Im Blick : Eine Frist gibt’s kaum mehr

Nach 100 Tagen wurde jahrzehntelang die Arbeit von Politikern bilanziert. Doch diese Frist verliert an Bedeutung

Joseph Roth machte sogar einen Roman daraus. 1936 erschien „Die hundert Tage“ über Napoleon in Frankreich und seine endgültige Niederlage nahe dem belgischen Ort Waterloo.

Aus der „Herrschaft der hundert Tage“ zwischen dem 1. März und dem 18. Juni 1815, in denen der Kaiser von seinen Gegnern wahrlich nicht geschont wurde, leitete sich viel später eine wirkliche Schonfrist ab. 1933 war das, US-Präsident Franklin D. Roosevelt hatte sein Amt am Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise übernommen, und behauptete vorsichtshalber, der Erfolg seines radikalen Reformprogramms „New Deal“ werde erst nach 100 Tagen wirklich ablesbar sein. Und heute? Ist noch etwas geblieben vom informellen 100-Tage-Stillhalteabkommen zwischen Machthabern und Medien?

An diesem Montag müssten sich Katja Kipping und Bernd Riexinger eigentlich die Frage stellen lassen, was sie auf die Beine gestellt haben in den 100 Tagen seit dem Göttinger Parteitag, auf dem sie zum neuen Führungsduo der Linken gekürt wurden. Doch das sächsisch-schwäbische Politpaar dachte gar nicht daran, sich schon nach gut drei Monaten messen zu lassen. Die Partei „nach schweren Stürmen“, wie beide den Dauerstreit umschrieben, wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, dafür verlangten sie eine zeitliche Zulage. Und legten deshalb gleich nach ihrer Wahl ein 120-Tage- Programm vor. Schließlich seien „ein paar Wochen Urlaub allen gegönnt“, schrieben sie, „natürlich auch der neuen Parteiführung selbst“. Die „Kunst des Zuhörens“, zentraler Punkt ihres Politikansatzes, will ausgeruht angegangen werden. Der Nebeneffekt, nicht altbacken erscheinen zu wollen, war beiden natürlich genehm.

Tatsache ist: Politiker können auf eine 100-Tage-Frist nicht mehr bauen. Als es im Oktober 2010 in Zeitungsporträts um die ersten hundert Tage von Bundespräsident Christian Wulff ging, ließ sich schon ahnen, dass der Neuanfang in Bellevue böse enden könnte. Kaum eine Woche sei vergangen, schrieb damals der Tagesspiegel, „in der nicht an ihm genörgelt und gekrittelt wird, er sich falsches Amtsverständnis, Tapsigkeit und noch so einige andere Fehler vorwerfen lassen musste“. „Bild“ gab Wulff zur 100-Tage-Bilanz noch tapfer Rückendeckung. Als „Power- Paar“ lobte die Zeitung den Präsidenten und seine Gattin Bettina. Nur ein paar „kleinere Blessuren“ entdeckte das Blatt. Damals. Wulff selbst beschlich ein ungutes Gefühl – und er verteidigte sich damals mit dem Hinweis, er sei „ohne Aufwärmphase“ ins Amt gekommen. Seinem Nachfolger Joachim Gauck erging es besser, obwohl gleichfalls ziemlich überraschend berufen. Geglückt sei sein Start, hieß es nach 100 Tagen. So viel Lob für den Präsidenten war schon fast langweilig.

Oskar Lafontaine übrigens kam auch nicht mit 100 Tagen aus, um im politischen Geschichtsbuch zu landen. 1999 schied er nach 186 Tagen als Bundesfinanzminister aus dem Kabinett von Gerhard Schröder aus. „Krach in der Koalition“ hatte es indes schon in den ersten Wochen von Rot-Grün gegeben. Und wahrscheinlich sind 100 Tage höchstens dann noch bilanzierungswürdig, wenn gerade nichts los ist. Roosevelts „New Deal“ ist nun auch nicht mehr neu.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!