Zeitung Heute : Im Dienste seiner Identität

Ein Mythenmann, der dem Kommunismus alles zu verdanken hatte – auch sein Leben. Zum Tod des DDR-Spionagechefs Markus Wolf

Axel Vornbäumen

Er war der „Mann ohne Gesicht“ – und es ist beileibe nicht ohne historische Ironie, dass seine Welt just in jenem Moment zusammenbrach, als er sich entschlossen hatte, dieses Gesicht das erste Mal einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen.

Als Markus „Mischa“ Wolf an jenem 4. November 1989, 12 Uhr 10, „nicht ohne zu zögern“, wie er bekannte, vor Hunderttausenden auf dem Berliner Alexanderplatz das Wort ergriff, da ahnte er noch nicht, dass fünf Tage später der Anfang vom Ende der DDR eingeläutet werden sollte. Ein Pfeifkonzert begleitete den kurzen, nur wenige Minuten währenden Auftritt des einstigen Chefs der DDR-Auslandsspionage an diesem tristen Novembersamstag. Wolf war irritiert, seine Worte nur schwer zu verstehen. Es war ja der Tag, an dem, wie es der Schriftsteller Stefan Heym empfand, „ein Fenster aufgestoßen wurde, nach all den Jahren der Stagnation“, nach „Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und bürokratischer Willkür, von amtlichere Blindheit und Taubheit“ – und Wolf wollte doch mittun.

Nur, das Volk ließ ihn nicht mehr.

Und so standen sie sich für einen historischen Moment auf seltsame Weise berührt gegenüber: hier die Hunderttausenden, denen es längst nicht mehr genügte, das Fenster einen Spalt breit aufzumachen, Hunderttausende, die doch längst offene Türen wollten für ihren Arbeiter- und Mauernstaat – und dort, auf der Bühne, jener Markus Wolf, lange Zeit recht enger Vertrauter des so verhassten Staatssicherheitsministers Erich Mielke, der mit seinen Sätzen nicht mehr durchdrang.

Dabei waren es durchaus bemerkenswerte Sätze, und einige wenige Monate zuvor wären diese Sätze sogar eine Sensation gewesen. Wolf sprach von einer „Scheinwelt“, in der die DDR-Oberen gelebt hätten und davon, „dass wir ihre Rückkehr nie wieder zulassen dürfen“. Vom „neuen Mut“ sprach er, den Michail Gorbatschow gebe, und von der „sehr harten Arbeit“, die nun vor allen läge, damit die Partei „ihre Rolle in der neuen Etappe unserer gesellschaftlichen Entwicklung spielen“ könne. Ein bisschen kommunistische Revolutionsprosa alter Schule schimmerte da durch, der ewig junge Geist des Anfangs, immer noch, wieder mal, und erst viel später erkannte Markus Wolf, dass die „Scheinwelt“, von der er gesprochen hatte, wohl auch seine Wahrnehmung verzerrt haben musste. Als sie kam, war es eine bittere Erkenntnis.

Wie auch sonst? Er hatte ja an dieser Scheinwelt mitgebaut. Sein Leben lang. Mit tiefer innerer Überzeugung. Ein Konstrukteur von hoher Fertigkeit war er, mittendrin im Kalten Krieg. Und mythenumrankt. Der große Unbekannte. Erst 1978 wird er, bei einem Treffen in Stockholm, von einem Fotografen „abgeschossen“, im März 1979 wandert das Foto auf das Titelblatt des „Spiegel“ – „Die Spione des Markus Wolf“. Nun erst weiß der Westen, mit wem er es zu tun hat. All das und noch viel mehr wird ihm später, im neuen, ihm längst nicht mehr so wohl gesonnenen Deutschland mit seiner Medienvielfalt, zumindest jenen Respekt einbringen, mit dem es sich leichter leben ließ in jener Welt, die nicht mehr die seine war.

Den „unbestritten besten Spionagechef der Welt“, nannte ihn, ausgerechnet, die „Jerusalem Post“ einmal, was etwas heißen will. Zu diesem Respekt für sein handwerkliches Geschick gesellte sich schnell der Eindruck, dass ihm offenkundig jene mittelmäßige Spießigkeit fremd war, die, eine Nachwendeerkenntnis, zum Markenzeichen der DDR-Führungselite geworden war. Ihn, den erklärten Kunstliebhaber, beschrieb eine britische Lektorin einmal als eine Art „verdeckten Ost-Aristokraten“. Ein an dieser Stelle fast merkwürdig anmutender Gegenentwurf zu all den Betonsozialisten mit ihrem vorgeblichen Arbeiter- und Bauernhorizont.

Fast 30 Jahre war Mischa Wolf Chef der DDR-Auslandsspionage, Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), wie es intern hieß, bevor er 1986 den Dienst quittierte. Man kann sagen: Er hat dem so manisch auf innere und äußere Sicherheit erpichten Staat in diesen Jahren nicht nur gedient, er hat ihn stabilisiert, in gewisser Weise womöglich gar am Leben gehalten. Und er hat Geschichte geschrieben, deutsche Geschichte. Mehr als 4000 Spione befehligte er in seiner Amtszeit – und der, der die historisch tiefsten Spuren hinterlassen hatte, hieß natürlich Günter Guillaume, Spitzel im Bundeskanzleramt, der Mann, der Willy Brandt zu Fall brachte. Dass ein gewisser Klaus Kuron, im Bundesamt für Verfassungsschutz ausgerechnet für Geheimdienstoperationen gegen die DDR zuständig, ebenfalls zur Agententruppe von Mischa Wolf gehörte, stand dem nicht viel nach.

Zu den kleinen Fußnoten, die Geschichte bisweilen zu bieten hat, gehört, dass sich Wolf und Guillaume ausgerechnet am Abend des 18. März 1990, in historischer Stunde, noch einmal begegneten. Es war der Abend jenes Tages, an dem in der DDR das erste und einzige Mal freie Volkskammerwahlen stattgefunden hatten und, wenn man so will, das Ende der SED-Herrschaft demokratisch besiegelt wurde, auch wenn sich die Partei zu diesem Zeitpunkt bereits umbenannt hatte.

Guillaume – das war Wolfs größter Coup, das perfideste Bubenstück in Zeiten deutscher Zweistaatlichkeit, ausgerechnet in einer Zeit, da man sich im Westen auf eine neue Ostpolitik und auf einen „Wandel durch Annäherung“ besonnen hatte. Dessen Architekt, Egon Bahr, sprach Jahre später, als längst nicht mehr alles so heiß gegessen wurde, wie es im Kalten Krieg gekocht worden war, zwar mal bei einer Podiumsdiskussion davon, dass er, Wolf, in gewissem Sinne ja auch „unser informeller Mitarbeiter“ gewesen sei – Wolf habe mit seiner Arbeit dabei geholfen, die SED-Führung von der Friedfertigkeit des Westens und der Nähe Bonns zu Moskau zu überzeugen.

Die Zeit glättet viel. An jenem Abend Mitte der 90er, als Bahr ihn auf milde Weise lobt, da lächelt Markus Wolf – doch von der Friedfertigkeit des Westens ihm persönlich gegenüber war er sein ganzes Leben lang nicht so recht überzeugt. Kurz vor der Wiedervereinigung flieht er, der im Westen mit Haftbefehl gesuchte, nach Moskau und kehrt erst 1991, nach dem gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow, nach Deutschland zurück. „Ein Markus Wolf wird nicht gestellt“, schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „er stellt sich zur Verfügung“.

In den Gerichtssälen des wiedervereinigten Deutschlands werden es Auftritte von zurückgenommener Grandezza. In den ergänzenden Talkshows dito. Dass sich Markus Wolf dabei in den Fängen der „Siegerjustiz“ wähnt, wie er es nennt – daraus macht er nie einen Hehl. Er bedient damit das Bauchgefühl einer treuen Fangemeinde, die in ihm weiterhin einen der obersten Kämpfer für die gerechte Sache sieht. Doch der Rechtsstaat tut sich so leicht nicht: 1993 wird Wolf zwar durch das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Landesverrats in Tateinheit mit Bestechung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Doch das Urteil wegen Landesverrats hat keinen Bestand. Im Mai 1995 veröffentlicht das Bundesverfassungsgericht einen Beschluss, nach dem DDR-Bürger, die vor der Wiedervereinigung gegen die Bundesregierung spioniert haben, nur noch eingeschränkt rechtsstaatlich verfolgt werden dürfen. 1997 schließlich kommt es zu einer Verurteilung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe unter Gewährung von Strafaussetzung zur Bewährung wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung in vier Fällen. Wolf nennt es „ein politisches Verfahren“.

Womöglich ist das der Moment, in dem sich das Leben des Markus Wolf rundet – denn sein Weltbild bleibt intakt.

Es ist das Weltbild eines Mannes, der dem Kommunismus alles zu verdanken hat, nicht nur seine eigene historische Rolle, auch sein Leben. 1934 flieht die Familie des jüdischen Dramatikers und Kommunisten Friedrich Wolf in die Sowjetunion. Markus Wolf, zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt, wächst in Moskau auf. Das Kriegsende, das mit 24 Salutschüssen bekannt gegeben wird, erlebt er in einer „riesigen Menschenmenge in der Nähe des Kreml“, er hat wie so viele Tränen in den Augen und ist unsicher, ob er in diesem Moment tatsächlich Heimweh nach Deutschland hat. Doch schon zwei Wochen später landet er, nur kurz nach der Gruppe Ulbricht, an Bord einer sowjetischen Militärmaschine in Tempelhof.

Das Luftbild vom zerstörten Berlin beim Anflug auf den Flughafen lässt ihn nicht mehr los. Noch an Bord der Maschine wird diskutiert, dass ein Wiederaufbau der zerbombten Stadt wahrscheinlich nur an einem anderen Ort möglich sei. Wolf wird zum „Berliner Rundfunk“ in die Masurenallee geschickt. Ihm fällt in jenen Tagen schnell auf, wie er einmal dem Tagesspiegel sagt, dass „jeder irgendeinem Kommunisten oder Juden geholfen haben will“. Der 22-Jährige fragt sich: „Wo waren denn alle die geblieben, die Hitler zugejubelt hatten und bis zuletzt, buchstäblich bis zum Brandenburger Tor, bis zum Hitlerbunker diesen schrecklichen Kampf weitergeführt haben?“

Beim „Berliner Rundfunk“ wird Wolf Leiter der Politischen Redaktion, er spricht Kommentare unter dem Namen Michael Storm. Im November 1945 fährt er mit zwei sowjetischen Kollegen zum Kriegsverbrecherprozess nach Nürnberg. In der siebten Reihe, „von der Anklagebank gesehen ziemlich weit links“, sitzt er als Prozessberichterstatter an fast allen der 218 Verhandlungstage. Am 1. Oktober 1946 spricht er im „Berliner Rundfunk“ den Schlusskommentar.

Es sind politisch prägende Zeiten für den jungen Markus Wolf, der, bevor er 1951 seine Geheimdienstkarriere beginnt, 1949, nach Gründung der DDR, noch einmal nach Moskau zurückgeht und als Erster Rat an die DDR-Botschaft berufen wird.

So wird er für den jungen zweiten deutschen Staat zu einem der Männer der ersten Stunde. Ungebrochen ist seine politische Sozialisation, viele Jahre später wird das deutlich, als er von der „Jüdischen Rundschau“ befragt wird, wie „integral Antisemitismus“ auch im sozialistischen Osteuropa gewesen sei. Wolf antwortet damals: „Ja sicher“. Man habe das aber als „Relikt der Vergangenheit“ angesehen „und nicht mit unmittelbarem Bezug auf unsere eigene Realität. Wir waren, wenn Sie so wollen, durch den Kommunismus indoktriniert, aber ich habe mich dabei eigentlich nie als blind gefühlt. Sicher hatten wir Scheuklappen, aber trotzdem meine ich, dass uns die marxistische Ausbildung, die wir während des Krieges an der Kominternschule erhielten, die Fähigkeit zum eigenen Denken nicht genommen hat, sondern eigentlich erst angeregt hat.“

Es ist, wenn man so will, die Frage nach dem richtigen Leben im falschen. Markus Wolf hat sie für sich früh beantwortet und an der Antwort nur wenige Korrekturen vornehmen müssen, auch nicht in seinen Büchern, wie etwa dem in früher Wendezeit erschienenen Buch „Die Troika“, das auch eine Hommage an seinen Bruder, den Filmregisseur Konrad Wolf, ist. Bei denen, die ihm ohnehin nahe waren, hat ihm das Respekt eingebracht. Mehr als einmal wurde er in der Öffentlichkeit, etwa bei Restaurantbesuchen im Osten Berlins, von Kellnern oder anderen Gästen um Autogramme gebeten.

Der Chef der Linkspartei/PDS, Lothar Bisky, hat am Donnerstag einige würdigende Worte für Markus Wolf gefunden. Einfach hat er sich damit nicht getan. Bisky hat gesagt, Wolf sei „auf seine Weise Ausdruck des Jahrhunderts der Extreme. In Hoffnung auf ein anderes, ein gerechteres Deutschland hat er auf der einen Seite deutlichst undemokratische Strukturen, einen politischen Missbrauch im Namen des Sozialismus mitgetragen. Er hat auf der anderen Seite selbst Konsequenzen aus diesen Erfahrungen gezogen in Zeiten, da es niemand von ihm erwartete.“

Lothar Bisky hat dann noch gesagt: „Markus Wolfs Lebensweg kann widersprüchlicher nicht sein“. Doch wahrscheinlich irrt hier Bisky. Wolfs Weg war erstaunlich gerade.

Markus Wolf starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 83 Jahren in seiner Berliner Wohnung.

Mitarbeit: Andreas Austilat

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