Zeitung Heute : Im Abgang trocken

Christoph von Marschall[Washington]

Paul Wolfowitz gibt auf, Ende Juni tritt er von seinem Posten als Weltbank-Chef zurück. Was kommt auf seinen Nachfolger zu?


Zwei Jahre im Amt sind nicht viel, um eine gigantische Behörde wie die Weltbank mit zehntausenden Mitarbeitern und Entwicklungsprojekten in 130 Ländern zu verändern. Und doch hat Paul Wolfowitz in dieser Zeit die Weltbank geprägt, im Guten wie im Schlechten.

Natürlich, in diesen Tagen des unfreiwilligen Abgangs und der bitteren Gefühle, die sein uneinsichtiger Kampf ums Amt verstärkt hat, überwiegt die Kritik. Wolfowitz war 2005 mit der Irakhypothek ins Amt gekommen. Es ist ihm nie gelungen, das mächtige Direktorium und die Mitarbeiter auf seine Seite zu ziehen. Sein Führungsstil verstärkte den Unwillen. Er brachte Mitarbeiter aus der Bush- Regierung mit, schottete sich an der Spitze ab. Sein Vorgänger James Wolfensohn pflegte einen offeneren Umgang.

Wolfowitz’ starker Veränderungswille hatte jedoch auch etwas Ansteckendes. Idealistisch und erfolgshungrig, ungeduldig und ergebnisorientiert war er nicht bereit, sich mit den Umständen abzufinden, die die Arbeit der Weltbank lähmen: die verbreitete Korruption gerade in den Ländern, die Hilfe brauchen, die Bürokratie, die Ineffizienz. Afrika wollte er in den Mittelpunkt rücken. Da stand er nicht allein, das wollten auch Bono und Tony Blair. Es war ein gemeinsamer Ansatz.

Der andere Schwerpunkt war der Kampf gegen die Korruption. Mit Vehemenz trat er dafür ein, Worten Taten folgen zu lassen, Konsequenzen zu ziehen, Programme auch mal zu stoppen. Da scheute er keine Konflikte mit dem Direktorium oder den betroffenen Staaten. „Good governance“, gutes Regieren samt dem Einhalten der Regeln, sollte in der Praxis zur Bedingung für Weltbankhilfe werden. Auch deshalb musste er gehen. Das üppige Gehaltspaket, das seiner Freundin Schaha Riza den erzwungenen Abschied von ihrer Arbeit bei der Bank versüßen sollte, nahm seinem Einsatz gegen Korruption und für „Good governance“ die Glaubwürdigkeit.

Kaum vorangekommen ist er bei der Reform der Weltbank selbst und der Stimmrechte. Der Einfluss der Staaten richtet sich heute vor allem danach, wie viel Geld sie der Weltbank geben. Die Empfänger- und die Schwellenländer fordern mehr Mitsprache. Eigentlich sollen sie die auch bekommen. Bisher aber erstickt die Umstellung im Geschachere um Zehntelprozentpunkte Stimmanteile oder um Posten. Der Nachfolger hat also keine leichte Aufgabe: die geplante Reform umsetzen, die Gräben aus dem Streit um Wolfowitz überwinden und das Bemühen um „Good governance“ weiter voranzutreiben.

Das Vorschlagsrecht haben nach einer ungeschriebenen Regel die USA. Europa besetzt dafür die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), des direkten Nachbarn der Weltbank in Washingtons Finanzdistrikt. Dennoch wird Tony Blair, ein alter Freund George W. Bushs, als möglicher Nachfolger gehandelt. Wenn Wolfowitz Ende Juni geht, endet auch Blairs Amtszeit als Premier. Von Charisma und Einfluss her könnte Blair die Weltbank aus der Krise führen. Doch Bush sagte, er werde einen Amerikaner vorschlagen. Würde er die Regel brechen, wäre es mit dem Anspruch der USA auf das Amt vorbei.

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