Zeitung Heute : Im Aufwieglerland

Lafontaines großer Schatten liegt über dem Wahlkampf an der Saar. Er ist der Star der SPD – und ihre Last

Barbara Nolte[Saarbrücken]

Der Kandidat ist blass. Gestern um Mitternacht hat er noch bei der Juso-Party in der Saarbrücker Diskothek Eishaus eine Reise nach Berlin verlost. Jetzt ist es zehn Uhr morgens, und Heiko Maas verteilt rote Rosen auf dem Markt von Quierschied, einem Dorf 15 Kilometer nördlich von Saarbrücken. Quierschied, so steht es in der aktuellen Ausgabe der „Saarbrücker Zeitung“, ist die Heimat von Bertelsmann-Chef Gunter Thielen. In einem großen Interview wurde Thielen befragt, was ihm am Saarland besonders gefalle. Vom Marktplatz in Quierschied sagte er nichts.

An den Rändern des Platzes stehen eine Kirche aus dunklem Stein und ein Betonquader aus den 70er Jahren mit dem Schild „Gästezimmer“. Heiko Maas, Spitzenkandidat der SPD bei der saarländischen Landtagswahl am 5. September, arbeitet sich mit seinem Rosenstrauß die Stände des Wochenmarktes entlang. Rosenverteilen ist der Klassiker im SPD- Wahlkampf. Schon Oskar Lafontaine verschenkte Blumen an die Einkäuferinnen in der Saarbrücker Innenstadt, als er für das Amt des Oberbürgermeisters und später des Ministerpräsidenten kandidierte. „Eine Rose für die Dame!“, sagte er damals forsch. Franz Müntefering war am Dienstag vergangener Woche bei seinem Besuch im saarländischen Neunkirchen defensiver, aber nicht weniger charmant: „Darf ich an die Damen vielleicht eine Rose loswerden?“

Heiko Maas sagt: „Vorsicht, Dornen.“ Das passt zu dem freundlichen 37-Jährigen. Maas hat feine Gesichtszüge, große braune Augen, mit denen er bei öffentlichen Auftritten etwas verschreckt schaut. Er wirkt erstaunlich bescheiden für einen Berufspolitiker. Anschließend besichtigt er das Kohlekraftwerk Weiher, und als sie auf dem Dach ein Foto machen wollen, müssen sie ihn von hinten in die erste Reihe zerren. Auf der 110 Meter hohen Kraftwerkshalle versteht man, was es heißt, wenn gesagt wird, dass im Saarland alles so überschaubar sei. Man sieht im Norden den Hunsrück und im Süden die Vogesen. Und an den Grenzen zu Frankreich und Rheinland-Pfalz blasen die Kraftwerke Bexbach und Fenne ihren Rauch in den blauen Himmel.

Heiko Maas lehnt sich an die Brüstung und schaut bis an die Grenzen des Landes, das er nie regieren wird.

Hartz IV macht den Leuten Angst, die Regierung flickt daran herum, die Umfragewerte für die SPD sind die reine Katstrophe. Hinzu kommt, dass der saarländische Landtagswahlkampf wegen der großen Ferien im Grunde ausfällt. Statt programmatischer Reden haben die Wahlkampfmanager Heiko Maas jedes Kappes-, Grumbeere- oder Schmausfest in den Terminkalender geschrieben, das irgendwo im Saarland gefeiert wird. Maas verteilt seine Rosen. Den großen Auftritt hat aber meistens Ministerpräsident Peter Müller von der CDU, der ganz landesväterlich zum Fassanstich vorbeischaut. Außerdem hat Müller sieben Minister, die er zu Terminen losschicken kann. „Bei uns muss der Chef selbst kommen, um etwas herzumachen“, klagt Maas. Auf prominente Parteifreunde kann er auch nicht zurückgreifen. Sowohl der ehemalige Saarbrücker Oberbürgermeister Hajo Hoffmann als auch der ehemalige saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt sind wegen Untreue beziehungsweise Beihilfe zur Untreue verurteilt.

Das sind keine kleinen Probleme, wenn man in ein paar Wochen eine Wahl zu bestehen hat. Und dann gab auch noch Oskar Lafontaine dem „Spiegel“ dieses Interview, in dem er Schröders Rücktritt forderte und andeutete, vielleicht einer Linkspartei beizutreten. Damit war Maas’ Wahlkampfstrategie geplatzt: Mit Lafontaine wollte er sich als Bastion für soziale Gerechtigkeit gegen die Bundespartei abgrenzen. Jetzt stellt sich seine Galionsfigur außerhalb der SPD. Mit einem Mal steht das Saarland, das immer an der Peripherie lag, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die große Auseinandersetzung der Republik, die Angst vor Hartz IV und der Umgang der SPD damit, wird hier aufgeführt, verdichtet auf einer Fläche gerade dreimal so groß wie Berlin, zeitlich gestaucht in diesem letzten Monat vor der Wahl. Selbst das Personal ist hier ansässig, die größten Unruhestifter der Republik, Lafontaine und Peter Hartz, sind Saarländer. Heiko Maas zieht in diesen Tagen einen Tross Journalisten hinter sich her, die sonst nie in ihrem Leben ins Saarland gekommen wären und ihre Ortsunkenntnis auch nicht groß verbergen. Wird hier noch Stahl gekocht?, erkundigen sie sich. Die Saarländer geben ihnen geduldig Auskunft. „Schade, dass sie so schnell weg müssen“, sagen sie noch und empfehlen, doch für einen Kurzurlaub wiederzukommen. Die Saarschleife sei wirklich herrlich. Sie wissen mit ihrer neuen Rolle nicht richtig umzugehen. Und auch die Journalisten sind irritiert darüber, wie das alles hier zusammenpassen soll.

Fangen wir an mit Kurt Hartz. Er ist der Bruder von Peter Hartz und Gewerkschafter. 30 Jahre war Kurt Hartz IG-Metall-Chef des Landes, 20 saß er für die SPD im Landtag. Mittlerweile ist er in Pension. Die saarländische SPD und die Gewerkschaften laufen also gegen diese Reform Sturm, die den Namen ihres alten Fährmanns trägt. Und umgekehrt: Kurt Hartz, der sein Leben lang Politik für Arbeiter gemacht hat, muss damit leben, dass sein Name zum Synonym für Sozialabbau wird. Hartz will zurzeit nicht öffentlich sagen, was er von Hartz IV hält. Ein treuer Parteigänger ist er zumindest geblieben. Wenn die SPD zur Diskussion mit Existenzgründern in die Becker-Bier-Brauerei nach St. Ingbert lädt, kommt er. Nur wird in der offiziellen Begrüßung sein Name ausgespart. „Der bekommt auch so schon genug Ärger ab“, erklärt einer der Veranstalter. „Mein Mann sagt immer: Es ist nicht überall Hartz drin, wo Hartz draufsteht“, sagt seine Frau. Kurt Hartz hat für den Notfall noch einen Witz parat: „Es gibt gar kein Hartz IV, es gibt nur den Peter, den Kurt und den Rudi.“ Rudi Hartz managt übrigens den saarländischen Handballverein TV Niederwürzbach.

Persönlich nehmen die Genossen es Kurt Harz nicht übel, dass sein Bruder für die Reform verantwortlich zeichnet, von der sie glauben, dass sie ihre Errungenschaften wegwischt. Man hat sogar den Eindruck, dass sie ein bisschen stolz sind auf die erfolgreiche saarländische Familie, wie man es nur in einer Gegend ist, deren größte Leistung der Gewinn des Schlager-Grand-Prix mit Nicole vor 25 Jahren war. „Warum sich der Peter nur vor diesen Karren hat spannen lassen?“, sagt ein Mann, wie über einen Freund, der in schlechte Gesellschaft geraten ist. Peter Hartz hat sich in diesen Wochen in sein Haus in Siersburg zurückgezogen, das am anderen Ende des Saarlandes liegt, also eine halbe Stunde entfernt.

Der Bürgermeister von Siersburg heißt Reinhold Jost. Jost hat als einer von nur vier saarländischen Abgeordneten des Sonderparteitages der Agenda 2010 zugestimmt, und so könnte man fast den 5000-Einwohner-Ort als Hochburg einer saarländischen Schröder-Fraktion sehen. Aber in Siersburg steht außerdem die Niedtalhalle, die das jährliche Aschermittwochstreffen der Partei beherbergt. In den 80er Jahren war selbst Willy Brandt hier zu Gast. Ein Bild von Brandt, der Lafontaine umarmt, hängt im SPD-Bürgertreff gegenüber vom Rathaus.

„Der Aschermittwoch war Lafontaines Veranstaltung“, erzählt Reinhold Jost, „die Leute haben sich für ihn den Arsch aufgerissen, abertausende Heringsportionen zubereitet, und dann hat er alles hingeschmissen. Das vergessen sie ihm nicht.“ Jost ist 38, gleichzeitig Landtagsabgeordneter, steht also auch am 5. September zur Wiederwahl, deshalb klebt er vor dem Bürgertreff Wahlplakate auf Holzplatten mit dem Slogan: „Jetzt geht’s Jost“. Bei der saarländischen Kommunalwahl im Juni hat er 70 Prozent der Stimmen geholt. „Mein Wahlergebnis zeigt, dass es auf kommunaler Ebene gar nicht um einen Rechts- oder Linkskurs der SPD geht.“ Aber das stimmt nur zum Teil. Eigentlich wollte Jost Landrat werden, auch für dieses Amt hat er im Juni kandidiert. Die Gewerkschaften, die im Saarland noch eng mit der SPD verknüpft sind, haben massiv Stimmung gegen ihn gemacht. Trotz 46 Prozent der Stimmen unterlag Jost der Herausforderern von der CDU.

In den Gewerkschaften sitzen Oskar Lafontaines treueste Unterstützer. Wenn man aber eine richtige Lafontaine-Verehrung sehen will, geht man besser zu seinem Auftritt beim Seniorennachmittag der Arbeiterwohlfahrt im Saarbrücker Vorort Gersweiler. 150 Menschen drängen sich in der kleinen Etage des alten Rathauses, „Spiegel“, „Bild“ und ZDF sind gekommen. Lafontaine schafft es, sogar einen Kaffeeklatsch zum Medien-Großereignis zu machen. „Lieber Oskar, die liebe Ursel hat dir eine Himbeertorte gebacken mit deinem Bild drauf“, begrüßt ihn die Landtagsabgeordnete Isolde Ries, die ihn eingeladen hat. Die Rentnerinnen johlen, ein gebrechlicher Mann weint vor Rührung, und eine Frau sagt: „Oskar war schon immer mein Schwarm, auch wenn er mein Sohn sein könnte.“ „Es wärmt einem das Herz, wenn man dir zuhört“, bedankt sich Eugen Roth, saarländischer DGB-Chef und ebenfalls SPD-Landtagskandidat später für die wohl engagierteste Rede, die jemals auf einem Kaffeekränzchen gehalten wurde. Lafontaine hat sein Hemd durchgeschwitzt, so heftig hat er die Regierung Schröder angegriffen und für die Saar-SPD geworben: „Sie ist noch sauber.“ Nur ob er selbst drin bleibt, beantwortet er auch in Gersweiler nicht. „Der Eugen und ich sind uns ganz sicher, dass er nicht geht“, sagt Isolde Ries.

Keinen Kilometer vom Gersweiler Seniorentreff, im Stadtteil Malstadt, sitzt der zweite Wackelkandidat – so sieht ihn jedenfalls der „Spiegel“. Es ist Ottmar Schreiner, früher mal SPD-Bundesgeschäftsführer, von Schröder aus dem Amt gedrängt und seitdem linker Außenseiter in der SPD-Bundestagsfraktion. „Inhaltlich stehe ich voll hinter Oskar“, sagt er, „nur, ob es der Partei hilft?“ Aus Berlin ist er extra eingeflogen, um eine Wahlinitiative von saarländischen Betriebsräten für Heiko Maas zu unterstützen. Anschließend sitzen sie noch beim Bier auf dem Malstadter Marktplatz und lästern über Hartz IV. Keiner aus der Runde fragt Schreiner, ob er vielleicht mit Lafontaine mitgehen würde in eine Linkspartei. Man hat den Eindruck, dass das für die saarländischen Genossen unvorstellbar ist, so, als würde man die Religion wechseln. Schreiner selbst bleibt bewusst unscharf: „Ich kämpfe für eine Kursänderung.“ So fällt er Heiko Maas nicht in den Rücken, nimmt aber den Druck auf Schröder nicht weg.

Die Grünen hatten diese Woche Renate Künast, Fritz Kuhn und Joschka Fischer zu Gast. Die Saar-SPD muss dagegen einen Wahlkampf fast ohne Unterstützung aus der Regierung machen. Die meisten SPD-Minister sind einfach zu unbeliebt. Der einzige Bundespolitiker, den sie präsentieren können, ist Franz Müntefering, und selbst das ist heikel, schließlich steht er für Hartz IV. Müntefering wirkt angespannt bei seinem Ausflug ins Aufwieglerland. In Saarlouis spricht er so laut ins Mikrofon, dass seine Stimme über den Marktplatz dröhnt. In Neunkirchen trägt er die Rosen vor sich her wie Waffen. Welche Frau schimpft schon los, wenn sie gerade eine Blume geschenkt bekommt? Aber die Saarländer sind friedlich, klatschen sogar. Und Spitzenkandidat Maas steht lächelnd daneben und sagt höchstens: „Unser Ziel ist dasselbe, nur der Weg dahin ist anders.“ Profil gewinnt man so nicht.

Am Montag wird Lafontaine auf der Montagsdemo in Leipzig sprechen. Das wird reichen, Heiko Maas wird auch in der letzten Wahlkampfwoche unter dem Schatten der Figur verschwinden, die viel zu groß ist für das kleine Land.

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