmütig vom Boden aufwischen.

Sehr üblich, vor allem in Vinotheken und Cafés, ist der coole Profi, der kein Wort mehr sagt als notwendig, der Lächeln für Zeitverschwendung hält und immer den kürzesten Weg geht, auch wenn der Gast das nicht richtig einschätzt und ewig im Weg sitzt. Dann wird er angerempelt und sagt anerkennend „Wie in Mailand!", weil er zwar noch nie in Mailand war, aber sich diese oberitalienische Effizienz so vorstellt oder Geringschätzung für eine Art Alpenrandfolklore hält.

Erkenntnisse, die vom Essen eher wegführen, gewiss – aber denken wir nicht alle auch an die Atmosphäre, wenn wir unser Geld zum teuren Essen tragen? Dieses arrogante Gehabe nämlich war der Grund dafür, dass ich mich bei meinem letzten Besuch in der an sich verdienstvollen „Enoiteca Il Calice" ausgesprochen unwohl gefühlt habe und keineswegs an Mailand denken musste. Sie haben dort ein Serviceteam, das nach meinem Eindruck sehr lange beisammen ist und alle Wege im Schlaf kennt. Doch das scheint zumindest einige hier – nicht alle! – so abzustumpfen, dass sie einen bis zur Karikatur minimalistischen Service exerzieren. Das Wasser wird im Vorbeilaufen eingeschenkt wie von Butler James, beim Weggehen in Ideallinie wackelt der Stuhl des Gastes, und kein Mundwinkel mag sich zu einem Lächeln verziehen. Böse Vermutung: Da die nächsten Gäste schon am Eingang stehen und auf einen Tisch warten, wäre allzu viel Heimeligkeit dem Geschäft auch abträglich.

Ansonsten hat sich hier wenig geändert über die Jahre seit der Eröffnung. Der große Raum am Walter-Benjamin-Platz bietet viel Atmosphäre (und überraschend schlechte Luft), das (italienische) Weinangebot ist legendär in Flaschen und auch bei den Offenen erfreulich sortiert. Auf den riesigen Vorspeisenplatten werden Würste, Schinken und Gemüse vorzüglicher Qualität zum selbstbewussten Preis angemessen präsentiert – viele Gäste geben sich damit zufrieden, doch sie versäumen durchaus etwas. Denn gekocht wird hier eine variantenreiche italienische Küche abseits der Klischees. Sardinen „in sauer“, die südliche, weniger deftige Version unseres Bratherings, oder eine gut gelungene, recht süße Caponata, der sizilianische Klassiker mit Auberginen und Rosinen. Beim Pasta-Gang wird gern ein wenig zu sehr gezwirbelt, werden Kartoffel-Cannelloni mit Garnele und Jacobsmuschel hochdekoriert, doch leider liegt dann auch das fischige Muschel-Corail auf dem Teller und muffelt störend herum.

Bis zum Hauptgang zeigt sich dann, dass die Kapazität der Küche doch eher an der Versorgung der Vorspeisenesser orientiert ist, denn es dauert ewig (was wiederum den Weinumsatz fördert). Der Loup de Mer mit sehr ausdrucksvoller Basilikumsauce und Spinat wäre anzuraten, beim Schweinefilet mit Spargel und kratzend gepfefferter Kräuterschicht hatten wir dagegen Pech, weil es im Kern noch fast roh war, vermutlich ein Resultat der Hektik in der Küche (Hauptgänge um 16, Vorspeisen um 10 Euro).

Das Bestellen eventueller Desserts entfällt dann mangels weiterer Sitzlust, der Espresso ist ausgezeichnet, und kaum hat man die nicht unerhebliche Rechnung gezahlt und den Tisch verlassen, sitzen, zack, schon die nächsten Gäste da. Sie scheinen es sämtlich zu mögen, und da will man ja als Kritiker nicht über die Maßen kleinlich sein. Aber ein klein wenig anheimelnder dürfte es gern schon zugehen in diesem Hause, dem der Erfolg nicht in jeder Hinsicht gut zu bekommen scheint.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!