Zeitung Heute : Im Chip stecken die Chancen

Informations- und Kommunikationstechnologien werden als Querschnittstechnologien immer wichtiger

Barbara Kerbel
Doppelter Grund zur Freude. Dieser Student muss schmunzeln über einen japanischen Roboter, den er über seinen Computer steuert. Der Roboter kann Emotionen zeigen und macht richtig Spaß. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Doppelter Grund zur Freude. Dieser Student muss schmunzeln über einen japanischen Roboter, den er über seinen Computer steuert....Foto: picture alliance / dpa

Der Ansturm begann mit der Eröffnung. Als das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die Bibliothek der Humboldt Universität (HU), im Oktober 2009 seine Türen öffnete, wollten so viele Menschen den zehngeschossigen Bau des Schweizer Architekten Max Dudler besuchen, dass die Mitarbeiter vorübergehend Zeitkarten für den Lesesaal ausgeben mussten. Das Grimm-Zentrum ist aber nicht nur wegen der Architektur spektakulär, sondern hat außerdem das Potential zur 24-Stunden-Bibliothek: Ausleihen und Rückgaben werden automatisch registriert, Personal am Schalter ist dafür nicht mehr erforderlich.

Möglich macht das moderne Technologie. Alle Bücher und sonstige Medien im Grimm-Zentrum sind mit RFID-Chips ausgestattet: elektronischen Chips, die Informationen speichern und senden können. Nachdem die Technologie in der Universitätsbibliothek erfolgreich funktioniert, soll sie nun nach und nach auf die öffentlichen Bibliotheken in den Bezirken ausgeweitet werden. „Berlin hat in diesem Bereich einige bundesweit einzigartige Projekte vorzuweisen“, sagt Michael Stamm zufrieden.

Stamm ist Bereichsleiter IKT bei der TSB Innovationsagentur Berlin GmbH, einer Tochter der Technologiestiftung Berlin (TSB). Das Kürzel IKT steht für Informations- und Kommunikationstechnologien und umfasst so unterschiedliche Berufe wie Systemadministrator, Netzwerktechniker, Programmierer, Fachinformatiker, Spieleentwickler und viele mehr. „IKT-Themen sind Querschnittsthemen“, sagt Stamm. „Vom Handwerk bis zum Atomkraftwerk – überall ist IKT drin.“ Die Region Berlin-Brandenburg setzt auf diese Querschnitttechnologien: In ihrer gemeinsamen Innovationsstrategie haben beide Länder vereinbart, die Branche weiter zu fördern.

Unter Federführung der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen hat deshalb vor wenigen Monaten der „Cluster IKT, Medien, Kreativwirtschaft“ seine Arbeit aufgenommen; drei der darin definierten Handlungsfelder verantwortet die TSB Innovationsagentur: die Bereiche „vernetztes Leben“ (dazu zählen zum Beispiel intelligente Haustechniksysteme und die Telemedizin), Open Source/Open Standard (die Entwicklung frei zugänglicher Software) und die RFID- oder Nahfeldtechnologie. „Wir bringen Wirtschaft und Wissenschaft aus diesen Bereichen zusammen“, erläutert Stamm. Doch zu den Aufgaben des Clusters zähle nicht nur die Vernetzung, sondern auch das Marketing. Das Ziel: IKT-Berufe sollen bekannter werden – und attraktiver für Schulabgänger und Hochschulabsolventen.

Denn die Region braucht Fachkräfte. Die Branche spielt bereits eine wichtige Rolle: In Berlin sind mehr als 30 000 Menschen in rund 3300 Unternehmen und 30 wissenschaftlichen Einrichtungen beschäftigt; zählt man die vielen Freiberufler dazu, kommt man auf mehr als 50 000 Personen, die in dem Bereich ihr Geld verdienen. Und die IKT-Branche wird weiter wachsen – mittelfristig ist laut TSB von einem jährlichen Wachstum um drei Prozent auszugehen. Berlin und Brandenburg verfolgen ehrgeizige Ziele: ein Prozent stärker als im Bundesdurchschnitt soll die Branche in der Region wachsen. Das Klima für Neugründungen sei derzeit sehr günstig, sagt Stamm, zudem habe Berlin und die Umgebung enormes kreatives Potential.

Je stärker das Wachstum, umso mehr qualifiziertes Personal brauchen die Unternehmen – ob in der Softwareentwicklung, der Medizintechnik oder Prozessoptimierung. Nach Angaben des SIBB, des IKT-Branchenverbandes der Region Berlin-Brandenburg, verlassen pro Jahr etwa 1200 Absolventen die entsprechenden Fachbereiche der Hochschulen. Doch das reiche nicht aus, es drohe ein Fachkräftemangel; 8000 Beschäftigte, schätzt der Verband, werden in den kommenden Jahren in der Region gebraucht. „Der Bedarf ist vorhanden“, bekräftigt auch Stamm. „Aber die Nachfrage ist noch nicht groß genug.“ Noch immer sei die Branche zum größten Teil eine Männerdomäne, „es gibt kaum Frauen, die Fachinformatikerin werden wollen“.

Um die Branche Schulabgängern, Hochschulabsolventen und beruflichen Umsteigern zu präsentieren, veranstaltet der SIBB in diesem Jahr gemeinsam mit der Urania die Future Jobs, die erste Messe für IKT-Berufe. Rund 50 Aussteller stellen sich dort vor, die Veranstalter erwarten rund 2000 Besucher – nicht nur aus der Region. „Wir hoffen auf zahlreiche überregionale Gäste“, sagt Urania-Sprecherin Angelika Wachs.

Schüler können sich auf der Messe ein realistisches Bild der Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten machen. Von einem Klischee über die Branche sollten sich Interessenten aber besser sofort verabschieden: „Man sitzt eben nicht nur am Computer“, sagt Stamm. Vielmehr seien Team- und Kommunikationsfähigkeit Schlüsselkompetenzen auch für IKT- Fachleute. Stamm rät Interessenten dazu, sich zunächst so breit wie möglich zu qualifizieren, und sich dann erst zu spezialisieren. „Also lieber Informatik studieren als Medizininformatik.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar