Zeitung Heute : Im Bild festgehalten

Präsident Bush war informiert – dennoch tat er vor „Katrina“ nichts, um eine Katastrophe zu verhindern

Matthias B. Krause[New York]

US-Präsident Bush steht unter Druck, weil ein jetzt aufgetauchtes Video zeigt, wie er zu Beginn des Hurrikans „Katrina“ untätig blieb. Wie wirken diese Bilder auf die Amerikaner?


Da saß er nun und hörte sich die Szenarien an, die düsterer kaum hätten ausfallen können. Der Chef der amerikanischen Katastrophenschutzbehörde Fema, Michael Brown, warnte davor, dass der Superdome in New Orleans als Zufluchtsstätte nicht sicher sei. Der Direktor des National Hurricane Center, Max Mayfield, sprach davon, dass die Deiche der Stadt in höchster Gefahr seien. US-Präsident George W. Bush meldete sich nur einmal zu Wort. „Ich möchte den Leute in den Bundesstaaten versichern, dass wir nicht nur komplett vorbereitet sind, um während des Sturmes zu helfen“, sagte er, „sondern wir werden auch alle uns zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um nach dem Sturm zu helfen.“ Dann zog er sich in den Urlaub auf seiner Ranch in Texas zurück, Fragen hatte er nicht.

Diese Szene aus der letzten Krisensitzung vor dem Eintreffen des Hurrikans „Katrina“ an der US-Golfküste muss Bush-Kritiker und Dokumentarfilmer wie Michael Moore („Fahrenheit 9/11“) vor Freude in die Luft springen lassen. Die Informationen über den Erkenntnisstand der Behörden vor der Katastrophe sind zwar nicht neu. Sie wussten, was kam – und waren doch nicht in der Lage, angemessen zu reagieren. Das geht aus allen Berichten hervor, die bislang in Washington zu dem Thema verfasst wurden. Trotzdem zeigen die Bilder viel eindringlicher, als es Worte können, wie wenig sich Bush darum scherte, was an der Golfküste geschah.

New Orleans’ Bürgermeister Ray Nagin beschrieb sein Gefühl nach Betrachten des Films so: „Mir ist gerade ziemlich schlecht. Ich habe den Leuten damals geglaubt, dass sie nichts wussten und sich erst einmal darauf einstellen mussten. Aber von diesem Video schließe ich, allen war bewusst, was kam.“ Ungeachtet dessen stellte sich Bush noch vier Tage nach dem Sturm hin und behauptete im Fernsehen: „Niemand hatte den Bruch der Deiche vorausgeahnt.“

Das Weiße Haus versucht nun, das Video herunterzuspielen. Es handle sich nur um eine Momentaufnahme aus einer von vielen Krisensitzungen, sagte Sprecher Trent Duffy, „ich hoffe, die Leute ziehen daraus keine Schlüsse.“ Eine Hoffnung, die vergeblich sein dürfte, denn Bushs Passivität und seine hohlen Worte passen nur zu gut zum immer klarer werdenden Gesamtbild seiner Regierungszeit. Nach dem Irak und „Katrina“ hat zudem der Versuch, die sechs wichtigsten Häfen des Landes an eine in Dubai angesiedelte Firma zu verkaufen, mächtig an seinem Image als Meister der Heimatverteidigung gekratzt, dem letzten, das noch halbwegs in Takt war.

Während der Präsident dem Kongress versicherte, der Hafen-Deal berge kein Sicherheitsrisiko, tauchte mittlerweile eine Stellungnahme der Küstenwache auf, die genau das befürchtet. Doch wie so oft in der Bush-Regierung fanden die Bedenken in den obersten Rängen keine Beachtung. Kein Wunder, dass es mittlerweile im Kongress massive Bestrebungen unter den Republikanern gibt, sich öffentlich von ihrem Präsidenten abzusetzen. Schließlich müssen sich fast die Hälfte der Mitglieder im Abgeordnetenhaus und im Senat im November zur Wahl stellen. Zu eng mit Bush verbandelt zu sein, kann da im Augenblick nur schaden.

Ob das Video den rasanten Vertrauensverlust der Amerikaner in ihren Präsidenten beschleunigt, ist im Augenblick nicht abzuschätzen. Jüngste Umfragen sehen die Zustimmungsrate für Bush nur bei 34 Prozent. Die seines Vize-Präsidenten Dick Cheney sank unter 20 Prozent. Derweil machen sich die wenigen Anhänger, die Bush noch bleiben, mit Hochdruck auf die Suche nach der Quelle, aus der verräterische Video an die Nachrichtenagentur stammt. Dazu existieren in Washington zwei Theorien: Entweder war es eine Warnung der Republikaner, dass der Präsident doch künftig nach ihrer Pfeife tanzen möge. Oder es war Brown, der sich an Bush rächen wollte. Wer es auch war, beide hätten ihr Ziel erreicht.

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