Zeitung Heute : Ilja Der Mann hinter … Richter

Warum ist es so eine große Ehre, den Curt-Goetz-Ring zu bekommen?

Ilja Richter

Das deutsche Boulevard-Theater hat weit und breit nicht seinesgleichen, schrieb der Tagesspiegel 1958 über Curt Goetz. Der Mann gilt als brillanter Komödienschreiber, einer der wenigen, der Screwball-Comedys hinkriegte wie sonst nur Hollywood. Seine Stücke wie „Das Haus in Montevideo“ blieben über Jahrzehnte Boulevard-Kracher.

Geboren wurde Goetz 1888 in Mainz, sein Bühnendebüt gab er mit 19 Jahren. Seit 1911 spielte er in Berlin Theater, im gleichen Jahr schrieb er sein erstes Stück. Goetz inszenierte, hatte ein eigenes Ensemble, gründete schon 1922 eine Filmfirma. Erst die Nazis fanden ihn nicht richtig komisch, Goetz emigrierte mit seiner Frau Valerie von Martens über die Schweiz in die USA. 1946 kehrte er zurück und feierte im Kino mit „Dr. med. Hiob Prätorius“ einen der größten Filmhits der Nachkriegsjahre. Hollywood kopierte die Geschichte mit Cary Grant unter dem Titel „People Will Talk“.

1960 starb Goetz mit 72 Jahren. Nach seinem Tod stiftete Valerie von Martens den Curt-Goetz-Ring. Zum ersten Mal bekam ihn 1985 Carl-Heinz Schroth. Seitdem wird der Ring alle fünf Jahre weitergereicht. An wen, entscheidet der jeweilige Träger selbst. Schroth gab ihn an Anaid Iplicjian, sie entschied sich für Wolfgang Spier, dieser reichte ihn Nicole Heesters, und sie will ihn jetzt Ilja Richter verleihen.

Der 1952 geborene Richter war schon als Kind ein gefragter Komödiant – getrieben von seiner Mutter. Ihr war als Jüdin in der Nazi-Zeit die eigene Bühnenkarriere verwehrt worden, wie Richter 1999 in seiner gemeinsam mit Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein verfassten Autobiografie schrieb. Mit 16 machte er sich mit „4,3,2, 1 – Hot and Sweet“ und „Disco“ einen Namen als jüngster deutscher Fernsehmoderator – die Music-Spots sagte er im Anzug an, für die 70er Jahre ein merkwürdig altmodisches Outfit. Das Image des kalauernden Jungstars, das er in Kinoklamotten an der Seite von Rudi Carell („Die tollen Tanten“) untermauerte, haftete ihm lange an. Erst in den 90ern gelang es ihm, sich als Autor und Theaterschauspieler von diesem Etikett zu befreien.

Morgen findet die Übergabe des Ringes in der Komödie am Kurfürstendamm statt. Und im Folgenden schreibt Ilja Richter, was ihm Curt Goetz bedeutet. lat

Der Ring des lieben Jungen wird es vielleicht heißen, wenn ich, dank Nicole Heesters, ab dem 12. Dezember 2005, die Ehre habe, den Curt Goetz-Ring zu tragen. Und wieso „lieber Junge“? Weil ich für ein bestimmtes theaterfernes Klientel die ewige Jugend gepachtet habe. Trotz meines nun schon seit über 40 Jahren anhaltenden Bühnenpraktikums – von Schiller bis Schöller – egal: Der klassische TV-Konserven-Konsument mag keine Klassiker, nur Disco und die Folgen, und Gert Voss ist ihm fremd.

Aber mich kennt er! So trage ich demnächst den Curt-Goetz-Ring mit der Bürde ewiger Jugend. Und wehe, ich enttäusche die nostalgische Kundschaft!

Wie sagte die alte verschrumpelte Dame neulich auf einem Bahnhof zu ihrem zahnlosen Vis-à-vis mit Kapotthut: „Kuck mal, der Richter ist aber alt geworden!“ Werde ich nun nach der Verleihung den Ring am Finger tragen? Am besten hin und her wedelnd, als funkelnden Ablenkungsakt gegen das Altern? Ich glaube nicht. Der Lagerfeld trägt doch auch nicht den ganzen Tag seinen goldenen Bambi vor sich her.

Ich schaue mir übrigens Verleihungen im Fernsehen immer seltener an; geh’ auch kaum noch da hin. Immer dasselbe: Die, die lieber schweigen sollten. führen per Teleprompter durch’s Programm, und die Gekürten verstottern sich prompt per Tele. Das ist TV-normal. Schauspieler brauchen gute Autoren. Das war schon immer so. Aber noch nie waren so viele im täglichen Leben nicht sendefähig. So tarnt man mit schrillen Tönen menschliche Unsicherheit.

Curt Goetz war ein Meister des leisen, geschliffenen Dialogs. Vielleicht wird er deshalb heute so selten gespielt. Man stelle sich vor: Ein Privatsender wärmt demnächst Curt Goetzens Erfolgsstücke auf – „Hokuspokus“ oder „Dr. med. Hiob Praetorius“. Wer bitte sollte das denn heute sprechen und die vielsagenden Pausen gekonnt setzen – zu kostbarster Sendezeit? Unsere Staatstheater hätten durchaus die Leute dafür, sind sich aber zu schade für Goetz. Und die Privattheater machen jetzt „Comedy“. Und ich mach mich schon mal auf den Weg zur Komödie – weit über den 12. Dezember und Ku’damm hinaus. Zu dieser Preisverleihung muss ich. Will ich! Als der Geehrte darf ich den Ring sowieso nur fünf Jahre behalten. Dann gebe ich ihn weiter. Liebevoll. Das ist ja gerade das Schöne!

„Was Du verschenkst, Momo, bleibt immer dein Eigen, was Du behälst, für immer verloren.“ Wer ist Momo?, fragen Sie sich sicher. Das ist ein kleiner, jüdischer Junge, der eigentlich Moses heißt und sich einen Moslem zum Vater erwählt; in dem Stück „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“. Ist das Stück von Curt Goetz? Nein, es ist von Eric-Emmanuel Schmitt, einem der zur Zeit meistgespieltesten Theaterschriftsteller. „Das war Curt Goetz auch mal …“, sagte der liebe Junge und stahl sich davon mit dem Ring … „Ist ja nur geliehen.“

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