Zeitung Heute : Im Auf und Ab der Gefühle

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Von Kurt Sagatz

Noch weiß niemand, ob es sich um eine Gedulds- oder eine Bewährungsprobe handelt, vor die das Internet in diesen Tagen gestellt wird. Erst schaltete der insolvente niederländische Leitungsanbieter KPN- Qwest am Mittwochabend sein europäisches Netz ohne Vorwarnung aus – und düpierte damit nicht zuletzt die deutsche Tochtergesellschaft, die just zu der Zeit Verhandlungen über den Verkauf und Weiterbetrieb der deutschen Teilnetze führte. Dann entschied man sich in Den Haag am Donnerstag wieder anders und fuhr das Netz wieder Stück für Stück hoch. Die deutschen Kunden reagierten entsprechend empört, schließlich waren auch sie zuvor nicht informiert worden. Immerhin besteht der Internet-Ring von KPNQwest aus sieben Teilnetzen, über die nach Expertenschätzungen zwischen einem Drittel und 50 Prozent des gesamten europäischen Internet-Verkehrs abgewickelt wird. So richtig kann niemand sagen, wie es mit dem angeschlagenen Carrier und seiner deutschen Tochter weitergehen wird.

Weltweit befinden sich die Internet-Carrier, die mit ihren großen Leitungsverbünden die nationalen und internationalen Netze am Laufen halten, in ihrer bislang größten Krise. Carrier 1 ist insolvent, auch bei Ision wird der Weiterbetrieb nur durch eine Insolvenzregelung aufrecht erhalten und gleiches gilt für Global Crossing. Hinzu kommen die Pleiten von KPNQwest und WorldCom. Sie alle sind überschuldet, doch bei allen läuft der Betrieb weiter. Denn nur so besteht die Hoffnung, entweder wieder zu gesunden oder aber zumindest verkauft werden zu können.

Der gewöhnliche Internet-Nutzer bekommt von alldem wenig mit. Selbst die Abschaltung großer Netze, wie dem von Ebone Anfang Juli, bleiben unbemerkt. Auch wenn bei KPNQwest endgültig der Stecker gezogen wird, dürften die Folgen für den normalen Surfer minimal bleiben, meinen Experten. Vor allem die Grundkonstruktion des Internets wird dafür sorgen, dass selbst beim Ausfall großer Teilnetze das Internet an sich weiter funktioniert. Dies war schließlich eine der Grundanforderungen, die seine Erfinder mit der dezentralen Struktur an das Web gestellt haben. Fallen Teilstrecken aus, laufen die Daten eben über andere Wege. Das Routen der Datenpakete über die möglichst effektivsten Leitungen gehört zum Tagesgeschäft der Carrier, die über große Austauschpunkte miteinander verbunden sind. „Man darf dies nicht einfach mit einer Autobahn und einem gewöhnlichen Stau vergleichen“, sagt Harald Summa vom Electonic Commerce Forum, das das deutsche Datendrehkreuz De-Cix beteibt. Bereits im laufenden Betrieb ist das Netz so ausgelegt, dass zu jeder Route auch eine Alternative besteht.

Direkt betroffen sind jedoch alle Kunden, größtenteils Firmen, die über Leitungen von KPNQwest fest an das Internet angebunden sind. Falls sie sich nicht schon vorher mit einer Doppel-Provider-Strategie auf mögliche Ausfälle vorbereitet hatten, müssen sie nun schnell nach einem alternativen Anbieter Ausschau halten.

Ausgelöst wurde die Krise vor allem dadurch, dass bei den Kalkulationen über den zukünftigen Bedarf nach Internet-Leitungen der technische Fortschritt nicht richtig beurteilt wurde. So lassen sich durch die gleichen Leitungen inzwischen zehnmal mehr Daten transportieren, während die Nachfrage eher moderat wächst. Von einer jährlichen Verdopplung des Internet-Verkehrs redet niemand mehr, allenfalls wächst die Nachfrage im zweistelligen Bereich. Ganze sieben Prozent der verfügbaren Netzkapazitäten werden derzeit tatsächlich benötigt, so Summa.

Die schlimmsten Auswüchse der Marktbereinigung auf dem Carrier-Markt sind nach Summas Einschätzung dennoch abgeschlossen. Die jetzt noch am Markt operierenden Unternehmen hätten gute Chancen, den Weiterbetrieb sicherzustellen. Allerdings werde sich die Konzentration weiter fortsetzen, mit der Folge zunehmender Oligopole. So sei die Telekom in Deutschland allem Wettbewerb zum Trotz nach wie vor der größte Anbieter. Dies wiederum bleibt nicht ohne Folgen. So rechnet Summa zwar nicht damit, dass die Preise für die private Internet-Kundschaft noch stark steigen werden. Für die kommerziellen Nutzer seien jedoch noch weitere Preissprünge zu erwarten.

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