Zeitung Heute : Im Dickicht der Stadt

Sie gilt als gefährlichste Metropole der Welt. Ihr neuer Chef setzt Vertrauen gegen Gewalt. Hat Medellin seinen Meister gefunden?

Martin Gehlen[Medellin]

Es war eine gute Nacht. Sergio Fajardo schaut zufrieden auf das Häusermeer unter ihm. Er steht auf der Terrasse im 12.Stock des Rathauses, von hier aus kann er die von Bergen umschlossene Stadt gut überblicken. Zwei Millionen Menschen leben hier. Null Morde hat in der Frühe der Polizeioffizier gemeldet. Die Bilanz der Morde der vergangenen Nacht – sie ist immer das Erste, was Fajardo wissen will, noch bevor er sein Büro betritt.

Fajardo, 48 Jahre alt, liebt Zahlen, in den USA hat er zur Wahrscheinlichkeitstheorie promoviert. Seit elf Monaten ist Sergio Fajardo nun Bürgermeister von Medellin, der Stadt des Pablo Escobar, der vielleicht gefährlichsten Metropole der Welt. Die Probleme hier sind nach wie vor gewaltig, auch wenn die Zahl der Morde in den letzten beiden Jahren beträchtlich gesunken ist. Gab es Anfang der 90er Jahre in der Hochphase von Escobars Drogenkartell über 7000 Morde im Jahr, sank sie dann auf etwa 4000 jährlich. Im letzten Jahr halbierte sie sich auf 2000, Ende Dezember wird sie wohl bei 1200 liegen – so niedrig war sie seit einer Generation nicht mehr. Für Medellin ein großer Fortschritt, auch wenn hier im Monat immer noch mehr Menschen erschossen, erschlagen oder erstochen werden als in Berlin im ganzen Jahr.

Sergio Fajardo ist Kolumbiens bekanntester politischer Quereinsteiger. Ein kolumbianisches Jet-Set-Magazin kürte ihn unlängst zum erotischsten Mann des Landes. Mit ihm wurde zum ersten Mal in der Geschichte Medellins ein parteiloser linker Bürgerrechtler gewählt. „Wir haben einen Plan für Medellin entworfen und sind wochenlang zu Fuß in der ganzen Stadt herumgelaufen und haben ihn den Leuten vorgestellt“, erzählt er. „Nicht ein Mal wurden wir bedroht.“ Oberstes Ziel Fajardos ist es, die „Kultur der Gewalt“ zu stoppen, die Gegensätze zwischen armen und reichen Stadtvierteln zu verringern und die staatliche Präsenz überall wiederherzustellen. Angst vor Attentaten hat er nicht. In seinem 176-seitigen Zukunftsplan rangieren Transparenz und Vertrauen ganz oben. „Jeden Tag fühle ich mich wie auf einer Achterbahn“, sagt er in seinem Büro hoch über der Stadt. Der politische Neuling möchte, „dass die Stadt wieder in die richtige Bahn zurückfindet. Wir wollen der Welt zeigen, dass Medellin dabei ist, sich zu wandeln“, sagt er. In dieser Mission ist er heute auch bei Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin.

Medellin ist nicht nur die Stadt des Verbrechens, hier gibt es die größten Industrien Kolumbiens. Es gibt eine moderne Metro, ein bedeutendes Kunstmuseum und ein großes Poesiefestival. Die meisten Menschen leben gerne hier, wie Umfragen zeigen. An den steilen Hängen schieben sich die Armenviertel mit ihren kleinen und verwinkelten Ziegelhütten immer weiter nach oben. Die Straßen steil und schmal, die Bebauung dicht gedrängt. Seit drei Monaten nun gibt es eine öffentliche Seilbahn hinunter zur Metrostation, einzigartig in Lateinamerika. Für etwa 150000 Bewohner aus den Armenvierteln verkürzt sich die Fahrt zur Arbeit in der Innenstadt um mehr als eine halbe Stunde.

„Verbesserung der urbanen Kultur“, nennt das Bürgermeister Sergio Fajardo – und meint damit auch andere, ganz simple Neuerungen. Grünflächen, Bürgersteige, Kinos in der Innenstadt und Büchereien. „Jede Stadt wird sicherer, wenn mehr Menschen auf der Straße sind“, sagt Fajardo, der mit seiner Frau aus dem reichen Süden in die Innenstadt zieht, wo nachts immer noch Banden und Drogendealer die Regie übernehmen. „Wir Bürger wollen unsere Stadt wieder zurückhaben“, sagt Fajardo.

In seinem Rathaus, einem Betonturm in der Stadtmitte, herrscht Aufbruchstimmung. Gustavo Restrepo ist Direktor des neuen städtischen Programms für „Frieden und Versöhnung“. Viele Jahre war er Chefunterhändler der Regierung in Bogota mit den Guerilleros und gilt als einer der erfahrensten Männer Kolumbiens im Umgang mit Rebellengruppen. Jetzt soll er helfen, ehemalige Paramilitärs wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Das Projekt der Stadt Medellin ist in Kolumbien einzigartig – und sehr umstritten.

Als die 868 kahl geschorenen Kämpfer in frisch gebügelten Kampfhosen und schwarzen Hemden im November 2003 vor Fernsehkameras mit großem Tamtam ihre Waffen ablegten und der Gewalt abschworen, sprachen Menschenrechtsorganisationen, aber auch der US-Botschafter in Kolumbien, von einer Schmierenkomödie. Niemand könne kontrollieren, was diese Männer danach trieben, lautete die Kritik. Das Ganze sei ein Vorwand, um sich Straffreiheit zu verschaffen.

Für zwei Drittel aller Massaker in Kolumbien machen internationale Menschenrechtsorganisationen die Paramilitärs verantwortlich, die sich als eine Art Bürgerwehr zum Schutz vor den Guerilleros verstehen. In Medellin hatten sie bis vor kurzem noch 70 Prozent des Stadtgebiets unter Kontrolle. Und ihr Vorgehen ist, ähnlich wie das der Guerilleros, von unaussprechlicher Brutalität. Unbequeme Polizisten und Staatsanwälte werden eingeschüchtert oder ermordet und dann durch eigene Kandidaten ersetzt. Schätzungsweise 25000 Kämpfer gibt es im ganzen Land, ihnen stehen 23000 Guerilleros gegenüber. Und es existieren enge Verbindungen zwischen Paramilitärs und Polizei, Geheimdienst und Militär. Vier Jahrzehnte dauert dieser Gewaltkonflikt zwischen linken Rebellen, rechten Paramilitärs und dem regulären Militär nun schon und hat 200000 Menschen das Leben gekostet. Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe will den Bürgerkrieg durch Verhandlungen mit den Rebellen und den Ausbau von Militär und Polizei beenden. Trotzdem gab es im letzten Jahr 3000 politische Morde, 600 Menschen sind verschwunden, 2000 wurden entführt.

Für die Demobilisierung der Paramilitärs in Medellin gibt es keine Vorbilder. Darum wehrt sich Gustavo Restrepo auch gegen in seinen Augen vorschnelle Kritik. „Wir haben den Ex-Paras von Anfang an klar gesagt, dass wir zusammen mit den Bewohnern sehr genau darauf achten werden, wie sie sich in Zukunft verhalten“, sagt er. In den Stadtvierteln, die sie kontrolliert haben, werden nun im Gegenzug neue Polizeiwachen eingerichtet – oft zum ersten Mal seit Jahren gibt es hier wieder Polizisten auf der Straße. Auch werden alle „Demobilisierten“ von den Justizbehörden durchgecheckt, gegen 253 laufen Ermittlungsverfahren und 30 sitzen mittlerweile – meist wegen Mordes – im Gefängnis. Die übrigen bekommen ein Berufstraining und zwei Jahre lang einen Mindestlohn von 110 Euro. Da viele Firmen Angst haben, sie einzustellen, arbeiten die meisten bei der Stadt – als Straßenkehrer, als Boten oder als Wachmänner.

Olimpo Herrera, genannt die Glatze, war eine große Nummer in seinem Viertel. Seine Domäne waren Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel. „Mit krummen Dingern kann man viel Geld verdienen“, brummt er und schüttelt den Kopf, als wenn er sich immer noch über den Olimpo von damals wundert. Heute bereut er sein altes Leben, ist selbst in der Sozialarbeit tätig. Aber damals fand er sein Leben unheimlich aufregend – immer unter Drogen, immer auf der Lauer. Gab es ein hübsches Mädchen in der Nachbarschaft, erzählt er, übertrafen sich die Bandenmitglieder gegenseitig mit dem Morden. „Wer die meisten getötet hatte, der war die Nummer eins.“

Auch Fabio Acervedo war „im Krieg“, bis ihm jemand eine Handgranate ins Auto warf, seitdem sitzt er im Rollstuhl. Der kurz geschorene, quadratische Kopf des ehemaligen Paramilitär-Kommandeurs zuckt ständig, er spricht schleppend. Auf den Fluren des Rathauses ist er stets umringt von jungen Männern, die ihn „Don Fabio“ nennen. Er gehört zu den wichtigsten Verbündeten des städtischen Friedensteams.

„Wir wollen, dass derselbe Typ, der bisher mit einer Waffe herumgefuchtelt hat, losgeht und studiert und etwas Anständiges lernt“, sagt Bürgermeister Fajardo. „Wenn uns das gelingt, dann werden wir echte Veränderungen erreichen.“

Diesen Enthusiasmus seines Chefs verkörpert auch Maurizio Perez. Er hängte seinen gut bezahlten Job als Investment-Broker an den Nagel, um nun die städtische Bank für Kleinkredite zu leiten. Vor seinem Büro im Stadthaus bilden sich jeden Tag lange Schlangen. Wer weiß, was er will, der bekommt auch Kredit, egal wie arm er ist. So auch Luz Marina Montoya. Bis zu ihrer Scheidung arbeitete sie als Packerin in einer Textilfabrik. Dann sattelte sie um, machte einen Fotografiekurs und kaufte sich mit 1000 Dollar Kleinkredit eine gebrauchte Kamera und zwei Studiolampen.

Um diese Kleinkredite für Arme geht es am Abend auch im Fernsehen. „Mit dem Bürgermeister“ heißt die Sendung, die seit Januar jeden Donnerstag live ausgestrahlt wird. Sergio Fajardo berichtet, was er in der zurückliegenden Woche gemacht hat. Dann rufen die Leute an und stellen Fragen. Der San Antonio Park, in dem das provisorische Studio aufgebaut ist, ist längst dunkel und menschenleer. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sitzt der Bürgermeister auf einem Klappstuhl und nimmt kein Blatt vor den Mund. „Fünf Kinder sind mehr als genug“, sagt er zu einer Mutter, die über ihr Leben klagt und jetzt einen Imbiss aufmachen will. „Geld kann nur bekommen, wer eine gute Geschäftsidee hat“, sagt Fajardo. Als um 22 Uhr die Scheinwerfer erlöschen, nimmt er noch einen letzten Schluck Kaffee. Es hat angefangen zu nieseln. „Heute war ein guter Tag für Medellin“, sagt er.

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