Zeitung Heute : Im Bunker

Seit 17 Tagen müssen sie unter der Erde leben, suchen Schutz vor den Raketen der Hisbollah – Szenen aus dem israelischen Grenzgebiet

Charles A. Landsmann[Schavei Zion]

Zwischen Mittelmeerstrand und den Hügeln West-Galiläas, da liegt Schavei Zion, der Himmel ist blau, die Wiesen sind grün, aber die Idylle trügt. Dies ist Kriegszone. Konfrontationsregion nennen die Militärs das, wenn vom Himmel Hisbollah-Raketen fallen. Nur 20 Kilometer weiter nördlich liegt die libanesische Grenze. In Schavei Zion leben die Menschen eigentlich nur noch im Bunker.

Es gibt in Israel kaum eine Ortschaft, die so gepflegt, so europäisch ist wie Schavei Zion, aber das ist auch kein Wunder, denn dies ist Jeckesland. Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung von Rexingen, 40 Kilometer südwestlich von Stuttgart, war am 6. Februar 1938 ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert und hat die Siedlung Schavei Zion, übersetzt: „Die Rückkehrer nach Zion“ gegründet. Hübsche Einfamilienhäuser und stattliche Villen säumen die engen Sträßchen.

Wenige Autominuten entfernt jagt die Artillerie in schneller Folge Geschosse in den Südlibanon hinein, aber in Schavei Zion ist es ruhig. Wer Angst hatte, ist zu Verwandten nach Tel Aviv gefahren, sagen die Menschen. Es sind viele. Geschlossene Fensterläden, verdorrte Pflanzen in trockenen Blumentöpfen, stille Zeugen für die Abwesenheit der Bewohner. Ein Bauer steuert seinen Traktor über ein nahes Feld, er trägt große Kopfhörer. Den Luftalarm wird er so verpassen. Hört er die Nachrichten? Das endlose Geschwätz ehemaliger Generäle?

Hölzerne Wegweiser führen zum Haus Beth El, dem „Haus Gottes“. In normalen Zeiten werden israelische Holocaust- Überlebende zum zehntägigen Erholungsurlaub hierher eingeladen, aber nun ist die Anlage menschenleer. „Büro“ steht in Deutsch und Hebräisch auf einem Schild. Das Büro ist auch zu. „Wir leben im Luftschutzraum“, sagt ein junger Mann, der plötzlich um eine Ecke kommt. Schmuel Bayer, Anfang 40 etwa, ein hagerer Mann in Jeans und Sandalen, ist der Leiter des Erholungsheimes. Vor 34 Jahren ist er mit Eltern und Geschwistern nach Israel gezogen und widmet sein ganzes Erwachsenenleben nun der Versöhnung und der Hilfe für die Holocaust-Überlebenden.

Zehn Tage Gäste, vier Tage aufräumen, dann neue Gäste: Der seit Jahren eingespielte Rhythmus ist vor zweieinhalb Woche brutal unterbrochen worden, als die Hisbollah das erste Mal rund 80 Katjuscharaketen in Richtung Naharija, Schavei Zion und Haifa abfeuerte. Seitdem fallen jeden Tag hunderte auf die Städte in Israels Norden herunter. Das öffentliche Leben steht still, 52 Tote gab es bisher, und die Menschen fliehen gen Tel Aviv und Jerusalem; nach offiziellen Angaben sind es mittlerweile 330 000. „Die Nordgrenze, die nie ruhig war, ist regelrecht explodiert“, sagt Schmuel Bayer.

Aber nun gibt es in Beth El nur noch einen Luftschutzbunker, der zweite wird ausgerechnet jetzt umgebaut. „Natürlich mussten wir die Arbeiten einstellen“, sagt Schmuel. Man habe den Gästen absagen und sie auf später vertrösten müssen. Er geht voran auf dem Weg in die Unterwelt, in den Luftschutzbunker.

50 Quadratmeter etwa, das ist alles. Stahlbetonwände, Stahlbetonboden. Säuberlich aufgereiht liegen dünne Matratzen an den Wänden entlang. In der Mitte ein großer Tisch. Der Fernseher wird nur für die Nachrichten eingeschaltet, und auch das Radio steht still in der Ecke. Hier lebt die Familie Bayer, Schmuel, seine Frau und drei Kinder, zusammen mit den Angestellten und Zivildienstleistenden seit 17 Tagen. Seit 17 Tagen und Nächten. Zwölf Menschen eingebunkert auf engstem, fensterlosen Raum unter der Erde. Eine chemische Toilette gibt es, so schreibt es der Gesetzgeber vor, der seit 1992 in jedem Gebäude einen Schutzraum sehen will, aber kochen müssen die Bayers oben. Die Kinder malen, lernen und musizieren, aber sie werden zappelig, weil sie nur einmal am Tag an die Oberfläche dürfen. Und die Erwachsenen reagieren schärfer. Man streitet sich nun über den Musikgeschmack.

Angst? Alle schütteln den Kopf. „Man gewöhnt sich sehr.“ Auch an die Raketeneinschläge? „Naja, wir wurden ja nicht direkt getroffen.“ So zwölf bis 15 Mal, schätzen die Bayers, seien die Raketen schon in einem Umkreis von 500 Metern eingeschlagen. Einer der Jungen geht schnell in die Bunkerecke und kommt mit einem Eimer zurück. Er ist voll mit Geschosssplittern. „Die haben wir beim Einschlagsort der Rakete gesammelt, die uns am nahesten kam.“

Am Mittagstisch verliert niemand auch nur ein Wort über die Raketen. Eigentlich wird recht wenig geredet. Worüber soll man nach Wochen der Gemeinsamkeit auf engstem Raum auch sprechen? Alle haben das Gleiche erlebt. Draußen dröhnt ein Lautsprecher los, die Durchsage ist hier unten unverständlich. Doch alle wissen: Alarm. Wer nicht schon im Luftschutzkeller ist, muss sich sofort einen suchen. Das ist ein Befehl.

Der Alarm beunruhigt an diesem Tag niemanden, mit der Zeit wird der Schrecken abstrakt. Wer redet, spricht weiter, wer isst, kaut weiter. Eine Entwarnung wird es nicht geben. „Zehn bis 15 Minuten sollte man drinnen bleiben, so lautet die Regel“, sagt Schmuel und lacht: „Meistens erfolgen Alarm und Einschlag gleichzeitig. Oder es ist ein Fehlalarm.“ An diesem Tag bleibt es still.

Die Jüngeren versuchen, der Lage mit etwas Humor zu begegnen. Sie seien gerade im „Heikal ha Tarbut“ gewesen, dem Kulturpalast, erzählen sie. Nein, natürlich gebe es den nicht wirklich. Sie haben scherzeshalber den öffentlichen Bunker Nummer sechs in Schavei Zion so umbenannt. Dort treten jetzt bekannte Künstler auf, „die in normalen Zeiten doch nie zu uns fänden“. Freiwillig, gratis – für die Moral. Fronttheater.

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