Zeitung Heute : Im Biotop der großen Geister

Tübingen hat einen jungen, grünen Oberbürgermeister, intellektuelle Tradition und viel Hysterie. Was ist das für eine Stadt, in der Schwäne so wichtig sind wie die Weltpolitik?

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Von Josef-Otto Freudenreich Neben Ex-Kanzler Kiesinger liegen? Er, Walter Jens, der Rhetor der Republik, neben dem als „König Silberzunge“ verhöhnten, der einst für den Nazi-Außenminister Propaganda machte? Nicht mit ihm. Er wolle höher hinaus, ließ Walter Jens das Tübinger Rathaus wissen, in den oberen Teil des Stadtfriedhofs, wo der Dichter Ludwig Uhland liegt. Da oben fühle er sich eher zu Hause, als Asthmatiker sowieso.

Und so wird es geschehen. Inge (79) und Walter Jens (83) haben eine Grabstätte bei Uhland ausgesucht, und irgendwann wird auch Hans Küng (78) als Nachbar grüßen. Der Religionsphilosoph hat sich den Jensens angeschlossen, und wenn sie einmal gestorben sind, wird ihre geistige Weite vom Friedhof in die Stadt getragen. Denn die Toten bleiben jung in Tübingen, glaubt Ehrenbürger Jens.

Die ewige Jugend ihrer Großgeister wird sie brauchen, die Stadt, die „entsetzlich kleinkariert“ sein kann, wie Inge Jens sagt. Eine Stadt, die so besonders erscheint, weil sich jeder Bewohner für etwas Besonderes hält. Das hat natürlich mit den oben erwähnten Chefdenkern zu tun und mit den vielen anderen ruhmreichen Figuren, mit denen sich Tübingen so gerne schmückt: Kofi Annan in der Aula der Uni (angeschleppt vom Papstkritiker Küng), Josef Ratzinger im Evangelischen Stift (diskutierend mit Küng), Dichter Hölderlin im Turm, Schriftsteller Hesse am Holzmarkt, Philosoph Bloch auf dem Bergfriedhof. Personal, das den Größenwahn befördert, aber auch eine Last sein kann. Gegenüber der Stiftskirche hat lange ein Schild gehangen, auf dem „Hier kotzte Goethe“ stand.

Die Japaner, die sich davor haben fotografieren lassen, haben immer gestaunt. Der Einheimische nimmt es mit Schulterzucken – weil es eben dazu gehört wie die Crqpes-Bude vor dem Rathaus. Tübingen ist Welt und Dorf, und wer sich zwischen beiden Polen bewegt, wird die erstaunliche Erfahrung machen, dass er weniger versteht, je länger er hier verweilt.

Boris Palmer versucht es mit einer Deutung: In Tübingen würden sich eben alle Berufsgruppen versammeln, die per se recht haben – Richter, Staatsanwälte, Professoren und Lehrer. Palmer ist seit Jahresbeginn Oberbürgermeister der Stadt, in welcher die Alternativ-Grünen, SPD und Linke/PDS eine Mehrheit haben, wenn sie sich zu einer solchen zusammenfinden, was selten ist. Palmer ist 34 Jahre alt, real grün, flink im Kopf; Ende vergangenen Jahres wurde er in Berlin von der Zeitschrift „Politik und Kommunikation“ zum Aufsteiger des Jahres gekürt. Der Waldorfschüler hat Mathematik und Geschichte studiert, war Umwelt- und Verkehrssprecher der Stuttgarter Landtagsgrünen, und, was viel entscheidender ist, er hat mit seinem Vater Helmut Obst verkauft. Genau unterm heutigen Amtszimmer, auf dem Markt, wo der alte Palmer, legendärer „Remstal-Rebell“, gegen Politiker, Richter und Staatsanwälte zu Felde zog. Diese eigneten sich für ihre Jobs „wie die Igel zum Arschputzen“, pflegte er zu wettern; für seine Beleidigungen ist er immer mal wieder verklagt worden und in den Knast eingefahren. Bei mehr als 200 Bürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg hatte der alte Palmer kandidiert, immer erfolglos. Diese Beharrlichkeit hat der Sohn vom Vater gelernt, dessen Unerbittlichkeit als hinderlich erfahren.

Den vermeintlichen Grünschnabel haben sie alle unterschätzt, insbesondere die SPD, die glaubte, mit ihrer Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer, die acht Jahre nicht ohne Erfolg amtierte, einen Spaziergang vor sich zu haben. Doch die Dame sprach mit den einfachen Menschen wenig, mit den elitären Zirkeln von Universität und Geschäftswelt zu viel – und verlor haushoch.

Da war der Sohn des Obstbauern Palmer viel geschickter: Er ist einfach mit seinem Rad durch die Fachwerkidylle gestrampelt, ein Schwätzchen hier, einen Schulterklaps dort, und hat versprochen, Tübingen noch grüner zu machen. Diese Strategie hat sogar Scholz & Friends beeindruckt. Die Berliner Werbeagentur, die auch für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft von Bertelsmann steht, hat Palmer einen schwarz-gelben Besen zum Wahlsieg geschickt. Nun sinnt der Jung-OB darüber nach, wie er seiner Vorzimmerdame dezent klarmachen könne, dass er Kaffee möchte; und dass die Linkspartei doch eine bundesweite Option für die Grünen wäre, wenn sich das Kapital nicht querlegte. Zu viel Geld würde dann ins Ausland fliehen, befürchtet er.

Das muss man auch in Tübingen stets im Auge haben, wo einerseits der Zahnarzt bei der PDS ist, andererseits der Malocher beim Daimler schafft und um seinen Arbeitsplatz fürchtet, wenn der Oberbürgermeister ankündigt, keinen Mercedes, sondern einen Toyota fahren zu wollen. Da genügt es nicht, zu betonen, auch Al Gore würde im Toyota Prius, der einen spritsparenden Benzin-Elektro-Motor hat, herumkutschieren. Palmer sagt, er brauche keinen Mercedes, der in 4,9 Sekunden von null auf hundert ist, „ich bin ja nicht auf der Flucht“. Daimler solle eben endlich Autos bauen, die man guten Gewissens fahren könne.

Das imponiert auch Christian Riethmüller. Der 32-Jährige ist Geschäftsführer der Buchhandlung Osiander, bei der früher viel geklaut wurde, weil sie als der Inbegriff des Kulturimperialismus galt, was ziemlicher Unsinn war. Richtig war und ist, dass die Riethmüllers viele Bücher verkaufen und eine Tübinger Dynastie sind, verwandt mit dem ehemaligen OB Hans Gmelin und der einstigen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Riethmüller hat bei einer Londoner Bank und bei Aldi gelernt, er liebt seine Stadt so sehr, wie er an ihr verzweifelt. Hier seien die Schwäne und Fledermäuse wichtiger als der verkaufsoffene Sonntag, klagt er, der bescheiden zur Miete unterm Dach wohnt. Andererseits führen die Bürger am Österberg 200 Meter mit dem Auto zum Wahllokal, um für Grün zu stimmen, und wenn er gegen nervende Punker einen Leserbrief schreibe, würden Kunden ausbleiben.

Das ist eben so in einer Stadt, in der 83 000 Bürger die Meister sind, egal, ob sie grün, rot, schwarz, pietistisch, ungläubig oder alles zusammen sind. Die einen freuen sich, wenn die Gaststätte Boulanger mit dem Plakat wirbt: „Alle WM-Spiele – auch die deutschen“. Die anderen sind stolz darauf, als Erfinder der Schwarzwälder Kirschtorte zu gelten. Riethmüller vermutet sogar, dass Tübingen als Erstes „hier!“ schreien würde, wenn in Deutschland der Kommunismus eingeführt würde.

Ganz ernst meint er das nicht, aber solche Sorgen treiben manchen um, weil auf nichts Verlass scheint. Wie ticken die Studenten? Auf welchen Höhenflügen befinden sich die Professoren? Was wird im Rotaryclub ausbaldowert? Darüber weiß man wenig bis nichts. In welchen Hinterzimmern wird die Macht justiert? Im Gemeinderat, dort, wo Handwerker, Händler, Beamte das pflegen, was ihnen am nächsten liegt: den eigenen Garten. Und in der Lokalzeitung, deren Verlegerin sich besonders um die Sauberkeit der Platanenallee am Neckar sorgt? Im Französischen Viertel, in dem Palmer sein Fahrrad und der Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn seinen Porsche in der Garage hat?

In diesem Quartier, das Anfang der 90er Jahre entstand, nachdem die französischen Militärs abgezogen waren, präsentiert sich noch am ehesten jenes Tübingen, wie es so gerne wäre: anders. Aldi und Obi mussten draußen bleiben, dafür gab’s die Rote Rübe, den Marokkaner mit Wasserpfeifen und den Friseur, der ausschließlich Biologisches aufs Haar der Kunden kippt. Das Quartier ist hübsch, und die „Zeit“ hat über die bübchenblauen Häuser und den Pizza-Putz mal ein begeistertes Dossier geschrieben. Aber die Macht ist dort nicht, auch wenn das versammelte Akademikervölkchen zu weit über 50 Prozent grün eingefärbt ist.

Die Zeit vor Russ-Scherer, die war übersichtlich gewesen. Da hat sich der Oberbürgermeister mit dem Regierungspräsidenten, dem Oberschulamtsvorsteher, dem Landrat sowie den Bankchefs beim Essen oder nach dem Kicken im Sportinstitut getroffen und festgelegt, was gut ist für alle und was schlecht. Damit hat Frau OB in ihrer Amtszeit Schluss gemacht und sich neuen städtischen Eliten zugewandt.

Auch gab es da noch Christoph Müller, den Cäsar des Lokaljournalismus. Er warfür Jahrzehnte Verleger und Chefredakteur des „Schwäbischen Tagblatt“, dessen Ruf als „Neckar-Prawda“ (wie Konservative schimpften) er sorgsam pflegte. Der angesehene Theaterkritiker konnte einem OB-Kandidaten das Feld verminen, indem er dessen Frau, die Miniröcke bevorzugte, als ästhetisch nicht vermittelbar erklärte. Dann stand er wieder mit seiner Redaktion auf der Straße, wenn gestreikt wurde. Er hob oder senkte den Daumen über Freund und Feind, und so hatte Tübingen seine Ordnung.

Vor zwei Jahren zog es der Patriarch vor, sein Blatt zu verkaufen und nach Berlin zu entschwinden, wo er seinen kulturellen Neigungen auf großer Bühne nachgehen kann. Seitdem trudelt das „Tagblatt“, und jeder fühlt sich schlecht behandelt. Palmer sagt, die Zeitung habe Russ-Scherer bejubelt, die SPD sieht es genau andersrum, und Riethmüller meint, beim Tagblatt gebe es Redakteure, „die noch immer in den 60er Jahren leben“.

Wichtigste Instanz sind – ohne Müllers Votum – jetzt die Leserbriefe: Hier ist tagtäglich die Tübinger Polis, die kleine Bühne, auf der die Welt nachgespielt wird; hier schlägt die Stunde der Schamverletzer, Ehrabschneider, Chefanalytiker und der apokalyptischen Reiter, die das Ebolavirus über den Neckar hereinbrechen sehen, wenn ein Schweinelabor angesiedelt werden soll; hier wird Boris Palmer von einem Friedens- und Konfliktforscher wegen einer Zote zum Rücktritt aufgefordert, denn der hatte den Slogan des Sozis Werner Figgen zitiert: „Wer Figgen will, muss SPD wählen“.

„You crossed the line“, sprach der Friedensforscher. So sagt man das in Tübingen, wobei die Linie stets auf Höhe des häuslichen Horizonts liegt. Im Falle des Peacekeepers war er durch die Gattin markiert, die für die SPD im Gemeinderat sitzt. Wenn es etwas gibt, was Tübingen im Ungefähren beschreibt, dann ist es diese Wundertüte mit Lesermeinungen, die „Sprachrohr des Bürgers“ heißt und eigentlich nur eine Beschränkung kennt: Pro Nase werden höchstens 15 Briefe im Jahr veröffentlicht.

Der Listigste unter den Schamverletzern nutzt sie bis zum Anschlag: Anton Brenner. Der 56-Jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich, Berufsverbot als Lehrer (wegen der DKP-Mitgliedschaft), Copyshopbetreiber, Winzer, Wirt, dann wieder Lehrer und seit acht Jahren im Stadtrat für die PDS. Der Meister der straffreien Invektive beleidigte alle, mit Vorliebe die SPD-OB, was seine Popularität enorm steigerte. Er sei einfach in das Vakuum gesprungen, behauptet der Religionspädagoge, das „Tagblatt“-Chef Müller zurückgelassen habe.

Brenner als der Wiedergänger des begnadeten Polarisierers – er hat dieselbe Lust an der Provokation, dasselbe Gespür für Aufreger und Themen, die im Seichten schlummern und der Wahrheit nicht unbedingt standhalten müssen. Müller hatte dafür sein „Tagblatt“, Brenner hat seine Leserbriefe. Der linke Kobold ist der ideelle Gesamt-Tübinger, in dem sich eine Stadt widerspiegelt: Keiner kapiert sie, aber sie lässt auch keinen unberührt.

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