Zeitung Heute : Illegal, aber nicht ganz egal

Der Tagesspiegel

Von Henning Kraudzun

Sony-Music mit ihren Labels ist schon da, Universal steht in den Startlöchern–Berlins Politiker träumen von einer Hauptstadt der Musikindustrie. Um die Szene so lebendig wie möglich zu halten, werden jetzt aus ehemaligen Radiopiraten interessante Gesprächspartner. Twen FM, der illegale Sender, war in ihren Augen einmal ein kriminelles Gebilde. Der „gesetzeslose“ Piratenkanal rappelte sich über drei Jahre wie ein Stehaufmännchen immer wieder hoch, getragen von der Sympathie kleiner, lokaler Musiklabels und der DJ- Szene. Nunmehr rufen die Politiker, wie zum Beispiel der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Frank Zimmermann, sogar bei Twen FM-Gründer Sascha Benedetti an, um sich mit ihm zu treffen.

Twen FM ging erstmals im Februar 1999 in der östlichen City auf Sendung. Begonnen hatte alles in einer kleinen Wohnung in der Torstraße, mit Partyaufnahmen aus der Konserve. Wenige Wochen später zog das Piratenradio in ein Studio in der Ackerstraße um, dort legten die DJs dann schon live auf. Als Plattform für elektronische Musik von House über Hip Hop bis hin zu Drum ’n’ Bass wurde die Station schnell zum Insider-Tipp. In einem Umkreis von drei Kilometern konnte Twen FM empfangen werden - für einen größeren Radius reichte die erste Sendeanlage noch nicht.

Aus der Improvisation wurde bald ein professionelles Programm mit mehreren Stunden Musik vom Plattenteller. Es gab feste Sendezeiten für die Stamm- DJs, die anderen brannten geradezu darauf, einmal bei Twen FM aufzulegen. Über Sponsoren und Benefiz- Partys wurde ein Großteil der Ausgaben finanziert. Das Geld reichte bald auch für eine bessere Sendeanlage. Monatelang machte Twen FM jede Nacht Programm.

„Bis eines Tages die Telekom vor der Tür stand“, erzählt Benedetti, da war’s aus. Doch das DJ-Radio schaffte es auch danach immer wieder, auf Sendung zu gehen, trotz polizeilicher Maßnahmen. „Dabei haben wir einfach nur unsere Musik ausgestrahlt, die viele Leute begeisterte.“ Für ihn war nach einer Polizeiaktion im März 2000 ein Tiefpunkt erreicht, die Arbeit mehrerer Monate zunichte.

Kurze Zeit später fanden Benedetti und seine Mitstreiter neue Motivation. Ihr Piratenradio versuchte es als Broadcaster im Internet. Der Zuspruch war enorm, große Labels fragten wegen einer Zusammenarbeit an. Das damit verdiente Geld steckte er in sein DJ-Radio. Zudem konnte Twen FM auf dem Offenen Kanal eine Show machen. Auf das Hoch folgte jedoch prompt wieder ein langes Tief - das Ende der Goldgräberstimmung im Internet traf auch den Radiosender. Letztlich startete Twen FM im vergangenen Herbst auf der alten UKW-Frequenz 95,1 MHz wieder einen Anlauf, bis zwei Einsätze der Polizei das Programm stoppten.

Jetzt hat es Benedetti abermals geschafft, die Idee vom eigenen Radio auf finanziell stabile Füße zu stellen, dieses Mal als Produktionsfirma für große Musikkonzerne, Benedetti und die Seinen füllen die Webseiten von Bertelsmann und Warner mit Insider-Informationen. In einem Medienlabor in der Ziegelstraße, direkt neben dem letzten Standort des WMF, hat Twen FM jetzt Büroräume gemietet und liefert für Online-Anbieter die Inhalte: „Jetzt wird es im Internet endlich möglich, DJ-Sets ohne Ruckeln zu übertragen“, schwärmt er. Das World Wide Web soll nicht die Heimat des Senders werden.

Irgendwann will Benedetti einen legalen DJ-Kanal im Äther etablieren. Denn: „Die Stadt schmückt sich mit der Clubszene“, im Radio komme die jedoch nicht vor.

Das Piratenradio im Internet:

www.twen-fm.de

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