Zeitung Heute : Im 18. Kamel

Der Tagesspiegel

WO IST GOTT?

Gott gehört für mich zur Wirklichkeit. Vielleicht müsste man sogar sagen, Gott ist die Wirklichkeit, denn Jahwe stellt den "Seinsbezug" im Alten Testament selbst her, indem er von sich sagt: Ich bin, der ich bin.

Aber was kann der moderne Mensch in einem säkularisierten Umfeld mit solch einer Aussage praktisch anfangen: Gott ist überall und damit nirgends?

Von Heinz von Foerster, dem kalifornischen Philosophen Wiener Herkunft, stammt die Geschichte von dem 18. Kamel:

Ein Mullah reitet durch die Wüste. Er sieht in der Ferne eine Gruppe junger Menschen, die sehr traurig sind. Sie sagen, ihr Vater sei verstorben. Allah möge sie beschützen. Der Mullah sagt: Er hat euch doch aber sicher etwas hinterlassen. Ja, sagen sie, 17 Kamele. Aber das Problem sei, dass sie aufgeteilt werden müssen nach einem Muster, und das funktioniere nicht.

Nämlich die Hälfte des Besitzes bekomme der älteste Bruder, der jüngere ein Drittel und der jüngste ein Neuntel. Und mit 17 Kamelen sei das völlig unmöglich. Der Mullah, sah darin kein Problem und sagte: Nehmt mein Kamel dazu, und wir wollen sehen, was passiert.

Von den 18 Kamelen bekam jetzt der älteste Bruder die Hälfte, also neun. Neun blieben noch übrig. Der mittlere Bruder bekam ein Drittel der 18 Kamele, also sechs. Und weil der jüngste Bruder demzufolge zwei Kamele bekommen sollte, blieb ein Kamel übrig. Es war das Kamel des Mullahs. Er stieg dann auf und ritt davon.

Für Heinz von Foerster, das zeigen schon die nicht-christlichen Akteure in seiner Geschichte, ging es bei dieser Erzählung nicht um Gott. Er meinte vielmehr, wie das 18. Kamel braucht man die Wirklichkeit als Krücke, die man wegwirft, wenn alles andere klar ist.

Es ist ja auch generell so: Wir konstruieren Wirklichkeit durch unser Denken und Wollen. Insofern ist der Vorwurf, Gott sei ebenfalls nur eine Konstruktion der Menschen nicht sonderlich beunruhigend. Doch könnte es nicht auch sein, dass Gott gerade das Stück Wirklichkeit in unserem Leben ausmacht, ohne das all die anderen Dinge nicht zu ordnen sind? Ohne Gott ist nichts klar. Wir könnten nur verzweifeln, angesichts der unlösbaren Aufgaben.

Ich hoffe, es wird mir nicht als Blasphemie ausgelegt, Gott mit dem 18. Kamel eines Mullahs in Verbindung zu bringen (denn schon eher als Beitrag zum interreligiösen Dialog). Aber wenn wir mit Gott rechnen in unserem Leben, können wir Herausforderungen bestehen, an denen wir sonst zu Grunde gingen. Wenn wir Gott in Anspruch nehmen, bleibt er doch am Ende „unverbraucht" übrig bleibt wie das 18. Kamel in der schönen Geschichte.

Und alle Söhne haben mehr bekommen, als der Vater ihnen zugedacht hatte.

Der Autor ist Mitglied der CDU und stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag.

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