Zeitung Heute : Il Teatro

Lammkarree undTiramsu

Bernd Matthies

Il Teatro, Schiffbauergasse 12, 14467 Potsdam, täglich geöffnet von 11.30 Uhr bis 24 Uhr, Tel. 0331/20 09 72 91.

Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Die neuen Bundesländer sind im Jahr 17 nach der Wende auch kulinarisch noch keine blühenden Landschaften - eher geht der Trend neuerdings in die Gegenrichtung. Nimmt man den Sonderfall Ostseeküste aus, schaffen es selbst touristisch attraktive Regionen kaum, eine dem Westniveau ähnliche Gourmet-Szene zu etablieren. Selbst in Dresden und Weimar, beispielsweise, breitet sich neben ein oder zwei Ausnahmebetrieben Resignation aus, Schwerin und Magdeburg sind nach wie vor schwarze Löcher, und vorwärts geht es allein dort, wo Wirtschaft und Tourismus zusammentreffen, in Erfurt und vor allem Leipzig. Und Potsdam? Gerade dort war schon viel mehr los. Doch nachdem nun auch Gottfried Specker in der „Ratswaage“ aufgegeben hat, spielen nur noch „Juliette“ und „Bayrisches Haus“ in der Oberliga mit.

Daran hat sich auch nach der Eröffnung des neuen italienischen „Il Teatro“ leider überhaupt nichts geändert. Zwar liegt das Restaurant wunderbar an der Havel und ist im Wintergarten der ehemaligen Zichorienmühle unterhalb des Hans-Otto-Theaters repräsentativ untergebracht – doch schon die mut- und einfallslose Speisekarte, die auf keine deutsch-italienische Plattitüde verzichtet, beweist, dass hier wieder einmal der Weg des geringsten Widerstands beschritten wird. Und das neben einer Stätte anspruchsvollen kulturellen Aufbruchs! Das Bühnen-Äquivalent zur Teatro-Küche wäre ein Spielplan mit Ohnsorg-Stücken, umrahmt von lustigen Musikanten.

Wirt Pino war einst aus West-Berlin gekommen, um den Potsdamern ein kleines italienisches Restaurant namens „Pino“ zu schenken, durchaus ein kleiner kulinarischer Lichtblick. Wenn ich mich recht erinnere, ist selbst die Küche dort noch ein wenig mutiger als das, was der Chef nun im neuen Domizil zeigt.

Diese Stilkritik hat nur teilweise mit der gebotenen Qualität zu tun. Vor allem die Vorspeisen gefielen uns durchaus: Das Carpaccio vom Rind, nach neudeutscher Manier mit hartem Rucola überfrachtet, war handwerklich einwandfrei und gut gewürzt, ebenso das zarte und saftige Carpaccio vom Pulpo. Allerdings fragten wir uns, wozu es die schnell lösch- und wiederbeschreibbaren Tafeln an den Wänden gibt, wenn dort „Himbeersauce“ (gemeint offenbar: Himbeeressigsauce) annonciert wird, obwohl auf dem Teller nur Zitrone und Öl zu finden sind. „Ach, das hat die Küche gestern noch anders gemacht“, sagt der Kellner. Ja, dann… Gut im Geschmack, aber eine Mogelpackung: Der „sizilianische Auberginenauflauf“, der nichts Sizilianisches hatte, sondern eine schlichte Parmigiana war, Auberginen mit Tomatensauce gratiniert. Völlig daneben: Fast trockene Bandnudeln mit ein paar Cocktailtomaten und einem batzig obenauf gehäuften Berg Ricotta.

Dass hier einer kochen kann, bewiesen die exakt gegarten Fisch- und Fleischstücke. Zander, hübsch hellbraun gebraten, Seeteufel saftig gedünstet, Lammkarree rosa und aromatisch. Doch die irgendwie auf Weinbasis gerührten Saucen schmeckten allerweltsmäßig, das Gemüse - Spinat zum Fisch, Zuckererbsen zum Fleisch - war übergart, und die ledern aufgebratenen Kartoffeln wirkten, als würden sie hier nur einmal in der Woche vorgekocht und dann bis zur Bestellung im Kälteschlaf versenkt. Im (allerdings viel kleineren) „Pino“ hat es so etwas jedenfalls früher nicht gegeben. Fürs Protokoll noch die unausweichlichen Desserts: Tiramisu, mit Schlagsahne überfrachtet, und seltsam grießige, offenbar mit Quark angesetzte Panna cotta.

Das Erfreulichste an diesem Restaurant sind neben Atmosphäre, Lage und Blick zweifellos die Weine, in denen sich die sonst nirgendwo spürbare sizilianische Herkunft des Wirts spiegelt. Große Auswahl, vernünftige Preise: Wir zahlten 29 Euro für eine Flasche des vorzüglichen Alastro bianco von Planeta. Zusammen mit den erträglichen Preisen fürs Essen - Vorspeisen um 10, Hauptgänge um 17 Euro - bleibt die Rechnung bezahlbar. Aber man darf zweifellos auch dafür mehr erwarten, selbst im kulinarischen wenig anspruchsvollen Potsdam. Kaum auszudenken, was an einer solchen Stelle in Frankreich, Holland, Amerika entstanden wäre.

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