Zeitung Heute : Im Bauch der Diplomatie

191 Länder, 39 Stockwerke, 21 Kantinengerichte: So viel ist gewiss bei der Uno. Aber sonst ist ihre Welt aus den Fugen geraten. Das Hochhaus am East River steht in diesen Krisentagen unter Hochspannung, und manchmal sieht es hier aus wie im Kino nach der Spätvorstellung.

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Sieben Minuten. Genau so viel Zeit bleibt ihnen für ihren großen Auftritt. Und keine Sekunde mehr. Seit drei Uhr nachmittags diskutieren sie jetzt wieder bei der Uno in New York über die Lage im Irak. An diesem Mittwoch kommen jene Staaten zu Wort, die nicht dem 15-köpfigen Sicherheitsrat angehören. Ein Redner nach dem anderen nimmt am äußersten Ende des Hufeisentisches Platz. Dann beginnt die Uhr zu laufen. Die Statements gleichen sich bisweilen derart, dass man glauben könnte, jemand habe die Absätze nur geschwind per Zufallsgenerator durcheinander gewürfelt.

Für eine Schlagzeile reicht das immerhin: USA immer mehr isoliert. Die amerikanischen Zeitungen allerdings ignorieren die Debatte weitgehend. Wenn in ihren Augen die Vereinten Nationen generell kaum mehr gelten als ein Studentenparlament, dann hat im Augenblick die Schülervertretung das Wort.

Unter Geiern

Auf der Pressetribüne sitzen derweil drei Journalisten. Vor einer Woche, als die Außenminister den Bericht der UN-Chefinspekteure Blix und al Baradei debattierten, hatte die Zahl der Anfragen die Zahl der Plätze um das Doppelte überstiegen. Nein, heute spielt die Musik nicht hier, versuchen wir es lieber in der Nord-Lounge, nur ein paar Schritte entfernt. Dort sitzt Gunter Pleuger, der deutsche Botschafter bei den UN, auf einem der tiefen, braunen Ledersofas. Während im Saal der griechische Botschafter im Namen seines Volkes und der gespaltenen Europäischen Union einen unbeachteten diplomatischen Drahtseilakt vollführt, stecken der deutsche Ambassador und seine Kollegen aus Frankreich und Mexiko die Köpfe zusammen. Über den Köpfen der drei hängt ein großes, farbenprächtiges Wandgemälde, eine Gabe der kolumbianischen Regierung. Es zeigt ein Anden-Panorama im Sonnenuntergang, im Vordergrund zwei mächtige Geier.

Pleugers Sprecher beobachtet die Szene mit wachsendem Unbehagen, weil die Journalisten die Gesprächsrunde umkreisen wie die Geier ihre Beute. Schließlich gelingt es ihm, einen Wachmann zu überreden, für die Diskretion persönlich zu sorgen. Gegenstand des Gesprächs ist der neue Vorschlag, den die britische Delegation in Umlauf gebracht hat. Wird es ihr gelingen, in letzter Minute die Unentschiedenen im Rat auf ihre Seite zu ziehen? In die Kameras sagt Pleuger nur, er kenne das Paper noch nicht und nehme deshalb auch keine Stellung. Hinter den Kulissen werden längst die Details analysiert.

Unterdessen hungern die Medien nach Nachrichten. Vor einem Mikrofon, mit dem Sicherheitsratslogo im Hintergrund und den Flaggen der Ratsmitglieder daneben, sind 17 Kameras aufgebaut. Davor sitzen, hocken oder liegen Reporter, Kameramänner und Fotografen. Mit dem Fortschreiten des Tages gleicht der Raum immer stärker einem Kino nach der Spätvorstellung: Überall liegen leere Getränkedosen, Flaschen, Pizzakartons. Die Delegierten, die die Sitzung verlassen, haben die Wahl: Sie können hinter einer Wand an den Toiletten vorbei ungestört in die Lobby entschwinden oder im Kameralicht vorbeispazieren. Viele gehen vorne herum und extra langsam – bis endlich einer ruft: „Herr Botschafter?“, und sie einen Grund haben, an die Mikrofone zu treten. Widerwillig natürlich.

Die wirklich wichtigen Akteure im Ringen um Krieg und Frieden zeigen sich noch nicht. Dazu ist dieser Tag noch zu jung. Andererseits müssen Nachrichtensendungen gefüttert werden. Und den europäischen Medien sitzt wegen der Zeitverschiebung bereits der Redaktionsschluss im Nacken. Um den Kommunikationsfluss zu steuern, lassen sich deshalb von Zeit zu Zeit Vertreter der Delegationen auf dem Flur blicken. Sie haben auf die Meute den Effekt von Licht auf Mücken: In kürzester Zeit sind sie umschwärmt.

Besonders begehrt an diesem Tag darf sich die Sprecherin des britischen UN-Botschafters fühlen, eine zierliche Frau mit graumelierten Haaren und einer Vorliebe für brombeerfarbene Kleidung. Sie hat allerdings hauptsächlich eine Entschuldigung mitzuteilen: „Jetzt etwas Konkretes zu sagen wäre zu 90 Prozent falsch.“ Immerhin lässt sie sich entlocken, dass ihr Land eine Abstimmung im Sicherheitsrat noch in dieser Woche anstrebe. Ob die Woche auch den Samstag beinhalte, will jemand wissen. „Hm“, sagt die Frau in Lila, „das weiß man nie so genau.“

Diese auf den Fluren des 39-stöckigen Hochhauses am East River so verbreitete Diplomatensprache treibt vielen in den USA mittlerweile die Zornesröte ins Gesicht. Drei Tage nacheinander druckte die „New York Times“ auf der ersten Seite Fotos von den kampfbereiten Truppen vor Ort und berichtete, dass zu langes Warten schlecht für ihre Moral sei. Im Washingtoner Repräsentantenhaus bekommen die Kantinenbesucher jetzt „Freedom Fries“ statt „French Fries“, wenn sie Pommes Frites bestellen – weil die Franzosen mit einem Veto im Sicherheitsrat drohen.

Solch patriotische Anwandlungen würden den Köchen in der New Yorker UN-Kantine bizarr vorkommen. An diesem Mittwoch etwa servieren sie 21 verschiedene Gerichte – afrikanische, indische, asiatisch, europäische und amerikanische Küche. Und die „French Fries“ heißen weiter „French Fries“. Überhaupt kann, wer sich ein wenig wegbewegt vom Rampenlicht des Sicherheitsrates, durchaus etwas spüren vom Geist der Gründungsväter, denen die Gleichberechtigung aller Mitglieder und die friedliche Lösung internationaler Konflikte vorschwebten.

Zwei Stockwerke unter dem Sicherheitsrat zum Beispiel, im Bauch des Hochhauses am East River, gehen die UN-Geschäfte ihren normalen Gang. In zehn Sitzungssälen finden über den Tag elf Meetings statt, es geht um Hunger und Frauenrechte, Kinderflüchtlinge und Umweltprobleme. Organisiert wird das alles von einem bunt gemischten Stab, deutsche Gründlichkeit paart sich mit asiatischer Freundlichkeit und afrikanischer Gelassenheit. 191 von 193 Ländern sind Uno-Mitglieder, die Bundesrepublik Deutschland gehört seit 1973 dazu. 4000 Angestellte arbeiten in der Zentrale in New York, insgesamt sind es 37000. Rund 1,6 Milliarden Dollar beträgt das Budget, über das Generalsekretär Kofi Annan verfügt.

Was mit dem Geld geschieht, darüber legt Annan in seiner täglichen Pressekonferenz Rechenschaft ab. Im Augenblick allerdings schläft der Chef, er sei erst am Morgen aus Den Haag zurückgekehrt, berichtet sein Sprecher. Später, nach der Debatte der Länder, die nicht im Sicherheitsrat sind, ist Annan wieder hellwach. Fast vier Stunden lang beratschlagen die 15 Delegierten des Gremiums noch einmal hinter verschlossenen Türen.

Schockwellen in der Heimat

Es ist draußen längst dunkel, da tritt der britische UN-Botschafter Jeremy Greenstock vor die Kameras, die ihn den ganzen Tag lang vergeblich gejagt haben. Blass und abgespannt sieht er aus. Er muss erklären, wie aus einem Schlichtungsvorschlag ein „Versuchsballon“ geworden ist. Seine lila Sprecherin lässt ein Band mitlaufen, jedes falsch zitierte Wort kann in der Heimat Schockwellen auslösen. Im Hintergrund wartet schon John Negroponte. Greenstocks amerikanischer Kollege und dessen Sprecher nehmen die Rückzugsgefechte des Briten mit sichtbarer Genugtuung zur Kenntnis. Pleuger, der als Dritter an der Reihe ist, spricht von einer Brücke, die heute gebaut worden sei. Nun müsse man ihre Belastbarkeit testen. Ein Diplomat ist eben ein Diplomat.

Dann nehmen alle ihre Hüte und Mäntel und gehen in die New Yorker Nacht hinaus. Vor der Tür sagt ein Botschafter: „Der arme Greenstock war ja ganz bleich im Gesicht. Der kann einem fast Leid tun.“ Um sich dann zu korrigieren: „Na ja, eigentlich hat er selber Schuld, der Vorschlag war zu schlecht vorbereitet.“ Unter dem Strich aber war es ein guter Tag für den Weltsicherheitsrat. Jeder Tag ohne Abstimmung ist derzeit ein guter Tag.

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