Ilse Aigner : Berufsbild: Bodenhaftung

Sie muss für die Bauern da sein – und gleichzeitig für deren Kunden. „Bestens vereinbar“, sagt Ilse Aigner, seit November Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Von Interessenkonflikten sagt sie nichts.

Rainer Woratschka[Feldkirchen Bayern]
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Herausforderung Grüne Woche. Ilse Aigner absolviert ihr Initiationsritual: den Rundgang über die weltgrößte Agrarmesse in Berlin....

Die Weißwurst ist noch nicht aufgegessen, da wird die Frau im Dirndl plötzlich ganz ernst. Was sie gar nicht möge, sagt Ilse Aigner, seien Klischees.

Es ist gemütlich hier drinnen, im Nebenraum der Feldkirchener Mangfallhal le. Und grad’ so, wie man es sich vorstellt im Heimatort einer Agrarministerin aus Bayern: Hackbrett-Musik, auf den Tischen Weißbier und Schnittchen mit O’batztem, die Männer ein wenig förmlich in ihren Trachtenjankern, die Frauen plaudernd, resolut, mit geröteten Wangen. Ein kalter, klarer Sonntagmorgen im Januar. Der Bürgermeister der 10 000-Einwohner-Gemein de hat zum Neujahrsempfang geladen. Drau ßen glitzert der festgefrorene Schnee, über der nahen Alpen-Silhouette strahlt die Sonne kraftvoll in den weißblauen Himmel.

Sie mag es nicht, wenn Klischees verbreitet werden, sagt Ilse Aigner. Und schon gar nicht, wenn es ihre Klientel betrifft. „Bauer sucht Frau“ ist für sie so ein Beispiel, die RTL-Heiratsvermittlung mit den manchmal singend und meist ein wenig schrullig daherkommenden Hofbetreibern. Landwirtschaft auf lächerlich. Da ärgert sie sich. Da guckt sie lieber einen James Bond. Oder einen Krimi. Landwirte seien vor allem Unternehmer, die ihre Betriebe verantwortungsvoll führen müss ten. Und Landfrauen? Die Ministerin lächelt wieder. „Bewundernswerte Managerinnen.“ Aber eigentlich gebe es sie gar nicht in solch platter Verallgemeinerung: den Bauern, den Arzt, den Rechtsanwalt. Und den Politiker.

Klischees sind überkommene, eingefahrene Vorstellungen – die dummerweise manchmal trotzdem der Wirklichkeit nahekommen. Womöglich hat auch Aigners politische Karriere viel damit zu tun, dass sie den Klischees von einer CSU-Politikerin perfekt zu entsprechen scheint. Und dann doch wieder nicht. Brav, verlässlich, aber auch ein bisschen frech. Das ist die Mischung, die der CSU seit jeher gut bekommt. Und die, in härter gewordenen Zeiten wie diesen, eine Provinzpolitikerin ganz schnell hinaufbefördern kann. Wenn ein Parteichef den Platz freimacht, sogar bis an die Spitze des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Anpassung und vorsichtige Rebellion. Und dann noch die beiden aktuell wichtigsten Attribute. Jung. Und weiblich.

Auf ihrer Internetseite behauptet die 44-Jährige, dass sie – als gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin – „so manchem aufs Dach steigen musste. Das hat sich bis heute nicht geändert.“ Kein Abitur, stattdessen ein Männerberuf. Power-Sportlerin, auf Rad, Skiern, Rollschuhen. Nicht Ehefrau, nicht Mutter. Und um flotte Sprüche nie verlegen. Den Bahnchef etwa hat sie in munterer Politikerrunde in „Barney“ umgetauft, den kleinen Stämmigen aus der Zeichentrickserie „Die Familie Feuerstein“. Ein Spitzname, den Hartmut Mehdorn nicht mehr loswurde.

Andererseits sieht alles doch sehr glatt aus. Junge Union mit 19, Gemeinderat, jede Menge Vereinsmeierei. Mit 29 schon Landtagsabgeordnete, mit 33 im Bundestag. Die CSU war immer Staatspartei im Freistaat, und in Aigners wohlhabendem Wahlkreis besonders. Starnberg, Bad Tölz, Miesbach. Bayerns Vorzeigeecke.

Die Taktik des neuen Parteichefs jedenfalls scheint klar. Bei zwei Wählergruppen war die CSU im Herbst besonders eingebrochen: bei den Bauern und den jungen Frauen. Was also lag näher für Horst Seehofer, als eine Nachwuchspolitikerin in das ihm wohlvertraute Amt zu bringen, die gleich dreierlei zu können versprach: die Riege der CSU-Mächtigen zu verjüngen und zu verweiblichen, qua Herkunft und Mentalität den Bauern zu gefallen und vielleicht auch noch die Anwältin für die an Ernährungsfragen besonders interessierten jungen Mütter zu geben?

Bei einer Gruppe ging das Kalkül gleich auf. Der Bauernverband hat das jüngste Mitglied im Merkel-Kabinett eilends mit Vorschusslorbeeren behängt. Auch wenn ihr Präsident jetzt schimpft, dass man seine Landwirte beim Konjunkturpaket übergangen habe. Aigner sei mit der Branche zumindest vertraut. „Sie weiß, wo bei den Bauern der Schuh drückt.“ Und Gerd Sonnleitner ist sich sicher: „Solche Reibereien“ wie mit Aigners Vorvorgängerin, der grünen Großstadtpflanze Renate Künast, werde es nicht geben.

Das könnte nun auch so ein Klischee sein. Aber Aigner, die sonst so Schlagfertige, sagt darauf nicht das, was sie eigentlich sagen müsste: dass sie auch wisse, wo die Verbraucher der Schuh drückt. Lieber erzählt sie, dass sie sich als Kind natürlich auch in Kuhställen herumgetrieben habe. Das klingt nicht nur nach einer gewissen Einseitigkeit im Doppelministerium. Es klingt auch nach Selbstrechtfertigung vor gestrengen Bauernlobbyisten. Schließlich arbeitete Aigner, bevor sie Abgeordnete wurde, ganz woanders: in der Hubschrauberentwicklung. Auch politisch hatte sie, außer im Haushaltsausschuss, mit Agrarproblemen nicht viel zu tun. Sie war Fraktionssprecherin für Bildung und Forschung.

Sie fühle sich aber „sehr wohl“ in ihrem Job, beteuert Aigner. Und besser aufgehoben allemal als im Amt der Generalsekretärin, für das sie ja auch schon gehandelt wurde. Damals, beim Antritt des ehemaligen CSU-Chefs Erwin Huber. Den Posten bekam dann die zwei Jahre ältere Christine Haderthauer. Nach der vergeigten Wahl war sie ihn wieder los. Die Jüngere hat Glück gehabt, das CSU-Desaster hätte auch sie nicht verhindern können. Jetzt ist der Generalsekretär wieder männlich.

Eignen sich Frauen womöglich schlechter für solche Kampfposten, weil sie harmonieorientierter sind? Aigners Blick sagt alles: eine ganz schlechte Frage. Zu pauschal, viel zu klischeelastig. Beantworten kann sie die nur ganz persönlich. Und zwar in dem Sinne, dass ihr das in solchem Amt nötige „Attackieren“ wohl tatsächlich nicht so liegt. Eher gehe es ihr darum, etwas zu erreichen für die Bürger. Mit Offenheit, menschlichem Umgang miteinander, auch über Parteigrenzen hinweg.

Ein männlicher Karrierist würde so was kaum sagen. Aber dafür lieben sie „die Ilse“, zu Hause, in ihrer Voralpengemeinde. Auch als Ministerin sei sie die Alte geblieben, sagt Bürgermeister Bernhard Schweiger, der sie aus Kindertagen kennt. „Nichts Aufgesetztes, keine großen Töne.“ Aber man dürfe sich auch nicht täuschen in ihr, sie nicht unterschätzen. Mächtig stolz ist er auf seine Bürgerin, und das sagt er auch, gleich mehrmals, bei diesem Empfang, dem ersten mit der frisch ernannten Ministerin. Er ist ganz aufgeregt bei aller Vertrautheit und weiß gar nicht, wohin mit seinen Händen.

Es ist ein Stolz gepaart mit Besorgtheit. Sie solle sich bloß nicht verbiegen lassen, hört Ilse Aigner an diesem Morgen immer wieder, menschlich bleiben, lustig. Und bayerisch. „Tapfer, tapfer“, murmelt ein Väterchen beim Händeschütteln. Die Ministerin macht lächelnd die Runde. Groß wirkt sie, charmant, sich selbst und ihr Heimspiel genießend. Und sie springt zwischen den Rollen. Dame den einen, Kumpel von früher den andern.

Ins Goldene Buch der Gemeinde hat sie einen Wunsch geschrieben: sich von hier immer die nötige Kraft holen zu dürfen.

Vielleicht dachte sie da ja schon an ihre nächste Herausforderung: die Grüne Woche in Berlin. Die Messe ist nicht nur die weltgrößte Selbstpräsentation der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie ist auch der Initiationsritus für neue Minister. Beim traditionellen Rundgang mit Regierendem Bürgermeister und Bauernpräsidenten müssen sie stunden- und kilometerlang ins Gewühle und Rampenlicht.

1600 Aussteller aus 56 Ländern. Küsschen hier, Kostproben da, Kameras überall. Und es warten nicht weniger als 16 ausländische Amtskollegen. Doch die Ministerin steckt die Premiere weg wie eine sportliche Herausforderung. Leutselig, selbstbewusst, frisch auch noch nach stundenlangem Schaulauf. Im Dirndl wieder, denn darin fühlt sie sich wohl. Weiße Bluse, dunkelgrüner Rock. Klaus Wowereit fand das „sehr geschmackvoll“. Auch mit Wladimir Putin, dem russischen Premier, hat sie gekonnt. Und hinterdrein noch der Weltagrargipfel im Schloss Charlottenburg, mit Abschlusserklärung zum Kampf gegen den Hunger und Bekenntnis zu fairem Handel.

Nein, schlimmer als in Brüssel war das auch nicht. Damals im November, Aigner war noch keine drei Wochen im Amt, hatte sie dort in nächtlichem Verhandlungsmarathon die wichtigste Agrarreform der kommenden Jahre auszufechten. Milchquote, EU-Subventionen. Die Medien schrieben von Härtetest und Feuertaufe, und im Ministerium bewunderten sie hernach die Kondition der Neuen. Man sei nicht ins Hotelbett gekommen, erinnert sich einer. Und zurück in Berlin habe sich „die ganze Mannschaft erst mal krank gemeldet“. Nur eine sei danach immer noch topfit gewesen: die Ministerin.

Aigner, die Tüchtige. Die Ausdauernde. Die vor Energie strotzende.

Ob sie überhaupt melken könne, ist sie vor der Grünen Woche gefragt worden. Notfalls hätte sie das auch noch geschafft, gab sie zurück. Aber von einer Gesundheitsministerin verlange auch keiner, dass sie operieren könne.

Was muss eine Agrar- und Verbraucherministerin können, was muss sie wissen? „Wer hier geboren ist, weiß, dass Kühe nicht lila sind“, sagt ihr Jugendfreund Schweiger. Doch ein Bauerndorf ist auch Aigners Heimatgemeinde schon lange nicht mehr. Der Bürgermeister ist stolz auf den Gewerbepark, auf weltbekannte Firmen. Hochfrequenzprodukte, Kunststoffe. Die örtliche Molkerei fiel dem Strukturwandel zum Opfer. Und die Landwirte? „Die einen geben auf, die andern stellen sich der Herausforderung.“ Einen Teil hat auch die Gemeinde unter Vertrag – für Winterdienst und Grünpflege.

Es bröckelt in der Branche, selbst in den Vorzeigegegenden. Im Ausverkauf für Touristen und Bauwillige aus dem nahen München droht vieles preisgegeben zu werden. Und auf der Fahrt zum Wahlkreisauftritt in Miesbach kann die Ministerin die Plakate lesen. Dass man „faire Milchpreise“ brauche, steht an den Höfen. Und dass man ohne Gentechnik arbeiten wolle. Arbeiten müsse. Bei allem anderen machten die Verbraucher nicht mit.

Ach ja, die Verbraucher. „Bauern finden Frau“, hatten einige Zeitungen bei Aigners Ernennung im November getitelt. Das war witzig. Aber auch irgendwie bezeichnend. Denn die andern, für die sich die Ministerin auch noch und gleichermaßen stark machen soll, die passten leider nicht ins Sprachspiel.

Dass sie auch und immer noch nicht wirklich hineinpassen ins klassische Bauernlobby-Ressort, ist eine Mutmaßung, die Aigner sehr ungern hört. Beides sei „bestens vereinbar“, beharrt sie. Es klingt trotzig. Klar sei doch: Der Landwirt brauche den Verbraucher. Und der wiederum müsse „Interesse an einer guten Ernährungsbasis haben“. Etwa daran, dass man sich im Agrarsektor nicht zu abhängig machen dürfe von anderen Ländern.

Wenn’s dem Bauer gut geht, profitiert auch der Verbraucher. Von Ernährungsindustrie kein Wort. Von Interessenkonflikten auch nicht. Aber die einen wollen Geld verdienen, die anderen wollen hochwertige und günstige Produkte. Strukturell, klagen Verbraucherschützer, sei der Ressortzuschnitt natürlich ein Problem. Aigners Vorgänger Seehofer habe „teilweise wortgleiche Formulierungen wie der Bauernverband benutzt“, erinnert sich Foodwatch-Vize Matthias Wolfschmidt. Ob verbindlich gekennzeichnete Lebensmittel oder Gentechnik auf dem Acker: Bisher sei Verbraucherschutz kein Ruhmesblatt der Koalition.

Hier ließe sich für die neue Ministerin ein Klischee ganz wunderbar und wählerwirksam abräumen: das von der CSU als Vertreterin purer Landwirtschaftsinteressen. Mehr Verbraucherschutz: Das ginge auch im Dirndl.

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