Zeitung Heute : Im Club der Ewigen

Wie der Nobelpreis für Literatur vergeben wird

Daphne Springhorn[Stockholm]

Jeden Donnerstag um 17 Uhr, wenn die schmiedeeisernen Laternen die engen Gassen der Stockholmer Altstadt schon in ein warmes Licht tauchen, treffen sich die Mitglieder der Schwedischen Akademie im 1. Stock der Alten Börse. Hier, im Herzen des Quartiers Gamla Stan, hinter dem mächtigen Kirchturm der Storkyra, wird an diesem Donnerstag der Nobelpreisträger für Literatur bekannt gegeben. Wie geht es zu an diesem Ort, an dem ein exklusiver Zirkel jährlich einen Schriftsteller in den Club der vermeintlich unvergänglichen Literaten aufnimmt? Wer hierauf eine Antwort will, geht am besten ein paar Tage früher zur Alten Börse und wirft zunächst einmal einen Blick in das Sekretariat.

Dort werden die Vorschläge von ehemaligen Preisträgern, Schriftstellerverbänden und Akademien entgegengenommen – bis zu 400 pro Jahr. Der Raum ist gerammelt voll: Computerbildschirme, Kopierer, Faxgeräte und natürlich Bücherregale bis unter die Decke. Mittendrin die Tür zu Horace Engdahl, seit 1999 Ständiger Sekretär der „Svenska Akademien“. Um ihn herum: Antiquitäten von König Gustav III., der die Akademie 1786 nach französischem Vorbild gegründet hat. Ein Buch, das den künftigen Preisträger verraten könnte, sucht man in seinem Büro vergebens. Engdahl lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und zählt die Kriterien auf, nach denen der Nobelpreis vergeben wird: Es solle Literatur von weltumspannender Bedeutung sein, eine, die auch außerhalb ihres Ursprungsmilieus funktioniert, die geografische, kulturelle, sprachliche und zeitliche Distanzen überwindet. Eine universelle Literatur. Eine, die wandern kann.

Gegenüber Engdahls Sekretariat befindet sich die Nobelbibliothek. Ins Innere, ein Labyrinth aus Gängen ohne Zentrum, dürfen nur Akademie-Mitarbeiter. In einem Separee sitzt Kjell Espmark im Schein einer runden Schreibtischlampe. Das Licht reicht gerade, um ein paar Bücher im Regal zu erkennen. Der 76 Jahre alte Espmark, Dichter und Mitglied der Nobelkomitees, hat sich in das Reich der Literaturgeschichte zurückgezogen. Von Mai bis September hat er die Bücher der fünf Finalisten, die das Komitee aus der Liste der Nominierten ausgewählt hat, noch einmal durchgelesen. Gleich will er der Akademie sein Votum vortragen. Er freue sich besonders, wenn er mal wieder ein Buch lesen könne, das eigens für die Akademie übersetzt wurde, sagt Espmark. Insgesamt zehn Sprachen beherrschten die Akademiemitglieder. Einige weitere deckten die Bibliothekare ab. Espmark sagt das wohl nicht ohne Hintergedanken: Früher hatten Kritiker moniert, das Nobelkomitee bevorzuge westliche Autoren.

Derzeit nehmen nur 15 von 18 Mitgliedern an den Sitzungen teil, zwei Frauen und 13 Männer. Als im Iran das Todesurteil über den Schriftsteller Salman Rushdie verhängt wurde, schwieg die Akademie. Der damalige Sekretär wollte die Neutralität wahren. Daraufhin verließen 1984 drei Mitglieder die Akademie. Verwaiste Plätze dürfen nicht neu besetzt werden: Der exklusive Kreis wird auf Lebzeiten gewählt. Dementsprechend hoch ist auch das Durchschnittsalter der Mitglieder, derzeit 71 Jahre. Das jüngste ist 48, das älteste 87 Jahre alt.

Jede ihrer donnerstäglichen Sitzungen beschließen die Mitglieder des Komitees im nahe gelegenen „Goldenen Frieden“, Stockholms ältestem Restaurant. Im ersten Stock scheint die Zeit stillzustehen: zartgraue Tapeten, schwere, dunkelgrüne Gardinen, ein langer, weiß gebeizter Tisch mit geschwungenen Beinen. Getrunken wird heute noch aus Gläsern, die 1786 eigens für die Akademie geblasen wurden. Der Chefkoch serviert den Würdenträgern meist schwedische Spezialitäten. Die Streitlust, sagt eine erfahrene Serviererin, sei den Herren und Damen dann meist schon vergangen.

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