Zeitung Heute : Illegale Einwanderer: Grenzenlos gefährlich

Armin Lehmann

Arturo schwitzt. Es ist heiß in dem schwach beleuchteten Raum. Die Farbe des schmuddligen Teppichs ist nicht mehr zu erkennen. Ein süßlicher Geruch hängt in der Luft. Arturo ist nicht sehr groß, eher rund gebaut. Sein Hemd sitzt akkurat, er trägt die Blue Jeans hauteng, die braunen Halbstiefel sind gut geputzt. Er sieht aus wie ein texanischer Westernheld. Doch Arturo ist Mexikaner. Seit über 20 Jahren lebt er in Texas. Heute soll er 50 Landsleuten erklären, wie sie gute Texaner werden oder zumindest so aussehen. Und wie sie es zu etwas bringen. Er sagt: "Ich habe mir geschworen, dass ich nicht mit leeren Händen nach Mexiko zurückkehren werde."

Die Männer sind zwischen 20 und 60 Jahre alt und sitzen auf altersschwachen Klappstühlen vor ihren Tischpulten im tristen Konferenzsaal des "La Quinta Inn", einem Motel, an einer der großen Autobahnen in Dallas gelegen. Sie sind erst kürzlich illegal aus Mexiko gekommen. Manche reden, andere starren stumm geradeaus. Einige kritzeln Notizen auf lose Zettel. Vorne steht ein schwarzer Amerikaner vor einer grünen Wandtafel. "Willkommen in Texas", ist dort in englischer und spanischer Sprache zu lesen. "Ich bin hier, um euch zu helfen", sagt er und schreibt den Namen seiner Baufirma an die Tafel.

Der 39-jährige Arturo ist oft dabei, wenn die Neuen hier begrüßt werden, um "sich nützlich zu machen". Niemand im Hotel schert sich darum, dass die Männer keine Aufenthaltsgenehmigung haben, schließlich leben so laut Demographen zehn Millionen Menschen in Amerika, Tendenz steigend. Auch Arturo besitzt keinen amerikanischen Pass. Theoretisch könnte er jeden Tag des Landes verwiesen werden.

Das mexikanische Konsulat in Dallas ist Mitorganisator dieses "Lehrgangs für Bauarbeiter", wie die Veranstaltung offiziell heißt. Die Baufirmen rekrutieren hier einen Teil ihrer Arbeiter. Es sind billige Arbeitskräfte und "sehr gute", wie ein Firmenvertreter verrät. Und da die Baubranche boomt und gute Arbeiter rar sind, gehen die Firmen das Risiko ein, Schwarzarbeiter einzustellen.

150 000 illegale mexikanische und 420 000 illegale Einwanderer insgesamt kommen jährlich in die USA - und bleiben. Die große Mehrheit geht nach Kalifornien oder Texas. Gleichzeitig werden laut Statistiken des Washingtoner Instituts für Immigrationsstudien (Cis) rund eine Million Menschen an der Grenze von der "border police" abgehalten einzureisen.

Eine weltweit einzigartige Grenze

Die Zahlen sind dramatisch. Allein in Texas werden nach Angaben des dortigen Statistischen Landesamtes im Jahr 2025 rund 14 Millionen Latinos gegenüber zwölf Millionen Weißen leben. In Kalifornien sind schon heute ein Viertel der Einwohner Immigranten, die im letzten Jahrzehnt eingewandert sind. Die Mexikaner brechen alle Rekorde. Von allen Einwanderungsgruppen stellen sie die meisten Illegalen, die meisten Armen, die meisten ohne Krankenversicherung. Im Süden der Vereinigten Staaten, so sieht es der Harvard-Professor Samuel P. Huntington, schreite die Mexikanisierung der amerikanischen Kultur und Gesellschaft unaufhaltbar voran.

Über 3000 Kilometer zieht sich die mexikanisch-amerikanische Grenze entlang der vier Bundesstaaten Kalifornien, Arizona, New Mexiko und Texas. Diese Grenze ist einzigartig, weil es nirgendwo auf der Welt eine vergleichbare gibt zwischen zwei Ländern der Ersten und der Dritten Welt. Nirgendwo auf der Welt ist der Einkommensunterschied so groß wie hier. Der Hauptgrund, Mexiko zu verlassen, ist der Traum, in den USA mehr zu verdienen. Tausende träumen ihn, genauso wie einst Arturo.

Als Arturo seine Geschichte im "La Quinta Inn" erzählt, kehrt Ruhe ein. Viele stehen um ihn herum und hören zu. Arturo sagt: "Die ganz Armen schaffen es nicht in die USA, denn sie können sich die Flucht nicht leisten." Er gehört nicht zu ihnen, als er 1979, mit 18 Jahren, beschließt zu gehen. Er hat gerade geheiratet; seine Frau Carmen ist so alt wie er. Er zahlt 1300 Dollar, damit ihn Fluchthelfer über die Grenze bringen. Es gibt nur vier Möglichkeiten: versteckt in einem Güterzug, auf dem Dach eines Güterzugs, versteckt in einem Lastwagen oder zu Fuß. Arturos Zuhörer nicken.

Gefährlich sind alle vier Varianten. Arturo und Carmen entscheiden sich fürs Laufen. "Tagelang waren wir unterwegs", erinnert er sich. Sie marschieren in Richtung mexikanisch-texanische Grenze, nach Nuevo Laredo. Auf texanischer Seite heißt die Stadt Laredo; sie gehörte einst zu Mexiko. In der Nähe schwimmen Arturo und Carmen über den Rio Grande, den Grenzfluss. Es ist heiß, "über 40 Grad", sagt Arturo. Das ist für Texas keine Seltenheit. Von Laredo bis nach San Antonio, der nächsten großen Stadt, sind es knapp 250 Kilometer. Dallas wird erst später ihr Zuhause werden. Zunächst aber sind sie in San Antonio sicher, denn dort wartet eine Tante. Das Paar wird nicht geschnappt. Carmen ist schwanger, und so bringt sie ihr erstes Kind in Texas zur Welt. Es ist ein amerikanisches Kind. Denn wer in den USA geboren wird, ist automatisch amerikanischer Staatsbürger. Die Eltern sind stolz darauf.

Laredo im Jahr 2001. Es stinkt. Eine dichte Wolke von Abgasen hat sich in der Luft festgesetzt. Laredo ist eine hässliche, kleine Stadt. Auch im Winter ist es hier heiß. In den Geschäften, bei der Bank, der Post, der Feuerwehr, der Polizei und im Gericht sprechen die Menschen Spanisch oder Tex-Mex, eine Art Mischdialekt zwischen beiden Sprachen. Laredo ist - zumindest tagsüber - fest in mexikanischer Hand. Bis 1836 gehörte die Stadt zum spanischen Reich und zu Mexiko, später zum unabhängigen Texas und schließlich zu den Vereinigten Staaten. Im Stadtkern steht wie sonst in lateinamerikanischen Städten eine Kirche. Das Zentrum ist ein einziger großer Basar, die Menschen strömen in unzählige Geschäfte, die nach keinem erkennbaren System angeordnet sind. Die Stadt ist ein einziger Warenumschlagplatz - mit Sonderstatus für mexikanische Händler und Verkäufer aus Nuevo Laredo am anderen Ende der Grenzbrücke. Am Abend müssen die mexikanischen Händler und Verkäufer wieder zurück über die Brücke. Ihr Stempel im Pass gilt nur für die Grenzregion.

Die Nacht ist hell

Kurz vor 17 Uhr beginnt das große Einpacken. Frauen und Kinder verstauen ihre Ware in Kisten, Tüten und riesigen Taschen. Wie auf Kommando leeren sich die Geschäfte, Laredo wirkt wie ausgestorben. Nur auf der Brücke herrscht Leben, eine scheinbar endlose Menschenschlange bewegt sich 1500 Meter über Asphalt und Metall zurück in das mittelamerikanische Land. Auf der einen Seite laufen Hunderte Menschen nach Mexiko, auf der anderen Seite ein paar Touristen und wenige Geschäftsleute mit Texashüten in die Vereinigten Staaten. In der Mitte fahren die Autos.

Es wird Nacht. Die ersten Grenzscheinwerfer strahlen hell auf und verhindern, dass es richtig dunkel werden kann. Das Licht auf der mexikanischen Seite ist gelb und dezent. Auf der amerikanischen sticht der weiße Kegel eines Suchscheinwerfers grell in den Abendhimmel. Der Rio Grande liegt still unter der Brücke. Er trägt eine graue Farbe, undurchsichtig und trübe. An manchen Stellen ist der Fluss nur zwanzig Meter breit, zwanzig Meter, die Mexiko und die USA voneinander trennen. Rechts und links der Brücke liegt weitläufiges Brachland. Vögel zwitschern, die Menschen sprechen nicht viel. Nur die Kommandos der Grenzer sind zu hören. Im dichten Schilf am Fluss raschelt es. Doch Illegale werden es so nah am Grenzübergang nicht sein, denn die "border control" hat in den letzten Jahren hier kaum noch jemanden unbemerkt die Grenze passieren lassen. Ein Helikopter steigt auf. Einige Meilen entfernt passiert ein Güterzug die Schienenbrücke; vielleicht sitzen blinde Passagiere darin, vielleicht versucht in der Ferne ein Trupp, über die grüne Grenze zu gelangen.

Daniel Hernandez Joseph kennt diese Grenze nur zu gut. Hernandez ist mexikanischer Konsul in Laredo. Er ist groß und schlank. Seine Augen sind dunkel wie sein schwarzes Haar, er trägt einen gepflegten Vollbart. Er ist ein bescheidener Mann, der seine Bildung nicht zur Schau stellen muss. Er hat in Frankreich studiert, spricht auch ein paar Sätze Deutsch. Er arbeitet seit 18 Jahren in diesem Grenzort und ist Experte für Einwanderung. Hernandez hat darüber Bücher geschrieben, Artikel verfasst, und eine amerikanisch-mexikanische Arbeitsgruppe auf Regierungsebene geleitet.

Wer nicht schwimmen kann, ertrinkt

Der Konsul kennt Hunderte von Flüchtlingsgeschichten. Es sind Geschichten der sozialen Isolation und der Alltagskämpfe von Immigranten in den USA. Geschichten von gescheiterten Fluchten, von toten Kindern und schwangeren Frauen, die die Flucht nicht überlebt haben. "Sie sind tagelang gelaufen, doch die Fluchthelfer haben ihnen nicht gesagt, dass sie zum Schluss auch noch schwimmen müssen. Viele können nicht schwimmen. Sie ertrinken", sagt Hernandez. Er und seine Leute müssen dann versuchen, die Leichen zu identifizieren. "Und schließlich müssen wir die Verwandten benachrichtigen." Nur eines dürfe er nicht: "Die US-Behörden kritisieren."

Heute, weiß Hernandez, sterben mehr Flüchtlinge als früher, weil sie ein immer höheres Risiko eingehen. Früher habe ein Transfer etwa 200 bis 300 Dollar gekostet. Doch die Preise sind mit den Anforderungen gestiegen. Heute kann man so genannte Fluchttickets kaufen, ähnlich wie im Reisebüro. "Für 3000 Dollar kaufen sie zehn Versuche, die Grenze zu überqueren", sagt er. Dabei müssen je nach Grenzort ganz unterschiedliche Barrieren und Hindernisse überquert werden, die die USA seit 1992 errichtet haben, um eine illegale Einreise zu verhindern. In manchen Grenzregionen stehen nun alle hundert Meter Wachtürme, andere Orte haben Metallwände aufgestellt. Die Grenzsoldaten setzen Infrarotkameras ein und Scheinwerfer, in den Böden stecken Sensoren, die auf menschliche Wärme oder auf Bewegung reagieren. Doch die Zahl der Immigranten ist nicht gesunken. Nun, sagt Hernandez, blieben viele Illegale dauerhaft in den USA, weil ein zweiter Versuch zu gefährlich sei. Früher seien viele gependelt und nach einer Weile wieder in Mexiko gelandet.

Die Nummer ist alles

Arturo ist in den USA geblieben. Doch bis heute schläft er unruhig. Zwar muss er sich nicht mehr so quälen wie früher, um Geld zu verdienen, doch ohne Pass und ständige Aufenthaltsgenehmigung könnte jeder Tag Arturos letzter in den USA sein. Seine amerikanischen Kinder können ihn nicht schützen, die Vereinigten Staaten schieben auch Illegale ab, deren Kinder in den USA geboren sind. Allerdings kommt das in Texas nur äußerst selten vor. Deshalb ist Arturo überzeugt: "Wenn du dich integrieren willst, dann wird dir auch geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar."

Arturo hat sich hochgearbeitet. Er hat seit einigen Jahren eine Arbeitserlaubnis auf Zeit, die ständig verlängert werden muss. Nach der Geburt der ersten Tochter mussten er und seine Frau sich ein Zimmer mit acht Leuten teilen, "für zwei Dollar habe ich Hühnerställe gebaut". Später hat er auf dem Bau angefangen. Dafür musste er sich eine Sozialversicherungsnummer besorgen, die in den USA heute so wichtig ist wie ein Pass. "Auf dem Schwarzmarkt kann man sie sich kaufen", erzählt er.

Viele der neuen Immigranten, die im Konferenzsaal sitzen, werden in den nächsten Tagen losgehen und versuchen, eine solche Nummer zu ergattern. Es gibt genügend Dealer, die mit den Nummern von Toten handeln. Wer die Nummer und den dazugehörigen Namen hat, der kann sich ein Bankkonto eröffnen, eine Kreditkarte erstehen, ein Auto kaufen, Arbeit suchen, sein Kind einschulen lassen. Legal muss er deswegen nicht sein. Nur clever.

Aus dem einen Zimmer ist für Arturo ein kleines Häuschen im Nordosten von Dallas geworden. Die zwei jüngeren Kinder gehen zur Schule. Heute verdient er 50 000 Dollar im Jahr, das sind 4000 Dollar mehr als der statistische Durchschnittsverdiener. Dafür hat Arturo einst sein Leben riskiert, er ist durch Flüsse geschwommen und hat für einen Hungerlohn geschuftet. Er ist kein amerikanischer Staatsbürger, aber er fühlt sich "als Amerikaner." Nur was das bedeutet, kann Arturo nach all den Jahren noch immer nicht erklären.

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