Zeitung Heute : Im Ausland ist’s scheußlich

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Ein Freund arbeitet gerade in Shanghai. Unlängst wurde er zu einer Konferenz nach Hause bestellt. Sein Chef fragte prompt: „Und? Wie geht es Ihnen in der Fremde?“ Antwort: „Die Sommer sind heiß und feucht, die Weiber neurotisch und kochen können sie auch nicht, die Chinesen. Holen Sie mich bloß bald wieder heim!“ Der Vorgesetzte guckte geschockt … bis er am Grinsen seines Gegenübers merkte, dass er hier einen schweren Fall von Ironie vor sich hatte.

Auslandsaufenthalte sind klasse. Erstens, das Essen ist fast überall besser als in Deutschland und das Wetter sowieso. Zweitens kriegt man mal ´ne andere Misere mit als die deutsche und der Lebensstandard in Südostasien beispielsweise rückt die angebliche Verelendung der Heimat schnell ins rechte Licht. Drittens kann man endlich mal ohne die Einmischung der Experten aus verquasten Fachabteilungen arbeiten, und so lange die Ergebnisse halbwegs stimmen, lässt einen die Zentrale weitgehend in Ruhe.

Das Dasein als so genannter Auslandsentsandter ist so toll, dass die meisten Leute ex patria alles tun, damit das nur ja keiner merkt. In den Gesprächen mit Zuhause wird laut geklagt, damit nur ja niemand auf die Idee kommt, die Stelle in Singapur oder Hongkong selber haben zu wollen. Der Gattin sei es langweilig, wird lamentiert, die Kinder kämen in der teuren, von der Firma bezahlten internationalen Schule nicht mit, die Luftverschmutzung sei unerträglich, das Hauspersonal aufsässig und die Mitarbeiter im Werk dumm wie dicke Bretter. Außerdem verliere man den Anschluss an die Netzwerke zu Hause und all die wichtigen Jobs im aufregenden Düsseldorf kriege nun ein anderer… Die Kollegen zu Hause brechen fast in Tränen aus und beschließen: „Ausland? Niemals.“ Genau das war der Zweck der Übung.

Wer wissen will, wie es wirklich zugeht in der Fremde, werfe mal einen Blick ins Internet, zum Beispiel auf die Seite www.hardshipposting.com. Dort erzählen Gastarbeiter ihre Geschichten, zum Beispiel wie einer in Singapur zum Geschäftemachen im dreiteiligen Anzug in der Sauna erschien oder wie dieser Kerl im Restaurant in Hongkong aus Versehen einen „dicken jungen Knaben“ bestellte. Zugegeben, Chinesisch ist schwer. Aber mal ehrlich – was ist besser? Chef im Nacken in Berlin-Mitte oder Schweinenacken mit Sojasoße in Hongkong?

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